Selbstverliebte flegelhafte Funktionärskaste

Politik und die Folgen von konsequenter Inkonsequenz

Berlin, 17. Februar. Das jüngste großkotzige Auftreten und lautstarke polternde Genöle des führenden Sprechblasenpersonals vom FC Bayern München – Karl-Heinz Rummenigge und Uli Höneß (zu dem sich nun auch noch Trainer Hans Flick gesellt) -, das in der letzten Woche mal wieder rauf und runter in den Medien häufig unkritisch vervielfältigt wurde, könnte man als „üblichen Reflex“ abtun. Wenn es mal nicht so läuft, wie die Bayern-Bosse es gerne hätten – nämlich mit der Ausnahme vom Nachtflugverbot und der Impfreihenfolge, dann wird gepöbelt. Aber in den letzten Jahren treten immer mehr FunktionärInnen selbstgefällig auf. Sie reklamieren Sonderrechte für den Sport und manchmal für sich selber. Und das in einer Art, die immer unerträglicher wird. Falls jemand zu widersprechen wagt oder gar Kritik übt: Da verhält sich dann das Maß der Selbstüberschätzung kongruent zur eigenen Empfindlichkeit Das heißt: die Herren, seltener Damen Funktionäre werten das als Majestätsbeleidigung.

Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass Sportfunktionäre sich und ihr Gewerbe für den Nabel der Welt halten. Regeln für alle – und das zeigt sich in der Pandemie deutlich – gelten nur bedingt oder gar nicht für Profifußball und Profisport. Ausnahmen sind gewährt, und der Sport agiert als Staat im Staate – autonom, mit eigener Gerichtsbarkeit und Rechten, die er glaubt zu haben oder sich herausnehmen zu können. Die Politik beruft sich gerne auf die Autonomie des Sports, wenn sie gerade mal unpopuläre Maßnahmen ergreifen müsste – und hat sich im Laufe der Jahre eine selbstverliebte flegelhafte Funktionärskaste herangezogen.

Regeln nicht für alle

BürgerInnen müssen sich in allen Lebensbereichen einschränken, an Regeln halten. Der Fußball-Profi und manche Spitzensportler eben nicht. Da düsen die Fußballer quer durch die Gegend zu Champions League-Spielen oder zur Club-WM ausgerechnet auch noch nach Katar, einer wahren Menschenrechtsoase. Quarantäne nach der Rückkehr? Denkste. Da fahren Handballer zu einer WM nach Ägypten – wo schon vor Beginn Mannschaften wegen Coronafällen nicht anreisen. In Melbourne müssen 600 Tennisprofis und andere Gäste in Quarantäne, weil in einem Luxushotel ein Angestellter mit Covid infiziert war. Alpine Skifahrer, Biathleten und Bobfahrer sind bei diversen Wettbewerben auch hier in Deutschland am Start, liegen sich – Hygienekonzept hin oder her – in den Armen und busseln sich ab. Was soll man da noch Abstand halten bei der Siegerehrung? Die Gefühle gehen im Siegesrausch mit den Akteuren verständlicher Weise durch. Aber über allem kreiselt das Virus. Und die Meldung, wen es alles nächsten erwischt hat, lässt nicht lange auf sich warten. Deshalb herrscht in Oberstdorf, wo am 23. Februar die Nordische Ski-WM beginnt, große Verunsicherung, ob das alles gut gehen wird. Und was darauf folgt. Denn generell gilt: Je größer die Veranstaltung, desto größer das Risiko.

Sportverbände verweisen auf ihre Hygiene– und Sicherheitskonzepte. Während Breitensportvereine ohne großes Murren die politisch verordneten Regeln mittragen, läßt die Politik die Profis gewähren. Nur zur Erinnerung: Auch im Kulturbereich gibt es ausgeklügelte Konzepte – aber über Kulturschaffende wurde seit einem Jahr quasi ein Berufsverbot verhängt. Sie dürfen nicht, was den Sportprofis erlaubt ist. Politik sei machtlos etwa gegen Fußball-Reisekader etwas zu unternehmen, erklärt die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, in einem DLF-Gespräch. „Der Profifußball und auch andere Profisportarten, leben offensichtlich in einem anderen Kosmos, in dem Rücksichtnahme ein Fremdwort ist“, sagt sie. „Politik kommt dann ins Spiel, wenn es darum geht, Einreisen möglicherweise zu unterbinden.“

