Cluster für den Wintersport im Sommer

PotAS-Kommission will bis 15. Juli liefern / Bundestag-Sportausschuss berät mal wieder die Spitzensportreform

Berlin 21. Februar. Das alte Thema ist wieder das neue Thema, das auf der Tagesordnung des neu formierten Sportausschusses im Deutschen Bundestag ganz oben steht: die Neustrukturierung des Spitzensports und der Sportförderung. Am Mittwoch bekamen vor allem die neuen Mitglieder einen Vorgeschmack, was sie da in ihren weiteren Sitzungen erwarten wird. Und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sich schnell wieder etwas findet, wo sich die Protagonisten aus Sport und Politik in die Haare geraten.

Noch immer ein Schreckgespenst vor allem für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und manche Verbände ist PotAS – das Potenzialanalysesystem. Nach dem Rücktritt des ersten PotAS-Kommissions-Vorsitzenden Bernd Strauß im letzten August übernahm sein Vertreter Urs Granacher das Ruder. Und arbeitete nach dem überraschenden Personal-Knall mit seinem Gremium vor sich hin. Erste „Früchte“ der Arbeit sollen nun bis zum 15. Juli für den Wintersport vorgelegt werden, erklärte der Potsdamer Professor den Mitgliedern des Sportausschusses.Bis dahin sollen die Sportarten in die Cluster (Sie erinnern sich? Exzellenzcluster, Potenzialcluster und Cluster mit wenig oder keinem Potenzial) eingeteilt sein.

Angesichts des „Medaillenregens“ und des Goldfiebers, die nun die Sportfamilie (zugegeben auch manche MedienvertreterInnen) erfasst haben, fragen sich manche: Was wird da jetzt wirklich reformiert? Etwa: Kann man den Schlittenfahrer eine der teuren Bobbahnen wegnehmen? Oder wie ist das mit den erfolglosen EisschnellläuferInnen?

151 Fragen

Für die Sommersportarten, so Granacher weiter, werde die Aufteilung bis Mitte 2019 vorliegen.Die derzeitigen Funktionstests für PotAS sähen „sehr gut aus“. Die Datenerhebung für das computergestützte PotAS-Programm läuft noch bis Ende Mai. Für die 16 Hauptattribute und 53 Unterattribute, die für die Clustereinteilung wichtig sind, müssen die Verbände 151 Fragen beantworten. Nach Abschluss der Erhebung werden die Verbände angehört, bevor die Daten ausgewertet und die Cluster festgelegt werden. Die PotAS-Ergebnisse sind dann Grundlage für die Strukturgespräche des Bundesinnenministeriums (BMI) und des DOSB mit den Verbänden.

Missverständnisse und Zweifel an PotAS gab und gibt es nach wie vor. Granacher stellte noch einmal klar, dass PotAS nicht in der Lage ist, individuelle Leistungsentwicklungen zu prognostizieren. Es gehe darum, die Rahmenbedingungen zu verbessern, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu steigern. Dazu habe es u.a. umfangreiche Athleten- und Trainerbefragungen gegeben. Mehrere Abgeordnete kritisierten genau an diesem Punkt: Die SportlerInnen selbst kämen bei der PotAS-Bewertung einfach zu kurz.

Spannend also wird es ganz bestimmt, wenn dann PotAS wirklich im Einsatz ist – in wieweit Theorie und Praxis sich dann annähern werden. Und die Skeptiker vor allem aus dem Sport sich überzeugen lassen.

Basisförderung

Gerhard Böhm, Abteilungsleiter Sport im BMI, betonte, dass mit PotAS „nichts entschieden werde“. Das System solle SportlerInnen in die Lage versetzen, erfolgreich zu sein.Er betonte noch einmal, dass der Clusterung Strukturgespräche und die Förderkommissionsentscheidungen folgen. Und auch diejenigen, die im Cluster mit Null-Potenzial landeten, erhielten auf jeden Fall eine Basisförderung.

Böhm verwies noch einmal darauf, dass die Reform eine Konzentration von Fördermitteln sowohl des Stützpunkt- als auch des Kadersystems vorsieht. Um die Streichung von Stützpunkten hat es im vergangenen Jahr heftige Auseinandersetzungen gegeben. Nun sei man aber mit der inhaltlichen Vorbereitung zwischen DOSB und Ländern so weit, dass sich eine einvernehmliche Lösung abzeichne. Böhm betonte, dass man die Konzentration von Sportarten und  Stützpunkten als Beitrag zur Steigerung der Qualität der Einrichtung und nicht als Sparprogramm verstehen soll.

Kaderzahlen

Neben der Stützpunktproblematik waren bisher auch die teilweise intransparenten Kaderzahlen ein Streitpunkt zwischen BMI und DOSB. Hier seien, so Böhm „weitere wichtige Schritte“ gemacht worden. Durch die Konzentration auf weniger Stützpunkte und weniger SportlerInnen könne man nicht nur die Bundesstützpunkte besser ausstatten, sondern für die dort trainierenden AthletInnen bessere Bedingungen schaffen. Und das wäre dann sicher ein Anreiz für die Aktiven, so Böhm, sich aus eigenem Interesse für diese Bundesstützpunkte zu entscheiden, anstatt das sie  dorthin beordert werden. AthletInnen entscheiden –  das wird manchem Verbandsfürsten nicht so gefallen.

Bundesminister Thomas de Maizière hat seit dem Startschuss zur Reform immer wieder deutlich gemacht, dass der Sport erst seine Hausaufgaben machen muss, wenn er mehr Geld haben will. Das heißt: Mittel sinnvoll, zielgerichteter und für alle transparent einzusetzen. Böhm wiederholte ein weiteres Credo des geschäftsführenden und scheidenden Sportministers de Maizière auch vor dem Ausschuss: Wenn ein Mehrbedarf überzeugend begründet werde, setze sich der Minister auch für einen Mittelaufwuchs ein.

So manchem Neuling im Sportausschuss dürfte am Ende schon etwas der Kopf geraucht haben, bei so viel Input. Dem neuen alten stellvertretenden Vorsitzenden, der in dieser Sitzung bestimmt wurde, sicher nicht: Dieter Stier (CDU) kennt das schon zur Genüge aus der letzten Legislatur.

Im übrigen sieht es so aus, dass – trotz aller wortreichen Forderungen aus den eigenen Reihen – der Sportausschuss weiterhin nicht öffentlich tagen wird. Genau das Gremium, das im letzten Jahr von DOSB und BMI fehlende Transparenz eingefordert hat.

Also dann alles wie gehabt: Wenn die Olympioniken und ihre Entourage zurück aus Südkorea sind, wird sie der sportpolitische Alltag genauso schnell wieder einholen wie den einen oder anderen Abgeordneten, der auch vor Ort war. Und die Öffentlichkeit wird nicht erfahren, wie erfolgreich der sportpolitische Gedankenaustausch der Parlamentarier denn nun war.