Staatssekretär und DOSB auch mal in die Schranken weisen

Grünen-Politikerin Viola von Cramon fordert Rückendeckung für AthletInnen und emanzipierte Sport-Ausschussmitglieder

Berlin, 23.September.Von 2009 bis 2013 saß sie im Bundestag, unter anderem als Obfrau und Sportpolitische Sprecherin der Grünen im Sportausschuss: Viola von Cramon. Nach ihrem Ausscheiden war sie an vielen Stellen weiter politisch tätig – und beobachtet besonders aufmerksam die Sportpolitik. Die engagierte gebürtige Westfälin war schon im Sportausschuss neben dem Linken André Hahn diejenige, die gerne nachhakte und mit vielem nicht konform ging, was die KollegInnen einfach so hinnahmen. Die 48-jährige Agraringenieurin will nun bei den Europawahlen antreten. Und auch da wird – neben internationaler Politik – ein großes Thema für sie der Sport sein.

Frau von Cramon, haben Sie eigentlich noch Lust, sich mit Sport, besonders mit Spitzensport zu beschäftigen? Spitzensport-Reform, Alfons Hörmann, Doping und der Umgang mit Dopingsündern und da besonders mit den Russen und und und…

Cramon: Ja, natürlich. Gerade jetzt braucht es doch starke Stimmen und Leute, die genau hinsehen, was sich da in den letzten Jahren und besonders in letzter Zeit auf der internationalen wie auch auf der nationalen Sportbühne tut. Allein die Ereignisse vor, während und nach den letzten Olympischen Spielen in Sotschi, Rio und Pyeongchang fordern da Widerspruch und Widerstand. Denn wie wurde da mit der Dopingfrage generell und der Dopingfrage rund um und in Russland umgegangen? Die Problematik wurde in internationalen Verbänden kaum aufgegriffen – und, sieht man mal von den Leichtathleten ab: Wie wenig Konsequenzen hatte das? Das Fazit lautet: Doping-Sünder hatten nichts zu befürchten. Jüngstes Beispiel: Das Exekutiv-Komitee der Welt-Anti-Dopingagentur (WADA) lässt die russische Anti-Dopingagentur Russada jetzt wieder zu. Was für eine Farce und was für eine Brüskierung aller sauberen AthletInnen!

Was sagt das also über den Zustand des olympischen, internationalen und nationalen Spitzensports aus?

Cramon: Nichts Gutes. Und es zeigt, dass endlich was passieren muss. Der organisierte Sport hat doch im Kampf gegen Doping kapituliert. Man müsste an die Dopingproblematik ebenso wie etwa an die Korruption ganz anders ran gehen. Es gibt ja schon – wie es so schön in der Außenpolitik immer heißt – eine „Allianz der Willigen“: SportlerInnen, einige Funktionsträger, Ärzte und auch Sponsoren sind dabei. Diese Allianz muss wachsen und unterstützt werden. Aussitzen, gegenseitiges Zuschieben von Verantwortung oder juristische Drahtseilakte werden die Probleme nicht lösen. Wir sind an einem Punkt, wo sich nicht nur in Deutschland, sondern international eine Bewegung für fairen und sauberen Sport formieren muss…

… die dann gleichzeitig eine Gegenbewegung zum verkrusteten Funktionärs-Establishment mit Belohnungssystem fürs Mitmachen zu verstehen wäre?

Cramon: Ja. Und die wir aus der Politik gut unterstützen können und müssen.Beispielsweise wird das Thema sauberer und fairer Sport doch durch die neu gegründete Athletenvereinigung in Deutschland ganz gut aufgegriffen. Sie könnte in einer Allianz ein guter Partner für eine erfolgreiche Sportpolitik sein. Es tut sich mittlerweile einiges – die SportlerInnen bauen ein internationales Netzwerk auf, um sich gemeinsam stark zu machen. Auch die Politik ist gefordert, muss sich aus europäischen Staaten Verbündete suchen, um im Sinne der SportlerInnen für einen sauberen und fairen Sport zu sorgen. Das wäre eigentlich die Aufgabe des organisierten Sports – also auf nationaler Ebene des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Aber da passiert ja das Gegenteil: Die Athleten werden bekämpft anstatt unterstützt und im Regen stehen gelassen. Da würde ich mir wünschen, dass die Politik ein viel stärkeres Signal sendet: Nämlich, ohne AthletInnen geht nichts im Sport. Wir sind bereit, sie in ihrem Engagement und ihrer Initiative zu unterstützen. Da sehe ich aber im Moment in der Politik eine Leerstelle – sie mischt sich nicht ein.

