Die unterschiedlichen Welten der Bettina Lugk

Herausforderungen für die SPD-Sportpolitikerin zwischen Kaserne und Turnhalle

Berlin,17. April: Wenn sich die Türen im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin automatisch hinter einem schließen, bleibt nicht nur der Bau- und Autolärm in der Dorotheenstraße vor der Tür. In dem Gebäude, in dem viele Abgeordnete des Deutschen Bundestages ihre Büros haben, scheinen auch die aufgeregten Zeiten ausgeschlossen zu sein. Und drinnen, hinter den Türen, aber vielleicht auch manchmal auf den Fluren, wird große und kleine Politik gestaltet. Auf die unterschiedlichste Art, in verschiedenen Varianten und Kombinationen. Viele Abgeordnete wandeln da zwischen vielen Politikfeldern.

So wie die SPD-Politikerin Bettina Lugk (Foto). Künstliche, laute Aufgeregtheit ist nicht ihr Ding. Sie geht die vielen herausfordernden Aufgaben leise, sachlich und professionell an. „Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch mal nachdrücklicher werden kann, wenn mich was aufregt.“ Was schwer vorstellbar ist, wenn sie einem gelassen und entspannt gegenübersitzt.

In ihren Fachressorts Verteidigung und Sicherheit sowie Sport und Ehrenamt gab es in jüngster Zeit ja viel Wirbel und Aufregung auch oder gerade für die ParlamentarierInnen. Und vor allem viel zu tun: Die gebürtige Ludwigsfelderin ist für ihre Fraktion sportpolitische Sprecherin im Ausschuss für Sport und  Ehrenamt und stellvertretende Vorsitzende im Verteidigungsausschuss. Seit Oktober 2021 sitzt sie für den Märkischen Kreis II im Bundestag – übrigens dem früheren Wahlkreis der ehemaligen Sportausschuss-Vorsitzenden Dagmar Freitag.

Ausgerechnet Sportausschuss

Apropos Sportausschuss: Das Image dieses Gremiums ist nun nicht gerade gut, es wird gerne als Reisekader verspottet und als inkompetenter Laberclub, ist aber auch als Tatort für Selbstdarsteller verschrien, die den Sport als ihre persönliche Manövriermasse verstehen. Lugk war vorgewarnt.Und trotzdem stand der Sportausschuss auf ihrer Wunschliste.

Ist sie besonders leidensfähig? Bettina Lugk lacht. „Nein, ich habe mich schon immer für Sportpolitik interessiert. Und ich bin überzeugt, dass Politik da in vielen Bereichen mitgestalten kann.“ Und hat vermutlich recht. Mit effizienter und guter Arbeit könnte sicher auch das Imageproblem des Gremiums langfristig gesehen behoben werden. Aber da braucht es noch mehr fleißige, kompetente und uneitle Menschen, die ihre Aufgaben als ParlamentarierInnen und weniger als Fans angehen.

Die 44-Jährige, die gerne Rad fährt – „auch auf dem Hometrainer“, schwimmen geht, „wenn es die Zeit zulässt“, und sich für Fußball interessiert, hat sich in die Thematik Sport und Spitzensport im Laufe der Zeit „hineingefuchst“. In der vorherigen Legislatur saß sie noch eher still neben der damaligen Sprecherin Sabine Poschmann, hielt sich im Hintergrund. Aber sie hörte zu, fragte nach, war und ist im Gespräch mit Experten, die nicht nur aus den Sportorganisationen oder den eigenen Reihen kommen.

Viele Fragezeichen

Der Referentenentwurf des Sportfördergesetzes, der im März das Kabinett passierte und nun durch das parlamentarische Verfahren geht, ist ein weiterer Versuch, den deutschen Spitzensport wieder an die Weltspitze anschlussfähig und das siechende Sport-Ödland erfolgreich zu machen. Einerseits „bin ich froh, dass da jetzt was auf dem Weg ist, aber in dem Entwurf ist vieles schwammig, unklar und vor allem, diejenigen, um die es geht, sind wieder nur irgendwie dabei, aber stehen eben nicht im Mittelpunkt: die Athleten und Athletinnen. Dabei müsste es doch vor allem um sie gehen, die sich leistungsbereit zeigen, man müsste sie stärken und unterstützen“, so Bettina Lugk.