Distanzlosigkeit

Politik könnte mehr, wenn sie denn wollte. Aber will sie denn? Die Protagonisten, hier Funktionäre, da Politiker, haben im Laufe der Jahrzehnte eine ungesunde Distanzlosigkeit zueinander gefunden. Die Rollenverteilung ist oft schwer zu erkennen. Denn in Deutschland gibt es traditionell so etwas wie eine Personalunion, wo der/die PolitikerIn, SportpolitikerIn und SportfunktionärIn oft gleichzeitig in verschiedenen Ämtern mit sich selbst verhandelt. Diese Nähe und Verknüpfung hat eine Art Hybris der Beteiligten zur Folge, nach dem Motto: Uns kann keiner, uns will keiner, wir machen, was wir wollen.

Diese Haltung kann man sich in Pandemie-Zeiten aber nicht mehr leisten. Dafür aber noch mehr konsequente Inkonsequenz. In die Geisterspiele der Profikicker haben sich Politiker – ganz vorne die Unionsführer Armin Laschet und Markus Söder – am Anfang von einem smarten und geschickt agierenden Geschäftsführer Christian Seifert und der Deutschen Fußball-Liga über den Tisch ziehen lassen. „Das hat die Politik wahrscheinlich gleich, nachdem sie die Zusage gegeben hatte, wieder bereut, weil man ahnte, dass da Dauerkritik folgen würde“, sagt Professor Gunter Gebauer, Sozialwissenschaftler, Philosoph, Fußball-Experte und Sportkenner aus Berlin.

Aber: Es ging ja um viel Geld. Für das Unternehmen Bundesliga. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wollte man nun auch nicht in die Bredouille bringen. Und wer hat schon die Traute und vor allem die Lust, sich mit dem Hätschelkind der Republik, dem Fußball, anzulegen, wo doch auch PolitikerInnen sich gerne mit Vereins- oder Nationalschals auf VIP-Tribünen einladen und ablichten lassen.

Stimmung gekippt

Die Stimmung gegenüber dem Profifußball und andern Profisportarten ist mittlerweile gekippt. Es habe sich spürbar etwas verändert, so Gebauer. Und auch viele PolitikerInnen haben – man ist nun in einem Wahljahr – plötzlich ihre Sensoren wieder in Zuhörweite der BürgerInnen gerichtet. Viele der geplagten Menschen lehnen nämlich „Extrawürste“ für Profisportler zunehmend ab, wie eine YouGovUmfrage zum Thema bevorzugtes Impfen ergab. 73 Prozent sind dagegen. Sie sehen nicht ein, dass viele Freiheiten eingeschränkt sind, die Profisportler weiterhin haben. Den Stimmungswechsel haben eine Reihe von Spitzensportfunktionären offensichtlich bisher noch nicht so richtig geschnallt, weil sie sich immer noch wie Gutsherren aufführen.

Der Sport – besonders der Fußball – verkennt mittlerweile seine Rolle. Er ist nicht mehr der Identitätskitt der Nation, was zum Beispiel die Nationalmannschaften 1954 – was ja auch sehr verklärt wird – oder 2016 mit dem Gewinn der WM noch waren. Der WM-Titel 2016 hat in Deutschland zu etwas geführt, was ich als Normalität im Umgang mit der eigenen Nation bezeichnen würde“, analysiert Gebauer. „Was in Frankreich oder Großbritannien normal ist, etwa mit Nationalfahnen zum Spiel zu gehen, die Nationalhymnen zu singen – damit tun wir uns ja aufgrund unserer Geschichte sehr schwer. Aber das hatte sich ja positiv verändert. Weil die Leistungen stimmten, war nationale Freude und Begeisterung da – aber diese Art der Identifikation ist nicht verlässlich, wie sich seit geraumer Zeit zeigt. Es fehlen nun in den letzten Jahren die Erfolge, und somit ließ die Begeisterung auch nach. Dazu kommen dann noch andere bekannte Auswüchse wie Korruption, Steuerprobleme etc., die den Kitt bröseln lassen. Die Coronakrise läßt Probleme im Fußball, aber auch im Spitzensport noch deutlicher werden – beide gehen aus meiner Sicht aus dieser Pandemie als Verlierer vom Platz.“

Absolut unangebracht

Die Politik legt finanzielle Rettungsschirme in Bund und Ländern auf. Und kritisiert nun auch schon mal häufiger die Anspruchshaltung und Schwarzmalerei einiger Sportführer. Sportdeutschland – so wird ja immer wieder gebetsmühlenartig, aber wenig faktenbasiert suggeriert – ist schwer gefährdet und milliardengeschädigt. Die Rufe nach staatlicher finanzieller Unterstützung hallen weiter.

