Büßen oder beten im Sportverband?

Der Potas-Zwischenbericht zu den Sommerverbänden sorgt für neuen Unmut und alte Zweifel 

Berlin, 23. November. Der Zwischenbericht zur Potenzialanalyse (Potas) der olympischen Sommersportverbände im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hat intern und extern wieder heftige Diskussionen ausgelöst. Die Potas-Kommission veröffentlichte ihn am Mittwoch auf ihrer Internet-Seite. Wie schon vorher bei den Wintersportverbänden sorgte das Ranking für Überraschungen und Schlagzeilen. Dass da plötzlich der Badmintonverband auf Platz eins landete und die seit Jahrzehnten Medaillen sammelnden Ruderer auf Platz 26 – da rieben sich viele ungläubig die Augen. Aber es sei ja ein vorläufiger Bericht, beschwichtigten die Verantwortlichen – die wichtigste Kategorie „Erfolg“ fehle noch.

Dass er ausgerechnet am Buß- und Bettag ins Netz gestellt wurde, hat eine gewisse Symbolik für manchen Verbandsvertreter, der sich fragt, ob er nun büßen muss oder beten sollte. Die Stimmung ist nach der Veröffentlichung bei vielen Sportverbänden mal wieder im Keller. Dabei dürften sich die Verbände  von ihrem ersten Schock schon erholt haben. Denn, so sagt der Vorsitzende der Potas-Kommission, Urs Granacher, Professor an der Uni Potsdam, auf Nachfrage, die Verbände seien seit 31. Oktober schriftlich über die Ergebnisse informiert und hätten noch Zeit bis zum 6. November für entsprechende Rückfragen gehabt.

Überrascht

Dennoch zeigte sich der Präsident des Deutschen Ruderverbandes, Siegfried Kaidel, überrascht. Er sieht sich wohl als Büßer: „Wir werden hier abgestraft wegen unserer Führungsstrukturen“, sagt er. „Uns wird negativ vorgehalten, dass wir als Verband der Vereine an einer von Mitgliedern demokratisch legitimierten Führungsstruktur ausgerichtet sind. Die von uns 2017 eingeleiteten und auf dem vergangenen Rudertag verabschiedeten Reformen im Leistungssport scheinen der Kommission nicht auszureichen. Offensichtlich hält diese eine ausschließlich hauptamtliche und dem Rudertag nicht verantwortliche Führung, Zentralisierung bis auf die Talentsichtung mit direktem Durchgriff in die Vereine sowie umfangreiche Dokumentation und Protokollierung von Prozessen und Entscheidungen für unerlässlich, um im Hochleistungssport erfolgreich sein zu können.“

 

 

Auf der Internetseite des Ruderverbandes ist das auch nachzulesen. Und: „Der Bericht attestiert den Sommersportverbänden bereits im ersten Durchlauf ein hohes Maß an Qualitätsmanagement. Er stellt weniger ein Ranking aller Verbände dar, sondern schaut tief in die Strukturen und Arbeit der einzelnen Verbände hinein und bewertet die Dokumentation der Prozesse. Mittels dieser externen Einschätzung gehen nun alle Verbände in die anstehenden Strukturgespräche, um dort um die Mittel für den Zyklus 2021-2024 zu werben.“

Auch Thomas Konietzko, Präsident der Kanuten, ist irritiert. Der erfolgreichste deutsche Sommersportverband kommt unter den 26 evaluierten Verbänden auf Platz 14. „Wenn die erfolgreichsten Verbände bei Olympischen Spielen hinten platziert sind und Verbände, die weniger erfolgreich sind, oben platziert sind, dann glaube ich nicht, dass es die Realität widerspiegelt. Ob die Wertung dieser einzelnen Attribute dann wirklich effizient und gerechtfertigt ist? Ich glaube, da sollte dann doch auch nochmal das Bewertungssystem hinterfragt werden“, sagt er im Deutschlandfunk.“

Potas wurde evaluiert

Das ist übrigens schon passiert. Die Potas-Kommission hatte selbst eine Evaluierung in Auftrag gegeben. Die Professoren Lutz Thieme aus Koblenz und Eike Emrich aus Saarbrücken untersuchten die Arbeit der Kommission genau in dem nun diskutierten Bereich „Strukturen“ und legten im Februar 2019 ihr Gutachten mit dem Titel „Evaluierung des  PotAS-Bereichs Strukturen  aus sozioökonomischer Perspektive“ vor. Das wurde auch Anfang Mai mit allen Beteiligten im Bundesinnenministerium diskutiert – veröffentlicht wurde es bisher nicht. Und hatte offensichtlich auch keine Konsequenzen. In dem Gutachten findet sich u.a. Kritik an Attributen, Kriterien und der Rolle der Teamplayer.