Die Abgeordnete hat in zwei Welten mit jungen Menschen zu tun, in denen ihnen jeweils Leistungsbereitschaft und Einsatz abverlangt wird – eben Spitzensport und Bundeswehr. Das Umswitchen von der Problematik Kaserne in die der Turnhalle falle nicht immer leicht, räumt sie ein.

Bettina Lugk hat zusammen mit ihrem Referenten den Gesetzentwurf durchgearbeitet. Auf dem Ausdruck sind viele Frage- und Ausrufezeichen, Anmerkungen zu erkennen. Vom Vetorrecht für den DOSB über den Aufbau der Agentur, wer wie viele Satzungen für Stiftungs- und Sportfachbeirat verfasst oder die Geschäftsordnung schreibt,welche Konstellation und welches Rollenverständnis den beiden Vorständen zugedacht ist – das sind nur einige der Fragen, die sich auftun. „Da ist noch sehr viel zu klären.“ Deshalb will sie sich auch nicht unter Zeitdruck setzen und setzen lassen. „Es soll ja ein gutes Gesetz werden.“

Ein schwerer Brocken

Gemurkse und Dilettantismus – da ist der deutsche Sport, unterstützt von manchem (Sport-) Politiker, seit Jahrzehnten Meister. Das stellt er immer wieder unter Beweis – auch jetzt beim Sportfördergesetz, das er ja unbedingt haben wollte. Bei dem er nun aber feststellen muss, dass staatliche Gesetzgebung halt etwas anderes ist als ein Sport-Regelwerk. „Geld“, sagt Bettina Lugk, „ist sicher nicht zu wenig im System. Es liegt am System und an der verbandszentrierten Sichtweise.“

Der deutsche Sport – ein schwerer Brocken, vor allem, wenn es um die Erledigung der eigenen Aufgaben geht. Bettina Lugk bringt die ganze Misere in einem Satz auf den Punkt: „Die Spitzensportreform ist nicht umgesetzt.“

2016 hatte der damals zuständige CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière versucht, dem Sport beizubringen, dass es erst mehr Geld gibt, wenn der DOSB und seine Mitgliedsorganisationen – wie vereinbart – die sportfachlichen Probleme und Aufgaben gelöst haben. Doch die Sport-Lobby setzte sich durch: Steuergeld kam – aber es wurde weitergewurstelt.

Politik als Problemlöser

Als Beispiel nennt die Sozialdemokratin die Trainerverträge. Ein Dauerbrenner in den Spitzensportdiskussionen. „Arbeitszeit, Versicherungsrecht, Kettenverträge – da sind wir als Politiker doch kompetent und können zu Lösungen beitragen. Und wir müssen auch fragen: Es wird mehr Geld für Trainer bewilligt, aber das scheint dort seit Jahren nicht anzukommen. Auch an der Stelle sind wir als Parlamentarier gefordert“, sagt Bettina Lugk.

In diesen Fällen wird von SportfunktionärInnen immer wieder das Totschlagargument „Autonomie des Sports“ herausgekramt. „Wir wollen doch keine Mannschaft oder Athleten nominieren. Oder uns fachlich einmischen, aber wir haben schon auch eine Fürsorgepflicht etwa für Trainer und Athleten. Und als Parlamentarier sind wir auch dem deutschen Steuerzahler verpflichtet.“

Wenn sich der Zuwendungsgeber Politik mit dem Zuwendungsempfänger DOSB in die Haare gerät, weil der eine nicht begreift, was nun seine Rolle ist, dann ist politische Arbeit um das Sujet Sport nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig. Szenen dieser besonderen Beziehung hat auch die Politikerin schon einige erlebt.

Wegen CDU-Plan in die SPD

Macht das dann noch Spaß? Hätte sie nicht doch nicht lieber irgendwas mit Geographie machen sollen, anstatt in die Politik zu gehen? Bettina Lugk lacht amüsiert. Wie kam sie eigentlich in die Politik? Man mag es nicht glauben, aber die CDU ist schuld. Denn wegen eines Vorschlags der Christdemokraten zur Bafög-Neuregelung 2005 trat die Brandenburgerin in die SPD ein – denn die geplante Änderung hätte ihr das Studium verhagelt. „Bafög war meine Chance zu studieren.“ Und widmete sich erstmal dem Geographie-Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin, das sie mit dem Bachelor abschloss. Und hängte gleich noch eine Ausbildung zur Verwaltungsfachwirtin dran.