Es war ja früher oder später auch zu erwarten, dass sich die ersten wieder zu Wort und Ansprüche (an)melden würden, wenn es um die Impfung geht. Nicht nur unsensibel sei das, sondern einfach eine Verkennung der Lage, sagt Gebauer. Wer sich im Sport umhört, der stößt auf Unverständnis. Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen, sagt deutlich, was viele im Sport denken: „Solange nicht feststeht, wann Personen mit schweren Lungenerkrankungen, Diabetiker und zum Teil vergessene Risikogruppen wie Menschen mit Behinderungen geimpft werden, sollte man hierzu nicht einmal Gedankenspiele anstellen.“ Und weiter: „Eine bevorzugte Behandlung von Profi- und LeistungssportlerInnen wäre in der aktuellen Situation absolut unangebracht.“ Es gehe nicht um Rekorde, sondern um Werte, sagt Müller, der interne Solidarität einklagt. „Wer Vorteile fordert, droht den Breitensport auf der einen und den Profi- und Spitzensport auf der anderen Seite noch weiter zu spalten. Das ist das Letzte, was wir in dieser Pandemie gebrauchen können.“ Im übrigen habe das die „Mehrheit der AthletInnen im Gegensatz zu so manchem Sportfunktionär auch erkannt“. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte sich dafür ausgesprochen, dass mögliche Olympia-Teilnehmer „im zweiten Quartal möglichst bald an die Reihe kommen, nicht im Sinne einer Bevorzugung, sondern dann, wenn genügend Impfstoff da ist“. Die Mehrheit der AthletInnen, nämlich 73 Prozent, wollen keine Sonderbehandlung und sind für die Einhaltung des Impfplanes, wie eine hauseigene DOSB-Umfrage ergab.

Verpflichtungen des Sports

Es wäre ja doch auch völlig absurd, junge gesunde Leute – und das sollten SportlerInnen ja sein – bevorzugt zu behandeln. Diejenigen Offiziellen, die das fordern, die sollten sich mal in Erinnerung bringen welche Verpflichtungen der Sport gegenüber einer Gesellschaft hat, die ihn ja auch finanziert. Das ist unsozial und moralisch unzulässig“, sagt Gebauer.

Herr R. vom FC Bayern redet gerne über Vorbildfunktion. Auch durch vorgezogenes Impfen käme die noch besser zur Geltung. Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat sich über so viel Chuzpe gar nicht mehr eingekriegt. Auf so was müsse man erstmal kommen – sich vordrängeln und das dann als „gesellschaftliche Vorbildfunktion zu verkaufen“.

Und dann ist da noch das beliebte Argument – man sei ja Repräsentant der Bundesrepublik. Vielen Dank auch – mal abgesehen davon, dass dieses Argument auch Bund und Länder immer noch bemühen, um die Steuermilliarden zu rechtfertigen, mit denen man den Spitzensport finanziert, braucht die Republik solche Vertretung wirklich?

Die vorlauten, selbstverliebten Bayern haben jedenfalls dem Fußball und dem gesamten Sport mit ihren Aussagen einen Bärendienst erwiesen, und da nützt es auch nichts, wenn etwa Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc sich von deren Forderung distanziert.

Respekt verdient

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt verdienstvolle, sachorientierte und ehrliche FunktionärInnen. Es gibt viele AthletInnen, die nicht nur wegen ihrer sportlichen Leistung, sondern auch für ihre politische Haltung, ihr gesellschaftliches, verantwortungsvolles Engagement – das sie gerade jetzt in Sachen Impfen zeigen, Respekt verdienen.

Vor allem ihnen wäre es zu wünschen, dass die verschobenen Spiele von Tokio am 23. Juli nun doch irgendwie stattfinden könnten. Aber mit jeder neuen Mutation, mit wieder steigenden Fallzahlen und noch fehlendem Impfstoff, wird das unwahrscheinlicher. Die Zeit läuft davon. Momentan sind sich die japanischen Ausrichter und das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch einig, die Spiele durchzuziehen. Doch das japanische OK, das wohl die teuersten Spiele (von mindestens 13 bis 23 Milliarden Kosten ist die Rede) organisiert,die es jemals gab, muss nun nicht nur gegen das Virus ankämpfen, sondern auch gegen die eigenen Landsleute. Denn die überwiegende Mehrheit der Japaner – das sagen mehrere repräsentative Umfragen – möchte, dass die Spiele abgesagt werden. Sie haben Angst. Nicht nur, weil die Fallzahlen steigen, sondern weil sie fürchten, dass andere Varianten mit den Spielen ins Land kommen, die alles noch viel schlimmer machen könnten.

