Dopingopfer laufen gegen eine Mauer

Die Grünen-Bundestagsfraktion lud ein: Geschädigte berichteten über ihre desolate Lebenssituation und klagten über Ignoranz der Politik

Berlin, 1. Dezember.- Die Namensliste der Hilfesuchenden wächst täglich, die Zeit arbeitet gegen sie: Die DDR-Dopingopfer laufen im vereinten Deutschland 25 Jahre nach dem Mauerfall wieder – oder immer noch – gegen eine Mauer. Eine Mauer der Ignoranz, des Abwiegelns, der Seilschaften, des Verdrängens, des Aussitzens, der Respektlosigkeit.

Bei einer Veranstaltung der Grünen-Bundestagsfraktion in Berlin konnten die Zuhörer die ohnmächtige Wut und teilweise auch Resignation gegenüber dem organisierten Sport und der Politik nachvollziehen.

Ehemalige DDR-Spitzenathleten berichteten nicht nur über ihre gesundheitlichen und seelischen Schäden, sondern schilderten auch ihre prekäre Lebenssituation. Sie werden als Nestbeschmutzer beschimpft, von Behörden schlecht behandelt oder mit ihren Anliegen ignoriert. Manche von ihnen sind schwer krank, können sich nur noch mit hochdosierten Schmerzmitteln durch den Alltag schlagen. Andere bestehen nur, weil sie in therapeutischer Behandlung sind. Und wieder andere leben jeden Tag intensiv, denn ihre Lebenserwartung ist nur noch kurz.

1999 wurde der Verein Dopingopferhilfe (DOH) gegründet, der sich nun, fast alleine gelassen, dieses schweren Themas annimmt. Über Doping wird am liebsten immer noch geschwiegen – egal, ob es Vergangenheit oder Gegenwart betrifft. In der Erfolgswelt des Spitzensports, in der Medaillen über allem anderen stehen, in der es um finanziellen und prestigeträchtigen Gewinn geht, koste er, was er wolle, da stören ehemalige Weltmeister und Olympiasieger, die heute menschliche Wracks sind. Dank der „u. M.“ – unterstützenden Maßnahmen – wie man damals die Vergabe chemischer Keulen als Leistungssteigerer so harmlos umschrieb. Und in einer Gesellschaft, die sich gerne selbst Pillen bei jeder Gelegenheit einwirft, ist Doping selten ein Aufreger. So what?

Fernhalten von Opfern

Gerne stehen Politiker und Funktionäre neben den olympischen Heroen und lassen sich ablichten – von den Opfern halten sie sich fern. Bei der Grünen-Veranstaltung waren Vertreter der Fraktionen anwesend, aber weder das Bundesinnenministerium noch der Deutsche Olympische Sportbund vertreten. Daran, so sagt die DOH-Vorsitzende Ines Geipel, sei man mittlerweile gewöhnt. Sie spricht von „Blockade-Politik“. Seit vier Monaten bitte sie beispielsweise um einen Gesprächstermin beim DOSB; der sei dreimal zu DOH-Mitgliederversammlungen eingeladen worden. Ohne Erfolg.

Dabei sind Verständigungs- und Aktionsschritte überfällig. Die seit über einem Jahr bestehende Beratungsstelle für Dopingopfer, die in der Havemann-Stiftung einen Raum nutzen darf, hat großen Zulauf. Die beiden Mitarbeiter gehen schon an ihr Limit. „Wir sind eine Art Black Box, die zwar die Schädigungen aufnimmt, aber wir können nicht die nächsten, wichtigen Schritte tun“, sagt Geipel. „Der Sport muss endlich Geld zur Verfügung stellen. Die Geschädigten haben keine Zeit mehr, die Sterbeliste ist wirklich lang.“ Geipel erinnerte an Gewichtheber Gerd Bonk, schwer durch Doping gezeichnet, der am 20. Oktober 2014 gestorben ist. Neben den Dopingopfern müsse man auch an die Familien denken, die nicht nur oft wegen der Pflege, sondern auch durch die Gesamtsituation heftigen Belastungen ausgesetzt sind. Die Medaillen, wie etwa bei Bonk, würden gerne vereinnahmt, sagt Geipel weiter, aber „bis heute haben die Hinterbliebenen nicht einmal eine Kondolenzkarte vom organisierten Sport erhalten“.

Bisher keine Entschädigungs-Rente

Die Grünen haben sich der Dopingopfer und einer entsprechenden Entschädigungslösung vor vier Jahren intensiv angenommen, ihre Anträge wurden aber abgelehnt. Alle Initiativen zu einer Entschädigungs-Rente blieben auf der Strecke.

