Glaubwürdiger Sport muss Werte verteidigen

Liebe Leser und Leserinnen,

viele Weihnachtsgrüße mit dem Wunsch nach Frieden und Besinnlichkeit sind sicher auch bei Ihnen eingetroffen. Wer sehnt sich nicht nach diesem Jahr nach einer Welt, die wieder in die richtige Umlaufbahn katapultiert wird, Kriege beendet und Krisen endlich gelöst werden, anstatt sie noch durch dilettantisches Handeln zu verschlimmern.

Wir müssen ja nicht alles jetzt und gleich lösen, aber wir sollten uns auf den Weg machen, Probleme mutig anzugehen, auch wenn man sich dabei nicht unbedingt bei allen beliebt macht. Das gilt nicht nur für die PolitikerInnen, denen man leider zum Vorwurf machen muss, dass sie immer noch ideologisch, parteipolitisch und vor allem weit weg von der realen Lebenswelt der Bürger und Bürgerinnen entscheiden – nur um ihre Macht zu erhalten.

Ich wünsche mir endlich, dass Phrasendrescher, Nicht-Kommunikatoren und Besserwisser sich auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen: Dem Staat und denen, die sie gewählt haben, zu dienen.

Das vergangene Jahr zeigte deutlich, dass unsere Gesellschaft weiter auseinanderdriftet, dass es keine Gesprächs- geschweige denn Diskussionskultur gibt, dass man nur schwarz-weiß malt, wie das Beispiel des schrecklichen Terrorüberfalls der Hamas auf Israel zeigt. Und es ist eine Schande, dass diese ideologischen Schreihälse nicht nur auf der Straße ihre Parolen brüllen und anders Denkende dann auch schon mal verprügeln. Ausgerechnet an Universitäten, wo es um freie Wissenschaft geht, werden nun jüdische StudentInnen bedroht – und hängengelassen. Wie das übrigens auch im Alltag Juden nicht nur in Deutschland erleben müssen.

Nie wieder – ist es ein Versprechen? Oder nur eine dahingesagte Phrase?

Auch auf deutschen Sportplätzen sind jüdische SportlerInnen etwa von Makkabi nicht vor Angriffen sicher. Sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen sind antisemitische und rassistische Gesänge ja nix Neues. Man geht dagegen vor, immer noch eher halbherzig als überzeugt. 2006 gab es in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft mit dem Motto: „Zu Gast bei Freunden“ – nun wird es im kommenden Jahr eine Fußball- Europameisterschaft  in Deutschland geben, aber mit der Gastfreundschaft ist es nicht weit her. Mit Fremden und Migranten wissen wir momentan nicht, wie wir umgehen sollen – vielleicht, weil wir uns in den letzten Jahrzehnten auch nicht bemüht haben, Menschen hier zu helfen, ein wirkliches Zuhause, wenn nicht gar eine neue Heimat zu finden.

Meist sind es die Kinder

Sport, so heißt es, verbindet, hilft bei der Völkerverständigung und bringt Menschen zueinander. Das stimmt bedingt – meist sind es die Kinder, die Sprachbarrieren und Grenzen überwinden – und ganz schnell lernen, was es heißt Teamgeist zu entwickeln. Über Menschenrechte und Sport wird beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) viel geredet, in Gremien Aktionen gestartet. Auch die AthletInnen sind bei Diskussionen ganz vorne dabei. Den Worten folgen aber dann doch eher wenig Taten, wenn es gilt, Werte und Menschenrechte zu verteidigen, wie etwa nun die Zulassung russischer und belarussischer SportlerInnen bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris zeigt. Man kann alles Für und Wider immer wieder bis zum Exzess diskutieren – wer Werte wie das friedliche Zusammenleben, gegenseitiges Vertrauen und ein besseres Verstehen von Nationen bei jeder Gelegenheit propagiert, aber dann für Aggressoren und Autokraten den roten Teppich ausrollt, der hat nicht nur seine Werte über Bord geworfen, sondern auch jeglichen moralischen Anspruch verloren. Und AthletInnen, die immer wieder versichern, sie stünden an der Seite der UkrainerInnen, sollten sich überlegen, ob sie dann nicht nur verbal, sondern auch tatsächlich Haltung zeigen, in dem sie auf eine Olympiateilnahme verzichten. Ja, ich weiß, was kommt: Einmal im Leben, einmalige Chance etc.