Auch andere Experten, die sich mit Analytik und Berechnungsmodellen beschäftigen, machen dicke Fragezeichen etwa hinter die Kriterien oder das Punktesystem. Potas gehe davon aus, dass es so etwas wie universelle strukturelle Erfolgsfaktoren gebe, die aber bisher nirgendwo belegt worden seien. „Das zur Messung des sportlichen Erfolgs vorgesehene Punktesystem ist willkürlich und auch von Faktoren abhängig, die die Verbände gar nicht beeinflussen können – etwa die Anzahl der Startplätze oder der teilnehmenden Länder“ sagt Thieme. Und die Art der Datenerfassung und -auswertung mache es sehr leicht, den Befragern zu liefern, was sie gerne haben wollten. „Da kann man dann schon ein Konzept so formulieren wie gewünscht. Ob das auch in der täglichen Arbeit umgesetzt oder angewandt wird, wird ja gar nicht beurteilt.“

Nicht veröffentlicht

Nach wie vor gilt, dass die Potas-Ergebnisse „als Grundlage in die Strukturgespräche einfließen“, wie es im Reformpapier steht. Die Ergebnisse der Strukturgespräche werden aber nicht veröffentlicht. „Daher ist doch völlig unklar, welchen Zusammenhang es denn nun wirklich zwischen den Potas-Ergebnissen und der Verteilung des Geldes gibt “ meint ein weiterer Experte. Was nun beim interessierten Laien  den Verdacht aufkommen lassen könnte, hier werde nur die Abhängigkeit der Fachverbände im Bereich des Spitzensports von DOSB/Bundesinnenministerium gesichert.

Selbst die Potas-Kommission wusste nicht, welchen Einfluss ihre Ergebnisse bei den Strukturgesprächen der Wintersportverbände hatten. Diesmal sitzt mit Dr. Mirjam Rebel, Trainingswissenschaftlerin beim Bundesinstitut für Sportwissenschaften (Bisp), ein Kommissionsmitglied dabei.

Dass seit dem Potas-Start neben Reinhard  Wendt, der zum aktuellen Verbandsgeschehen genügend Abstand hat, allerdings mit dem IOC-Mitglied Britta Heidemann und der Vizepräsidentin Leistungssport Uschi Schmitz ( folgte auf ihren Vorgänger Ole Bischof) zwei aktive Präsidiumsmitglieder vom DOSB in die Kommission geschickt werden, sei fragwürdig und zeige wenig Fingerspitzengefühl. „Es soll doch eine unabhängige Kommission sein. In der Außenwirkung ist es suboptimal, wenn man Amtsinhaber hineinsetzt“ kritisiert ein Insider.

Und spätestens an dieser Stelle wird mehr als deutlich, dass die Kommission eben ihre wissenschaftliche Arbeit nicht losgelöst von der Sportpolitik sehen kann – es ist ein Politikum.

Schließlich war Potas die Antwort des Bundesinnenministeriums (BMI) auf die Kritik des Bundesrechnungshofes, dass nicht klar und immer nachvollziehbar sei, wofür die Millionen im Sport denn nun genau ausgegeben werden.

Transparenz war von da an das Zauberwort der Stunde – aber die lässt in vielem immer noch auf sich warten. Doch im mal mehr, mal weniger heftigen und nun nicht mehr so sichtbaren Dauerstreit zwischen Sport und Politik um die Spitzensportreform mit ständig geänderten Spielregeln wurden gesetzte Ziele verschoben. Auch Potas, einst das Kernstück der Reform, wurde mehr und mehr verwässert. Nun dient sie zur Bestandserhebung von Daten und als Qualitätsmanagement. „Wir brauchen optimale Rahmenbedingungen für unsere Athleten und Athletinnen, damit diese ihr Potential entwickeln können“ sagt Granacher.  Qualitätsmanagement – das tut dem deutschen Sport sicher gut. Und wie viele Verbandsmenschen findet Jörg Bügner von der Triathlon-Union und gleichzeitig Sprecher der Sportdirektoren, man müsse auch als „positives Ergebnis bei aller Kritik an vielen Punkten anerkennen, “ dass wir uns nun wegen Potas alle mit unseren Verbandsstrukturen  beschäftigen müssen. Und auch Gespräche und Austausch unter den Verbänden stattfindet.“

Transparenz, so sagt Granacher, sei auch ein Grund gewesen, warum man mit dem Zwischenbericht an die Öffentlichkeit gegangen sei. Aber man könne es wohl niemanden recht machen.