Man sitzt das offenbar aus. Das Innenministerium verweist darauf, dass der Sport doch mal in die Puschen kommen müsste. Der Sport antwortet, dass das Sache der Politik sei – Vergangenheitsbewältigung oder Aufarbeitung also nur, wo es einem passt.

Biologische Endlösung“

Es dürfe kein Schlussstrich gezogen werden, sagt der schwer nierengeschädigte Ex-Radsportler Uwe Trömer. „Schluss ist erst, wenn der Deckel zu ist.“ Bisher haben die DDR-Dopingopfer jeweils eine Einmalzahlung von 10.500 Euro aus einem bundeseignen Fonds erhalten. „Das ist nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein – einfach lächerlich“, echauffiert sich Trömer, der den Verantwortlichen vorwirft: „Die Politik wartet auf eine biologische – Entschuldigung – Endlösung.“

Dass in den neuen Bundesländern die Seilschaften zwischen Sport und Politik wieder funktionieren, Täter wieder im Amt sind, gar als Gutachter für Doping-Opfer arbeiten, ist nicht nur für die Opfer ein Schock. Geschädigte berichten, es sei schon ein Schlag, wenn man plötzlich von Trainern oder Ärzten höre, die in der DDR auch an Kinder Doping- Pillen als harmlose Vitamine ausgegeben hätten, die das Ganze als Stasi-Mitarbeiter überwacht hätten oder als IM tätig gewesen seien, und jetzt wieder im Sport ganz vorne zugange seien.

Minderjährige, der Missbrauch von Schutzbefohlenen durch den SED-Unrechtsstaat – das sei doch ein weiterer Punkt, der zeige, dass man im Sport politischer Willkür ausgesetzt gewesen sei, die gesundheitliche und psychische Probleme zur Folge hätten.

Etwa 2000 Geschädigte erwartet

Ines Geipel rechnet mit etwa 2.000 Doping-Geschädigten, die sich bei der Beratungsstelle melden werden. Rund 700 davon haben es schon getan. Nach zehn Jahren sind auch die Opfer mutiger geworden, sprechen offen über das Unrecht, das ihnen widerfahren ist – trotz vielfacher Anfeindungen. Doch von den Verantwortlichen zieht niemand die Konsequenzen, was sehr kurzsichtig ist, denn mittlerweile sind auch schon Dopingopfer aus der Nachfolgegeneration auf der Anruferliste der Beratungsstelle.

Doping war nie nur ein Problem der DDR oder des Ostens – die gingen nur rigoroser damit um –, sondern immer auch ein Problem in der Bundesrepublik und im Westen. Auch darüber möchte man nur ungern reden, und selbst Kommissionen und Gremien wie etwa in Freiburg, die die Rolle der Sportmediziner dort klären sollen, scheinen nicht zum Schluss kommen zu wollen, weil man auch Politikern und Funktionären im Westen heftig auf die Füsse treten müsste. Und: Was sagen wohl 8.000 Kontrollen durch die Nationale Antidoping-Agentur (NADA) über „sauberen Sport“ und eventuelle Doping-Spätschäden aus, wenn nur zwei positive Fälle zu verzeichnen sind?

Sicher ist nur eins: Wir alle machen die Opfer zum zweiten Mal zum Opfer. Gefeierte Sieger, verstoßene Krüppel. Solidarität? Humaner Umgang? Eine Gesellschaft, die strahlende Sieger fordert und dafür Steuergelder ausgibt, die Unsummen für sportliche Events oder Profispieler hinblättert, muss auch für diejenigen da sein, die der Nation für den hohen Preis Gesundheit zu Ansehen und Jubel verhalfen.

Aktionen am 6. Dezember

Dass der DOSB daran erinnert werden muss, ist traurig. Bei der Mitgliederversammlung am 6. Dezember in Dresden sind Aktionen der Doping-Geschädigten angekündigt. Die Grünen wollen weiter ihre Unterstützer sein. Sportpolitikerin Monika Lazar sagte zu, im Sportausschuss das Thema zu forcieren, auch Gespräche mit Vertretern des Bundesinnen- und -justizministeriums anzuregen. Auch in den Landtagen wolle sie auf das Thema bei ihrer Fraktion aufmerksam machen. Ein Hoffnungsschimmer für die Dopingopfer ist die Einlassung des brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke, der sich der Problematik angenommen hat und sich um schnelle Hilfeleistung kümmern will. Dopingopfer sind eben nicht nur ein Thema der Vergangenheit, sondern auch eines für die Zukunft – in der ganzen Republik.

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