Paris wird in vielfacher Hinsicht ein Lehrstück für die sogenannte olympische Familie sein: Vor allem die Sicherheitsfrage wird diese Spiele in einer Welt entscheidend prägen, die außer Rand und Band scheint.

Olympische Spiele will ja auch der organisierte deutsche Sport, und er hat in bekannter Manier nun wieder zum Bewerbungsfiasko angesetzt. Vielleicht sollte der DOSB doch erst einmal seine dringenden Hausaufgaben erledigen und abschließen, die da u.a. wären Sportentwicklungsplan und Spitzensportreform, die unendliche Geschichte des Versagens. Wer eine Nation für Sport begeistern will, der muss sie zu einer Sportnation formen, die die Deutschen – entgegen vieler Behauptungen – nicht sind. Wir sind nicht einmal mehr eine Fußballnation. Wer gerne das Fairplay bemüht, der sollte in Zeiten knapper Kassen vielleicht auch mal seine Roadmap Olympia wieder zusammenrollen und sagen: Okay, wir bereiten uns mal richtig vor, analysieren die Fehler der letzten Bewerbungen und starten dann neu durch. Diese Größe hat der DOSB nicht, nein, er will mehr Geld. Wofür? Da wäre nun auch das Ansinnen, dass das ehrenamtliche Präsidium bezahlt werden will. Sicher kann man darüber reden, wie man Ehrenämter in den Sportorganisationen zum Hauptamt umfunktionieren könnte. Aber auch da gilt es transparent und offen zu diskutieren und nicht nebulöse Anträge ohne konkrete Inhalte zur Abstimmung stellen zu wollen.

Lichtblicke

Aber es gibt ja noch Lichtblicke: Die überraschenden Weltmeistertitel der Basketballer und der Fußballer U-17 versöhnen zumindest diejenigen, die sich für Spitzensport begeistern, weil es zeigt, dass es junge Menschen gibt, die sich gerne für eine optimale Leistung richtig ins Zeug legen. Leistung und Leistungsbereitschaft sind ja mittlerweile auch im Sport offensichtlich bei manchen eher weniger wichtig – Hauptsache Kohle und Vermarktung stimmen.

Da wenden wir uns dann lieber den vielen in den Vereinen zu, die Tag für Tag ihren Mann und ihre Frau als Übungsleiter, Platzwart, Schiedsrichter, Vorstand und und… stehen, für einen Apfel und ein Ei ihren Verein am Leben erhalten. Und denen, die aus Spaß am Sport, an der Bewegung, wegen Gesundheit und Geselligkeit in einen Verein eintreten. Ohne sie wären Organisationen wie der DOSB sowieso überflüssig – vielleicht sollten die FunktionärInnen etwas demütiger werden, mal darüber nachdenken und ihre vor allem finanzielle Anspruchshaltung gegenüber Politik und BürgerInnen überprüfen.

Es gäbe viel zu tun für den DOSB. Stichwort Klimawandel: Welche Sportarten werden überleben? Stadtentwicklung: Wie kann man Bewegungsräume günstig, nachhaltig und gut erreichbar integrieren? Oder: Wie gewinne ich mehr Menschen für ein Ehrenamt, das mittlerweile eher Frust als Lust mit sich bringt. Das wären ja schon mal Themen, für die es lohnt, 2024 seine Energie zu verwenden. Olympia gerät da ganz hinten auf die To-do-Liste, wenn es um Transformation auch des Sports gehen sollte.

Nun aber genug mit der Bilanz. Obwohl ich ja nur noch gelegentlich auf sportspitze.de schreibe, habe ich immer noch treue und überraschenderweise viele Leser. Ihnen möchte ich sehr herzlich für ihr Interesse an meinem Blog und ihr Vertrauen danken. Ich schreibe auch weiter, wenn es mich mal wieder danach drängt.

Ihnen allen ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest mit vielen wunderbaren Momenten und Begegnungen. Und für 2024 wünsche ich uns allen weniger Krisen und Kriege, mehr Mit- und Füreinander, Hoffnung und den Glauben an das Gute im Menschen. Um es mit dem italienischen Staatsmann Niccolò Macchiavelli zu sagen: „Nichts ist so hoffnungslos, dass wir nicht Grund zu neuer Hoffnung fänden.“

In diesem Sinne das Allerbeste für Sie alle

Ihre Bianka Schreiber-Rietig