Hörmanns verbale Axtschläge

DOSB-Präsident sorgt mit Hauruck- und Haudrauf-Rede für Verärgerung

Berlin, 7. Dezember. Angeschlagene Boxer reagieren reflexartig. So auch der angeschlagene DOSB-Präsident Alfons Hörmann, der bei der Mitgliederversammlung in Hannover zu einem von den Delegierten bejubelten Rundumschlag ausholte. Wer die Rede noch einmal nachhört, fühlt sich an Aschermittwochs-Krawallreden der CSU erinnert.

Mehr als eine Woche ist es nun her, dass die Olympiabewerbung Hamburg gescheitert ist. Sportaffine Menschen hofften umsonst, dass nach der wiederholten Bewerbungs-Pleite und den seit Monaten andauernden Korruptions- und Doping-Erdbeben in internationalen und nationalen Sportverbänden nun mal etwas Demut und Einsicht und der wirkliche Willen zum Umdenken bei den DOSB-Granden zu erkennen wäre. Doch – nichts. Kaum eine Spur von Selbstkritik. Ganz im Gegenteil: Schuld sind die anderen. Auch welche im Sport.

Zwei Sündenböcke

Das sind zunächst einmal natürlich Fifa und der Internationale Leichtathletikverband IAAF. Und dort diejenigen, die das Sagen haben bzw. hatten. Und namentlich macht Hörmann auch zwei deutsche Vertreter, die in den Exekutivkomitees saßen, als Sündenböcke aus: Den ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger bei der Fifa und den Leichtathletikpräsidenten Helmut Digel bei der IAAF.

Sie hätten doch mitkriegen müssen, was da läuft in Sachen Doping oder Korruption, warf Hörmann den beiden in Hannover nicht anwesenden Ex-Funktionären vor. Man mag nun zu den Genannten stehen, wie man will, aber warum nennt der DOSB-Präsident gerade sie namentlich? Werden da alte Rechnungen beglichen? Zumindest mit dem permanenten DOSB-Kritiker Digel? Dieser forderte übrigens am Montag in einem offenen Brief, der sportspitze.de vorliegt, eine Entschuldigung von Hörmann.

DOSB Hörmann_Offener Brief_07.12.2015

Der DOSB und der Sport insgesamt wollen Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Da passt nun einiges aber nicht zusammen: Zum Beispiel: Warum zeichnet der DOSB noch im Januar dieses Jahres Digel mit der Ehrennadel des Verbandes aus, die verliehen wird „an Persönlichkeiten oder Organisationen aus dem organisierten Sport, die sich innerhalb oder außerhalb des DOSB besondere Verdienste um die Förderung und Entwicklung des Sports erworben haben“, wenn man ihn dann 11 Monate später anschwärzt, diese Verdienste in Abrede stellt und ihn quasi mit dem Bannstrahl trifft?

Ist das nicht Heuchelei?

Das Üble mitbekommen

Warum fragt Hörmann nicht öffentlich auch mal den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach, der viele Connections mit den nicht immer koscheren Mit-Mächtigen im Sport hat, lange im IOC-Exekutiv-Komitee saß, wie es da mit der Distanzierung zu dem ehemaligen IAAF Präsident Liam Diack oder zu dem heutigen Sebastian Coe stand und steht? Oder zu anderen ertappten „Sündern“ in der Olympier-Familie? Nach der Logik eines Alfons Hörmann müsste doch auch Bach das meiste – besonders auch das Üble – mitbekommen haben. Oder auch ihm selbst könnte man die Frage stellen: Was wissen Sie und haben es für sich behalten? Hörmann war nicht nur Präsident des Deutschen Skiverbandes, sondern saß und sitzt im Vorstand der FIS (Internationaler Skiverband) und in der Internationalen Biathlon-Union. Was also hat er da von der seuchenartigen Dopingverbreitung mitbekommen? Und vor allem: Was hat er selbst dagegen unternommen? Auch als DOSB-Präsident  hat er sich in seiner bisher zweijährigen Amtszeit nicht gerade als Aufklärer oder Kämpfer gegen Korruption, Manipulation und Doping hervorgetan. Er selbst hat in seinem beruflichen Umfeld  wegen Kartell-Absprachen gegen Fair play im Wettbewerb  verstoßen, und zahlte 150 000 Euro Bußgeld. Wer im Glashaus sitzt, sollte besonders vorsichtig sein – Glaubwürdigkeit sieht anders aus!

Der Auftritt vermittelte keine Aufbruchsstimmung, sondern nur Stil- und Respektlosigkeit.

Heftige Rüffel

Das gilt auch für die Anwürfe gegen Regierung und Parlament. Er teilte gegen Kanzlerin Angela Merkel allerdings  in einer Sitzung aus ( zu wenig für Hamburger Bewerbung eingesetzt). Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (für seine Äußerung, der Sport müsse wieder liebenswerter werden) und nicht zuletzt Bundesinnen- und -sportminister Thomas de Maizière (wegen des angedachten Bundesamts für Sport) rüffelte Hörmann heftig. Und wurde dafür von Delegierten mit standing ovations bejubelt. Ob das so klug war? Denn schließlich sind Parlament und Regierung die größten Geldgeber des deutschen Sports – und die Hand, die einen füttert, beißt man lieber nicht – zumal in schwierigen Zeiten. Sieht so Aufarbeitung von hausgemachten Fehlern, Versäumnissen und Pleiten aus? Mitnichten. Einmal mehr erwiesen sich  die Delegierten  als feige. Erst nach der Veranstaltung  mutierten sie von Jublern wieder zu Hinterzimmer-und  Wandelgang-Kritikern. Und am Montag fragten sich einige selbstkritisch, was sie da eigentlich bejubelt haben….

Kluft ist gewachsen

Mehr Freunde hat der DOSB-Präsident sich und dem Sport mit dieser Hauruck- und Haudrauf-Rede, in der er zu tiefen verbalen Axtschlägen ausholte, nicht gemacht. Die Kluft zwischen DOSB und Politik ist nach Hannover noch größer geworden, das Ringen um das neue Sportförderkonzept noch schwieriger. Der DOSB verweist bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten auf die Autonomie des Sports, die er aber mehr und mehr selbst vergeigt: Bei der Dopingproblematik versagten die eigenen „Selbstreinigungskräfte“, beim Kampf gegen Spielmanipulationen ebenso – der Staat mischt mit, weil der Sport es selbst nicht hinkriegt. 

Wer de Maizières genau zuhört, wird feststellen, dass der Weg für den deutschen Sport kein leichter werden wird. Zumal nach dem Präsidenten-Auftritt mit Bumerang-Effekt: Da wird dem DOSB einiges auf die Füsse fallen in nächster Zeit. Und bei denen, die noch jubeln, wird sich ganz sicher Katerstimmung breitmachen.

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