Das politische Geschäft lernte  sie als Landesgeschäftsführerin der Jusos in Brandenburg, Stadträtin, Kreisrätin, als SPD-Ortsvereinsvorsitzende im Kreis Teltow-Fläming, wie auch später im parlamentarischen Betrieb des Bundestages an verschiedenen Stellen. Und sie lernte, wie Krisen im deutschen Parlamentarismus gemanagt werden.

Nicht nur deshalb ist Bettina Lugk nicht so leicht zu erschüttern. Auch nicht durch SportfunktionärInnen.

Ein Fußballfan

Von klein an ist die Abgeordnete Fußballfan. Gerne guckt sie mit den Eltern Spiele im Fernsehen, wie jüngst das Match der DFB-Elf gegen Ghana, „das nicht gerade eine Freude war“, wie sie anmerkt. Naja, und manches, was der DFB so treibt – etwa der Nicht-Umgang mit den drohenden Schwierigkeiten rund um die Fifa-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada im Sommer. Sind wir eigentlich eine Fußball-Nation? Oder gar eine Sport-Nation, was ja gerne in vielen Sonntagsreden suggeriert wird? „Die Deutschen sind sportbegeistert“, sagt sie, „aber um eine Sportnation zu werden, da gibt es noch viel zu tun.“

Um eine Sportnation zu werden, müsse man erst einmal wissen, wo man hin will. Und vor allem die Frage beantworten: „Wie begreifen wir Sport?“ Da ist Basisarbeit nötig. Der DOSB kündigte einen Sport-Entwicklungsplan an, den es aber offensichtlich noch nicht gibt. Oder den zumindest niemand kennt.

Das Heranführen von Kindern in Kita und Schule, Talente erkennen, Nachwuchsförderung, gute intakte Sportstätten, Sport für Ältere, Teilhabe – Bettina Lugk hat so Vorstellungen, wo vor allem der organisierte Sport zunächst einmal gefordert ist, sich zukunftsorientiert aufzustellen.

Doch das könnte noch dauern. Denn worauf ist der Sport-Dachverband derzeit fokussiert? Auf die Bewerbung um Olympische Spiele in ferner Zukunft.

Gegen den Strom

Viele – besonders auch aus der Politik – sind ganz von Olympia berauscht, reden sich die Welt der fünf Ringe schön und blenden alle Probleme aus. Als ob es keine schwierigen Staatsfinanzen und keinen riesigen Schuldenberg gäbe, als ob die Infrastruktur an vielen Stellen nicht schon im Koma läge, die weltweite Krisenlage nicht alles ins Wanken bringen würde. Die Bewerbung um Olympische Spiele scheint für manche in ihren Blasen das Wichtigste zu sein, was es nun zu erledigen gibt.

Da schwimmt Bettina Lugk dann gegen den Strom. „Das sehen viele Kolleginnen und Kollegen  anders, aber ich finde, angesichts der politischen Gesamtlage sind die Olympischen und Paralympischen Spiele nicht das Einzige,  worauf man den Fokus legen sollte – auch wenn ich mich natürlich über Spiele im Eigenen Land freuen würde, gerade auch für unsere Athletinnen und Athleten.“ In ihrem Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen haben die Menschen derzeit andere Sorgen, etwa um Arbeitsplätze, hohe Preise“, erzählt Bettina Lugk und berichtet von einer sportpolitischen Grilltour, wo sie mit Menschen ins Gespräch kam, die weit weg von Olympia sind, die auch nicht verstehen, warum man in vier Städten viel Geld ausgibt für eine Bewerbung mit offenem Ausgang, aber in den Kommunen kein Geld da ist, um die Schulturnhalle zu sanieren, wo einem der Putz auf den Kopf fällt.

Was Menschen, die Bettina Lugk gut kennen, an ihr schätzen, ist, dass sie nicht um den heißen Brei herumredet. In Sachen Olympiabewerbung ist das auch so: Um es auf den Punkt zu bringen: Das Prozedere der Kandidatenfindung sowie die Zeitschiene findet sie angesichts des Krisenmodus falsch. Die olympischen Claqueure hören das nicht gerne – da gehört Bettina Lugk zu den Rufern in der Wüste. Übrigens ist sie von Wüsten und  Touren durch Sandlandschaften begeistert.