München geht für Deutschland ins Rennen zunächst um die Spiele 2036/ Ein Kommentar
Berlin, 26. September. Die Bundesrepublik Deutschland geht mit München in den Wettbewerb um die Olympischen und Paralympischen Spiele für die Jahre 2036, 2040, 2044. Die 42 olympischen Spitzenverbände, fünf anwesende von acht Persönlichen Mitgliedern und das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) haben sich für die bayerische Landeshauptstadt entschieden. Von 141 Stimmen gingen 91 an München. 50 votierten für KölnRheinRuhr als zweiten Sieger bei der sehr langatmigen und streckenweise von schwer erträglichem Pathos triefenden außerordentlichen Mitgliederversammlung in Baden-Baden.
Was für eine Show! Was für eine Promi-Dichte aus Politik und Sport! Was für ein Pathos! Was für Emotionen! Aus Baden-Baden wurde die Botschaft gesendet: Olympische Spiele sind der Retter der Republik, die ja, wie tagtäglich suggeriert wird, kurz vor dem Untergang steht.
Nun ja – es ging uns schon mal besser. Dennoch nervt das ständige Genöle des Fußvolks, das sich von politischen BrandstifterInnen mit dem Versprechen: „Mit uns wird alles besser“, als „Protestwähler“ missbrauchen lässt. Und ja: Gute Nachrichten braucht das Land. Da hilft Ablenkung. Das wussten schon die alten Römer.
Geschäftsmodell Emotionen
Also was funktioniert? Das Geschäftsmodell Emotionen. Und noch besser, wenn diese olympisch sind. Egal, ob AthletInnen, FunktionärInnen oder PolitikerInnen von ihrem persönlichen „Gänsehaut-Feeling“ berichten – Beifall, Zustimmung ist ihnen sicher. Sport, besonders auch, wenn es um olympischen Glanz geht, zieht immer. Da spielen Fakten keine große Rolle. Und Fragen nach etwaigen finanziellen Risiken und eventuell daraus resultierenden Spätfolgen verbieten sich, wenn für den idealisierten Ritt in Richtung olympischer Regenbogen aufgesattelt wird.
Persönliches Highlight
Vorbilder, Faszination Olympias. So manches kann ich persönlich nachvollziehen: Ich war sechs, als die Spiele 1960 in Rom bei mir den Wunsch auslösten, so schnell laufen zu können wie die afroamerikanische Sprinterin Wilma Rudolph. Und von da an wurden Olympische Spiele alle vier Jahre zum persönlichen Highlight.
Die Zeiten sind lange vorbei. Sportveranstaltungen sind zur gewinnbringenden Wegwerfware geworden, ein nationales und internationales Ereignis jagt das andere. Olympia ist mittlerweile zwar immer noch besonders, aber doch ein Event von vielen. Das Internationale Olympische Komitee verkaufte nicht nur sein Produkt, sondern auch seine Werte. Politische, kommerzielle und mediale Interessen, dazu Korruption und Doping zerstörten zunehmend das, was das Besondere an Olympischen Spielen bis dahin ausmachte.
Individuelle Momente der SportlerInnen sind sicher noch unvergesslich. Aber: Der Glaube, dass der/ die Beste gewinnt, der Glaube, dass es durchgehend sauberer Sport und untadelige AthletInnen sind, die da starten und auf dem Treppchen stehen, dass es tatsächlich in erster Linie um die „Jugend der Welt“ und ihr körperliches Leistungsvermögen geht – und eben nicht um Image oder politische Machtspiele – ist dahin.
Herbeigeredete Begeisterung
Also Leute lasst das mit dem Pathos, der herbeigeredeten Olympia-Begeisterung, die jetzt erstmal mit viel Arbeit bundesweit entfacht werden muss. Die Wahrnehmung in der Sportblase ist nicht die Realität. Also geht`s auch eine Nummer kleiner? Und vor allem ehrlicher! Sagt doch, dass es in erster Line um wirtschaftliche Interessen und nationales, regionales, kommunales Profil und Image sowie Eigeninteresse auch einzelner Personen geht, wenn man sich heute um milliardenteure Spiele bewirbt. Die Menschen erwarten nicht, dass Sport-Lobbyisten besser sind als Parteifunktionäre und Politiker. Ehrlichkeit und Transparenz zahlen sich bei Bürgern und Bürgerinnen aus, haltlose Versprechen, Großspurigkeit und Halbwahrheiten eher nicht.