Langzeitprojekt

„Die Aufgaben und Tätigkeiten der PotAS-Kommission sind eine Daueraufgabe.Die PotAS-Kommission hat weiterhin die Aufgabe, Leistungselemente (sog. Attribute) in den jeweiligen Disziplinen der Spitzenverbände nach objektiven, transparenten, sportwissenschaftlichen und sportfachlichen Kriterien, die für die perspektivische Leistungserbringung (Ziel in 4 bis 8 Jahren zum Podium) und zur Gewährleistung eines humanen Leistungssports relevant sind, zu bewerten.“ Das war im Mai die Antwort des BMI auf die Frage, wie er um das Aufgabenfeld und den Fortbestand von Potas steht.

Staatssekretär Markus Kerber sagte bei der Vorstellung des Zwischenberichts am Montag vor JournalistInnen, dass man  an Potas festhalten werde. Reformprozesse dauerten eben ihre Zeit. Natürlich könne es bei der Vergabe von Geld auch zu Konflikten kommen. „Dann werden wir sicherlich unsere Analyse und unsere Interpretation der PotASErgebnisse  nehmen müssen, um auf unserem Standpunkt zu beharren. Die Steuerzahler draußen und die breite Öffentlichkeit werden kein Verständnis dafür haben, wenn eine Verwendung von Steuergeldern für den Spitzensport, die in den letzten Jahren auch angestiegen sind, ohne maßgeblichen Einfluss des Bundesinnenministeriums in Zukunft stattfinden wird“ ergänzt er nach der öffentlichen Vorstellung auf Nachfrage im DLF. Das BMI packt ja wirklich ordentlich drauf – in den letzten drei Jahren gab es eine Erhöhung von 100 Millionen Euro – davon sind 30 Millionen für den kommenden Haushalt geplant. Die Verbände – so sagen sie – bekommen davon kaum etwas ab. Vielleicht schiebt man  auch deshalb – mit Aussicht auf die Strukturgespräche – besonders Frust.

Rudimentär

Ob man gut beraten war, diesen rudimentären Zwischenbericht zu diesem Zeitpunkt zu veröffentlichen, sei dahingestellt. Denn nun hängt das „schiefe Bild“ im öffentlichen Raum bedauert ein Verbandspräsident. Am Montag, den 18. November, begannen bereits die Strukturgespräche. Bisher sind aber erst zwei von drei Kategorien bewertet, neun von 13 Attributen. Und das bisher wichtigste Kriterium bei der Vergabe von Fördermitteln, die Erfolge, werden dann erst nach den Spielen in Tokio ausgewertet. Ende August 2020 soll die Potentialanalyse fertig sein.

Die Zweiteilung der Analyse sei auch eine Folge des zeitlichen Drucks, unter dem dann alle standen. Denn es sei Wunsch der Verbände gewesen, die Befragung so schnell wie möglich durchzuziehen, weil man genug Zeit haben wollte, sich auf Tokio in Ruhe vorzubereiten.

Jörg Bügner hat wie viele seiner KollegInnen und die Kommission eine arbeitsreiche Zeit hinter sich. „Da war man dann schon mal am Rande der Kapazität“, sagt er. Und er hat viele Fragen, nicht nur angesichts des Zwischenberichts. „Ich hoffe, dass die richtigen Schlüsse von allen gezogen werden. Und man nicht nur glaubt, es sei nun getan. Das ist ja erst mal der Anfang. Wir müssen nun die Ergebnisse nutzen, um daraus zu lernen, wie wir besser werden können.“

Das funktioniert aber nur, wenn es einen offenen Austausch und die Bereitschaft aller Beteiligten – BMI, DOSB und Verbänden – gibt, im Reformprozess  alle Karten  auf den Tisch zu legen. Und so für Transparenz nach innen und außen zu sorgen.  Ob das wirklich alle im Sport wollen? Ein Sportverantwortlicher fasst  seine Stimmungslage so zusammen: „Wir befinden uns momentan in einer Zeit der öffentlichen Täuschungen. Warum sollte das im Sport anders sein?“