Trotz 100 Punkten Strahlkraft: Berlin steigt aus

Olympische Bewerberkür in Baden-Baden mit nur noch zwei Kandidaten

Berlin, 24. September. Dann waren’s nur noch zwei: Wenn am Samstag in Baden-Baden die olympischen Spitzenverbände samt persönlicher Mitglieder und Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) über den deutschen Bewerber für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 abstimmen, dann haben sie nur noch die Wahl zwischen zwei von vormals vier Bewerbern: KölnRheinRuhr und München. Hamburg scheiterte am Bürgerreferendum, Berlin – auf den ersten Blick – an sich selbst.

Symptomatisch ist vielleicht die Frage: „What means KölnRheinRuhr?“, die in ähnlicher Weise in den letzten Monaten mehrfach KollegInnen und FreundInnen stellten, die sich mit Olympia weltweit befassen. Denn daran zeigt sich auch das erste Dilemma deutscher Olympia-Bewerbungen auf dem internationalen Parkett. Wenn man erst anfangen muss zu erklären – dann läuft da schon was nicht besonders gut.

Unglückliche Beziehungskiste

Deutsche Olympiabewerbungen sind eine – sagen wir – unglückliche Beziehungskiste, die bei den letzten sieben Anläufen seit 1986 stets scheiterte. Berchtesgaden schied damals schon im ersten Wahlgang für die Winterspiele1992 aus. Das Rennen machte das französische Albertville.

Annäherungsversuche deutscher Bewerber an Olympia endeten seit damals immer als Drama, das man selbst verschuldet hat. Und das Fazit, warum das seit den letzten Spielen 1972 so ist, lautet immer: Nichts dazugelernt, dilettantisch, kleinkariert, uninspiriert und vor allem intransparent.

Nun also werden BeobachterInnen an der Seitenlinie wieder einmal Zeugen eines Schauspiels, das es eigentlich so nicht mehr geben sollte. Hatten die Verantwortlichen aus Sport und Politik nach der letzten Pleite nicht betont, dass man auf keinen Fall mehr Städte in einen Wettbewerb drängen wolle? Hatte nicht der ehemalige DOSB-Vorstandsvorsitzende Torsten Burmester im April 2022 zu einer Olympiabewerbung gesagt: „Da lassen wir uns nicht treiben. Wir wollen alles richtig machen. Dazu müssen wir einen klugen Prozess einleiten, die gesellschaftliche Akzeptanz schaffen, also Bürger und Bürgerinnen überzeugen. Keine Schnellschüsse“? Dann ging es aber doch schneller mit den Road Maps als gedacht. Und nun ist Burmester, der überraschend den Vorstandsposten im DOSB aufgab, als Oberbürgermeister von Köln Mitbewerber um die Spiele.

Es geht um Geld

Auf der Rückzugs-Pressekonferenz der Berliner wurde wieder mal deutlich, warum sich vor allem klamme Städte und Kommunen so gerne um Olympische Spiele bewerben: Leichter, schneller und billiger lässt sich marode Infrastruktur nicht aufmöbeln, was ohne die zusätzlichen finanziellen Mittel vom Bund für die Spiele kaum möglich wäre. Spiele, so sind alle überzeugt, holen Touristen in die Stadt, kurbeln die Wirtschaft an und führen zu gesellschaftlichem Zusammenhalt. Das wird auf der PK von den politisch Verantwortlichen immer wiederholt.

Und sitzt man in München oder Köln oder Düsseldorf, erzählen die Verantwortlichen genau dasselbe. Olympia als Wirtschafts- und Sozialmotor – was bedingt stimmt, aber es gibt eine Reihe von Beispielen, wo das Ganze ziemlich schief ging: Montréal, Athen oder Rio.

Es gibt Schlimmeres

Zurück nach Berlin. Also was nun? Mit Leichenbittermiene verbreiteten der noch Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), die für Sport zuständige Innensenatorin Iris Spranger (SPD), der Olympiabeauftragte Kaweh Niroomand und die Abteilungsleiterin Sport in der Senatsverwaltung für Inneres, Gabriele Freytag Weltuntergangsstimmung bei der Pressekonferenz, auf der der Rückzug offiziell bekanntgegeben wurde. Würde man es nicht besser wissen, man könnte glauben, es sei was richtig Schlimmes passiert.

Aber es geht darum, dass Berlin zum wiederholten Mal keine Olympischen Spiele bekommt. Keine neue Erfahrung, kein Drama. Natürlich verständliche Enttäuschung bei denen, die sich da reingehängt und Herzblut vergossen haben.

Wegner sprach von einem „traurigen Tag“. Er hätte sich auf diesen Tag schon mal einstellen können. Denn der war schon länger vorherzusehen, nicht erst, als der Bericht der Evaluierungs-Kommission des DOSB am Dienstag vorgelegt wurde, in dem Berlin als Dritter nach München und KölnRheinRuhr in den Vorentscheid einlief.