Kapitulieren?

Ob Japans Regierung am Ende kapitulieren muss, hängt von vielen Faktoren ab: Etwa von der Überlastung des Gesundheitssystems. Der Chef der Medizinischen Vereinigung Tokios, Haruro Ozaki, erklärt in mehreren japanischen Medien, er sei dafür, die Spiele auf jeden Fall ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Man befürchte eine Überlastung des Gesundheitssystems und könne auf keinen Fall Ärzte und Pflegekräfte für die Spiele abstellen, wenn zugleich auch noch Covid-Patienten behandelt werden müssten.

Die Frage ist auch, ob andere Regierungen ihre Olympiateams Richtung Tokio ziehen lassen, wenn sich die Situation bis dahin nicht deutlich entspannt, die Impfproblematik nicht geklärt ist und und und… Da würde sich auch die Frage an die deutsche Politik stellen – Sport-Autonomie hin oder her – ob sie einer Entsendung einer Olympiamannschaft, für die sie auch die Kosten übernimmt, zustimmen würde, wenn es zwischen Gesundheitsrisiko und Medaillen abzuwägen gilt. Auf diese Entscheidung darf man wirklich gespannt sein, wenn sie denn getroffen werden muss.

Verheerende Folgen für den Sport

Für das IOC, seinen Präsidenten Thomas Bach, für den Sport insgesamt und die olympische Bewegung besonders hätte die Absage verheerende Folgen – vor allem finanzieller Art. Marketing-Experten sprechen von einem „finanziellen Super-Gau“. Das IOC ist gegen einen Ausfall versichert. Die Höhe der Ausfallsumme ist allerdings nicht bekannt. Drei Viertel der IOC-Einnahmen kommen aus TV-Rechten, die NBC gekauft hat. Fallen die Spiele aus, dann entsteht ein Finanzierungsloch. 5,7 Milliarden Doller hat das IOC zwischen 2013 und 2016 mit den Spielen von Sotschi und Rio eingenommen. Davon gingen 90 Prozent an die 32 Weltverbände, die NOKs und an diverse Projekte. Auch für den DOSB wäre eine Absage der Spiele ein finanzielles Fiasko, das nicht ohne Folgen bliebe: 30 Millionen Euro überweist das IOC pro Olympische Spiele an den DOSB. Kommen die Millionen nicht, wird die Dachorganisation in vielerlei Hinsicht schrumpfen.

Auch Weltverbände werden ins Schleudern kommen. Thomas Weikert, Präsident des Internationalen Tischtennisverbandes, sagte bei n-tv, sein Verband erhalte 18 Millionen in einem Olympiazyklus vom IOC – das sind 20 Prozent des Etats. Andere Verbände bestritten 90 Prozent ihres Haushaltes mit IOC-Mitteln. Für die wäre eine Absage vermutlich das Aus. Also: Wen wundert es, wenn Verbandschefs Privilegien einfordern, denn das eigene Hemd ist ihnen näher als alles andere.

IOC Playbook, Fassung eins

Nein, niemand hat Erfahrung im Umgang mit einer Pandemie. Bach gerät mit seinem Management deshalb mehr und mehr in die Kritik, weil er offensichtlich – außer die Spiele irgendwie durchzuziehen – keinen Plan B hat. Das IOC hat die erste Fassung eines Playbooks mit Richtlinien vorgelegt, wie Spiele in der Pandemie ablaufen könnten. Weltweit sehen aber AthletenvertreterInnen auf den 33 Seiten dieses „Regelhandbuches“ nicht wirklich Lösungsansätze und Antworten auf die Fragen, die sie haben. Sie fühlen sich mal wieder außen vor, was das IOC wie üblich ganz anders sieht. Man habe schließlich eine Athletenkommission, die eingebunden sei.

Es ist eine unbefriedigende Situation. Die Athleten haben sich jetzt nach der Verschiebung nochmal aufgerafft, sich motiviert. Wenn eine Absage käme, dann wäre das nach den vielen Opfern, die sie gebracht haben, nicht nur ein persönlicher Tiefschlag, sondern für einige auch das Karriereende“, sagt Gebauer.