Nationale Identifikation
Der Sport, also der DOSB, München und das Land Bayern sollen nun das schaffen, was die Politik bisher nicht hinbekommt: Nationale Identifikation stiften, Zusammenhalt und Teamgeist schaffen, ein positives Verhältnis zu Leistung und Anerkennung vermitteln – also die Spaltung und die egoistische Individualisierung überwinden und das große gesellschaftliche Wir-Gefühl hinkriegen. Eine Mammutaufgabe, die man da zusammenformuliert.
Wo setzt man an? Bei Kindern und Jugendlichen. Alle vier Bewerber setzen in ihren Konzepten auf den Nachwuchs – Spiele für sie, die Olympioniken von morgen. Grüße an dieser Stelle vor allem an die föderalen BildungsministerInnen, die jahrzehntelang den Sportunterricht als Fußnote behandeln und erst aufwachen, wenn mal wieder eine Pisa-Studie ins Haus schneit. Oder man sich um Olympia bewirbt. Und plötzlich wieder mal die Frage kommt: Wo sind unsere Talente und sportbegeisterten Kinder?
Wenn der Bewerbungsprozess tatsächlich zur Folge hätte, dass die Arbeit von Ehrenamtlichen mehr geschätzt und gewürdigt wird, die dritte Sportstunde bundesweit nicht nur auf dem Stundenplan steht, sondern auch gegeben würde (nachdem auch genügend qualifizierte Lehrkräfte ausgebildet wurden), präventive Gesundheitspolitik in Bewegung und Sport umgesetzt würde, man sich um Inklusion und Integration ernsthaft überall bemühen würde und alte Menschen in diesem Land mit mehr Bewegung und Sport anstatt mit Pillen und Operationen für ein langes, gesundes und selbstbestimmtes Leben fit gemacht würden – dann wäre auch das aufgeplusterte Bewerbungs-Spektakel besser zu ertragen.
Ein versöhnlicher Gedanke nach dem Bühnen-Getöse ist auch, dass die Bewerbung tatsächlich zu Stabilisierung der angeschlagenen Demokratie führen könnte. Sport ist für alle da, und nicht für rechte oder linke Ränder, die ihn nur dann gut finden, wenn sie Kapital daraus schlagen können.
Klopp und der Patriotismus
Derjenige, der das an diesem Samstag noch einmal sehr nüchtern und richtig formuliert hat, war der neue Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp in einem zugespielten Beitrag: Er beschwört in diesen Zeiten einen positiven Patriotismus, den man sich von denen zurückholen muss, die ihn missbrauchen. Vielleicht hören in dem Fall diejenigen auf die Identifikationsfigur Klopp, die an der Wahlurne gedankenlos, aber mit schlechten Vibes ihren Haken gemacht haben. Aber vielleicht müssen wir alle positiven Patriotismus wieder lernen. 2006 hat es geklappt: Die Welt war zu Gast bei Freunden, die stolz auf ihr Land waren, ohne Nationalisten zu sein.
München mit Herz
Nun also zum deutschen Repräsentanten, der Weltstadt mit Herz und seit der Kür auch Hauptstadt des (Spitzen)-Sports. München leuchtet nicht nur, sondern strahlt an diesem Samstag. Und aus der Devotionalkiste von 72 bellt schon das Dackel-Maskottchen „Waldi“ vor lauter Begeisterung.
Wenn es nun ernst wird bleibt zu hoffen, dass der berüchtigte Münchener Grantler (hier lässt der Pariser grüßen) es nicht bereut, „pro Spiele“ gestimmt zu haben, wenn die ersten Baugruben seinen Weg in den Biergarten oder zur Arbeit behindern.
Und er sich auf die „Liberalitas Bavariae“, das Leben und leben lassen besinnt. Auf ihre Toleranz und Großzügigkeit( Länderfinanzausgleich! Würde der MP Söder als Beispiel angeben) sind die Bayern stolz – die bayerische Landesregierung hat diesen Begriff, der über der Stiftskirche im oberbayerischen Polling steht, und vom Schriftsteller Georg Lohmeier als Stammeseigenschaft interpretiert wurde, übernommen. Und gerne findet sich dieser Begriff in den Reden bayerischer Ministerpräsidenten wieder.
Einigkeit macht stark
So bleibt zu hoffen, dass München nicht nur als Stadt, sondern auch mit der Liberalitas Bavarica das IOC als Bewerber Deutschlands überzeugen kann. Ohne Tricks und Fouls. „StronGer together“ ist das Motto. Oder um es mit einem Preußen zu sagen, nämlich Friedrich Wilhelm I.: „Einigkeit macht stark, und da wir stark sein müssen, so müssen wir auch einig sein.“ Im Freistaat und beim DOSB ist das mit der Einigkeit manchmal allerdings so eine Sache….. Also viel Glück in jeder Hinsicht….