Dass sich in Berlin die Olympiabegeisterung in Grenzen hielt – zumindest ist das die Wahrnehmung, wenn man in er Hauptstadt nicht nur in der Sportblase unterwegs ist – ist keine Überraschung. Olympia ist nicht das Thema, das die Massen bewegt. Und auch das ist nicht neu. Viele kiffen sich in andere Träume, viele haben von ihrer Herkunft null Bezug zum Sport. Und der Senat kam viel zu spät in die Gänge. Schwung und Emotionen? Fehlanzeige. Viele Aktionen, Veranstaltungen und Diskussionen wurden unter der Sport–Dunstglocke intern geführt und weniger mit den BürgerInnen.

Während es in NRW und München ein Bürgerreferendum gab, wo sich eine Mehrheit für die Spiele aussprach, ist in der Berliner Verfassung so eine Art der Bürgerbeteiligung nicht vorgesehen. Der Landessportbund Berlin initiierte eine Volksinitiative, wo man mit Mühe 30 000 Menschen fand, die sich für eine Bewerbung aussprachen – bei 820 000 Mitgliedschaften im LSB und vier Millionen Einwohnern kein allzu starker Rückhalt.

Das Quartett bei der Pressekonferenz sieht dennoch eine hohe Olympiaunterstützung der BerlinerInnen, der Stadtgesellschaft. Und vielleicht ist das der Grund, aus dem Berlin an sich selbst wieder einmal scheitert: Was ist die Realität und die Wahrnehmung dieser Stadtgesellschaft?

Zu den Bewertungskriterien sowie der Methodik, wie man welche Schwerpunkte in dem Kommissions-Bericht setzte, stellen sich einige Fragen. Und es bleibt der Eindruck, dass da Transparenz vermittelt werden soll, die nicht vorhanden ist.

Klein-Klein oder Visionäres

Ob und wie gut die Konzepte wirklich sind? Man müsse sich entscheiden, sagte vor einiger Zeit einer, der das Bewerbungsgeschehen intensiv verfolgt, ob man sich im Klein-Klein verliert oder das Kreative und Visionäre im Blick hat. Sozusagen ein nachhaltiges, finanziell verantwortliches olympisches Gesamtkunstwerk entwickelt.

Die Berliner Olympiamacher sind überzeugt, dass sie so ein Kunstwerk, natürlich auch noch mit Verbesserungsmöglichkeiten, hinbekommen haben. Das beste Argument der Hauptstadt-Bewerbung sei aber die internationale Strahlkraft Berlins.

100 Punkte! Der Meinung waren auch die Kommissionsmitglieder. Und nicht nur die: Auch diejenigen, die am Samstag abstimmen, die olympischen Spitzenverbände, von denen viele gute Erfahrungen mit der Stadt an der Spree als Veranstaltungsgastgeber gemacht haben, hätten immer wieder betont: „Wir sind auch deshalb für Berlin“, berichten Wegner, Spranger und Niroomand unisono.

Instabil

Und dann doch das große Aber: Die politische Instabilität der Hauptstadt. „Die Spitzenverbände haben signalisiert: Wir können euch die Unterstützung so nicht geben“, sagt Wegner und macht dafür besonders Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken und Anwärterin auf den Posten des Regierenden Bürgermeisters verantwortlich. Die hatte nach dem Wahlsieg in der Bundespressekonferenz ihre Ablehnung der Olympia-Pläne noch einmal bekräftigt. Überraschung? Nein, denn es war bekannt, dass Linke und Grüne gegen Olympia sind. Aber Frage: Wer von den SpitzenkandidatInnen hat Olympia in der Wahl zu einem Thema gemacht? Keiner. Für sie und offensichtlich auch für die WählerInnen standen ganz andere Dinge auf der Entscheidungsliste.

Offensichtlich gab es keinen Plan B bei den Olympiamachern für den Fall, dass nicht die derzeitigen Regierungspartien, sondern die Linken in Berlin die Wahlen gewinnen könnten. „Was die Verbände von uns verlangt haben, konnten wir ihnen nicht bieten – nämlich politische Stabilität. Wir wollen nicht in Baden-Baden mit einer einstelligen Stimmenzahl aus der Runde gehen. Das hat Berlin nicht verdient. Diese Blamage wollen wir uns ersparen. Dann behalten wir das Heft des Handelns selber in der Hand“, begründete Niroomand den Rückzug, den er am Vortag noch ausgeschlossen hatte. Der 23.September scheint für Berlin und Olympia ein schwarzer Tag zu sein: 1995 flog Berlin am 23. September in Monaco aus dem Olympiarennen um die Spiele 2000, die Sydney bekam.

Timing

Niroomand stellte die Frage, ob man sich nicht angesichts der Dichte der Termine Berlinwahl und Kandidatenkür gegen die Terminierung hätte wehren müssen? Das Timing ist Sache des DOSB, der zunächst nicht aus den Puschen kam.