Aber: „Ich weiß nicht, wie das gehen soll, alle Probleme zu lösen, die sich da nun allein vor Ort schon mal stellen. Die Japaner sind wirklich erfahrene Veranstalter. Und sie können das auch sehr, sehr gut. Aber es geht ja nicht nur um die 10 000 Athleten, die Trainer und Betreuer im olympischen Dorf. Es geht auch um die vielen Volunteers und andere Mitarbeiter, die es zu schützen gilt. Hat man einen Risikobereich geklärt, folgt schon der nächste. Ich fürchte, da sind auch diesmal die Japaner mit dieser Aufgabe überfordert“, sagt Gebauer, der in Japan lebte und unterrichtete.

Eine gewisse Demut

Karl Lauterbach, der SPD-Gesundheitsexperte mit Bundestagsmandat, selbst begeisterter Tennisspieler, war schon zu Beginn der Krise konsequent gegen Sonderregeln für den Profisport. So wundert es nicht, dass er auch wenig Verständnis für das IOC-Krisenmanagement hat. „Dieses sture Durchhalten mit der Einstellung, der Spitzensport sei von der Pandemie quasi ausgenommen, halte ich für sehr schwer vermittelbar, und es frustriert auch sehr viele Fans“, kritisierte er in einem Sport-1-Interview. Bach zeige „rigoristische Positionen. Zum Geschäft gehört eine gewisse Demut dazu. Die vermisse ich manchmal bei Herrn Bach.“ Auch die Austragung der Fußball-EM wäre für den SPD-Gesundheitsexperten das „falsche Signal zu einem schlechten Zeitpunkt.“.

Sein Parteikollege und stellvertretender Bundesvorsitzende Kevin Kühnert gesteht den IOC-Funktionären zu, dass es bei der Unberechenbarkeit der Situation schwer sei, jetzt seriöse Entscheidungen zu treffen. Aber: „Ich finde es mehr als dürftig, dass IOC-Präsident Thomas Bach sagt es gebe „keinen Plan B“. Für solche Aussagen habe ich null Verständnis. Das IOC muss die Athleten jetzt viel stärker in die Planungen und die Entscheidungen einbeziehen. Für ihren Unmut habe ich großes Verständnis“, sagt Kühnert im Gespräch mit dem „Münchner Merkur“. „Die Absagen diverser Nationalspieler vor der Handball-WM haben gezeigt, dass sehr wohl auch Sportler sich selbst und ihre Familien schützen wollen – auch wenn die Sehnsucht nach dem Wettkampf nach jahrelanger Vorbereitung natürlich groß ist. Genauso gibt es auch Athleten , die darauf bestehen, ihre Wettkämpfe abhalten zu können. Das IOC muss beide Sichtweisen berücksichtigen und einen Dialog auf Augenhöhe führen. Das Herz jeder Olympischen Spiele bilden schließlich die Sportler und nicht Verbandsfunktionäre.“

Kritik vor der eigenen Haustür

Kritische Stimmen aus der Politik gibt es einige. Die man auch gerne hören würde – vor allem aus Glaubwürdigkeitsgründen -, wenn es um Ereignisse vor der eigenen Haustür oder in der näheren Nachbarschaft geht. Die politische Aufregung eher gedämpft, wenn Rodler, Bob- und Skeletonfahrer den Eiskanal von Altenberg hinunter rasen, in der heimatlichen Loipe Biathleten und Kombinierer die Runde drehen oder sich alpine Skiasse im Nachbarland Italien die Abfahrt hinunterstürzen. Bedenken auf Sparflamme, weil…? Was hatte die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses noch mal gesagt? Die Politik könne nichts tun. Doch – man könnte Veranstaltungen absagen, die mit Steuermitteln erheblich mitfinanziert wurden. Aber da würde dann dem Abgeordneten im Wahlkreis, wo Loipe oder Rodelbahn das touristische Geschäft, das jetzt ohnehin daniederliegt  dank COVID, ankurbeln, von der potentiellen Wählerschaft heftig Trouble drohen. Deshalb weiter konsequent inkonsequent agieren und die Sportlobbyisten bei Laune halten..

Sport, Pandemie und Politik – da wird es, wenn die Welt das Virus gezähmt hat, viel zu besprechen geben. „Wer oben sitzt, hat nicht immer die beste Aussicht. Weihrauch kann die Sicht benebeln“, sagt ein Sprichwort. Das beschreibt die Kaste der Funktionäre und Politiker ganz gut.