Politische Stabilität müsste auch bei den anderen Bewerbern ein Thema sein – in Zeiten wie diesen, die die Republik national wie international beunruhigen. Sieht man die Münchner Spiele 1972 im Zeitkontext, so war damals die Republik in Aufbruchstimmung aber auch in Angst. Der sozialliberale Kanzler Willy Brandt musste sich wegen seiner Ostpolitik einem Misstrauensvotum stellen, das er gewann. Ein Transitabkommen und der Grundlagenvertrag mit der DDR läuteten eine neue Zeit ein, aber auch die terroristischen Anschläge der Rote-Armee-Fraktion versetzten das Land in Angst und Schrecken. Das Machtgefüge zwischen den Blöcken im Kalten Krieg verschob sich: Die Volksrepublik China, die sich mit der Sowjetunion zerstritten hat, nähert sich den USA bei Richard Nixons Ping-Pong-Politik an, und ein Vertrag zwischen den USA und der UdSSR dämmt das nukleare Wettrüsten ein.

Neuer Weg

Einerseits eine bleierne Zeit, aber auch Aufbruchstimmung in der Republik und Welt. Und die Spiele in München, das sich als Weltstadt mit Herz sah, waren da für wenige Tage der Ort, wo ausgeflipptes Hippiefeeling, Intellektuelle und eine liberale Kulturszene den heroischen Spitzensport entdeckten und akzeptierten. Und mit Sportfans und normalen BürgerInnen feierten, die sich von der Begeisterung anstecken ließen.

Ein neuer olympischer Weg, der da eingeschlagen wurde. Bis die heiteren Spiele vom Terror eingeholt wurden. Die Zeiten ähneln sich im Krisenmodus, dennoch würden Spiele in München und anderswo in Deutschland, wann immer sie auch hier sein würden, ganz andere Spiele werden – größer, elitärer, medialisierter und noch kommerzieller.

Machtspiele

Nicht zuletzt auch, weil mittlerweile PolitikerInnen und FunktionärInnen, aber auch andere Stakeholder, in Olympischen Spielen nicht nur einen wirtschaftlichen Faktor sehen, sondern damit auch Image und Karriere verbinden. Und somit gehören diverse Machtspiele, die nicht nur hinter den Kulissen immer mehr mit harten Bandagen,Tricks und Intrigen ausgetragen werden, zum olympischen Bewerbungsprozess, obwohl ständig von Werten wie Fairness, Solidarität und Zusammenhalt geplaudert wird.

Brot und Spiele: Damit kann man das Image aufpolieren. Wenn bei dem einen oder anderen Landesfürsten die Zustimmungswerte nach unten gehen, kann man Geld ins Land holen für Prestigeprojekte, die man sich sonst vielleicht nicht leisten könnte. Und Getreue auch mit Pöstchen versehen, die ja so eine Olympiabewerbung mit sich bringt.

Der Berliner Bär weint nun mal wieder, und auch am Samstag wird es einen Unterlegenen geben, der frustriert den Platz verlässt. Die Berliner wollen nun Sportgeist beweisen, nach Baden-Baden fahren und den Gewinner ihre Unterstützung andienen. Schließlich gehe es ja um eine deutsche Bewerbung.

Genau!

Das jedenfalls hatte man vor – aus den Fehlschlägen zu lernen und einen deutschen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Die Spiele in Paris wurden immer als Vergleich für eine deutsche Bewerbung herangezogen – ein Vergleich, der hinkt.

Mutlos

In Frankreich haben Politik und Sport einen Kandidaten ins Rennen geschickt: Die Hauptstadt mit Strahlkraft (die Paris auch ohne Spiele hat). DOSB und PolitikerInnen brachten nicht den Mut auf, sich für einen Kandidaten zu entscheiden: die Hauptstadt.

Ja, Berlin ist anarchisch, chaotisch, selbstverliebt, nach wie vor arm und schon lange nicht mehr sexy. Wäre von Anfang an der nationale Kandidat mit der größten Strahlkraft – und das ist nun mal Berlin – von Bundesregierung und DOSB gemeinsam bestimmt worden, als nationales olympisches Langzeit-Projekt, das die Menschen wieder zusammenbringen und begeistern soll, wo eine Sportnation wachsen könnte – man hätte historisch vieles aufarbeiten und eine verschlafene Stadtgesellschaft gegen gefährliche Fehlentwicklungen aufrütteln können. Ein ganzes Volk käme wieder in positive Bewegung, für Prävention und Gesundheit sowie für Bildung und Bewegung von Kindern und Jugendlichen, für Integration und Inklusion hätte eine Menge passieren können. Dann hätte sich auch eine Frau Eralp nicht dagegen stemmen können. Und Berlin hätte seine Chance wahren können.

Ja – hätte, hätte- Fahrradkette….