Wenn die Politik sich aber einmischt, ist Streit programmiert. Der deutsche Sport pocht auf seine Autonomie. Bestes Beispiel die Spitzensportreform: Krach zwischen Bundesinnenministerium, Ländern und dem DOSB hatten und haben wir in letzter Zeit genug erlebt: Alle wollen reformieren, aber nur soweit es nicht eigene Interessen betrifft. Und schon gar nicht, wenn es um Transparenz oder Kontrolle geht.

Cramon: Der deutsche Sport schafft es ja nicht. Schauen Sie nach Großbritannien: Der Vorsitzende des Sportausschusses im Unterhaus, Damian Collins, nimmt seinen Auftrag sehr ernst. Hier gibt es nicht nur ein großes Interesse am Sport, sondern auch starke Kontrolle. Da werden Fußball-Funktionäre aus der Premier League ebenso zitiert wie ein Sebastian Coe (Präsident des Internationalen Leichtathletikverbandes, Red.), der dann öffentlich Rede und Antwort stehen muss: Wo ist das Geld hingeflossen, das ihr bekommen habt, warum hat er im Antidoping-Kampf an vielen Stellen versagt? Geschont wird keiner. Das wäre doch bei uns unvorstellbar. Da können wir einiges lernen, wie Politik kontrolliert, Unabängigkeit gegenüber dem organisierten Sport durchsetzt und Einfluss darauf nimmt, dass Transparenz entsteht.

Moment mal: Die Politik hier mischt sich ja ein, allerdings nicht immer so, wie sie das sollte.

Cramon: Politiker dürfen weder Fans noch Lobbyisten sein. Politiker haben die Aufgabe im Sinne der SteuerzahlerInnen die Haushaltsmittel, die ausgegeben werden, nicht zu befördern, sondern erstmal zu kontrollieren, dass diese auch wirklich erforderlich und rechtmäßig sind. Voraussetzung ist deshalb grundsätzlich eine kritische Haltung zu dem Objekt und seinen Forderungen.

Kritische Haltung: Da wären wir nun beim Sportausschuss. Wie beurteilen Sie als ehemaliges Mitglied des Gremiums dessen Arbeit im Hinblick auf Transparenz und Glaubwürdigkeit?

Cramon: Nach wie vor verstehe ich nicht, warum sich der Ausschuss mit der Öffentlichkeit so schwer tut und sie ausschließt. Es gibt ein großes öffentliches Interesse. Und nicht zuletzt unterstreicht man damit Transparenz und Glaubwürdigkeit. Wie das Beispiel aus Großbritannien ja zeigt, wird nicht nur deutlich, dass man seine Aufgaben ernst nimmt, sondern man kann auch belegen, wie weit man seine Agenda abgearbeitet, was man für sauberen oder auch bürgernahen Sport tut oder schon getan hat. Das ist in der Vergangenheit von der Politik hier nicht unbedingt befördert worden.

Mangelnde Kommunikation und Transparenz kritisieren immer mehr Bürger und Bürgerinnen etwa, wenn es um Großveranstaltungen geht, die nach Deutschland geholt werden, wo internationale Verbände diktieren, was Sache ist – und ihnen steuerliche und sonstige Privilegien bewilligt werden.

Cramon: Ja, auch da hat die Politik im Zusammenspiel mit Funktionären nicht unbedingt Transparenz befördert, die gleich null ist, wenn es um mafiöse Strukturen von Verbänden oder um Vertragsabschlüsse mit FIFA, UEFA oder auch dem IOC geht. Reformen sind längst überfällig. Hier müssen die (Sport-) Politik und die Mitglieder des Sportausschusses viel aktiver werden. Ich wünsche mir eine deutliche Positionierung, die dann auch durchgehalten wird.

Deshalb sollten SportpolitikerInnen ein aufrichtiges Interesse für ihre Themen mitbringen, was wohl nicht bei allen so vorhanden ist, wie es erforderlich ist. Wenn der Sportausschuss ständig den Eindruck erweckt, dass er eher ein Reisekader ohne sportpolitische Agenda ist als ein sachorientiertes und kritisches Sportpolitik-Gremium, dann diskreditiert er sich selbst.

Braucht es eigentlich noch einen Sportausschuss, wenn Haushälter und ein bayerischer CSU-Staatssekretär aus dem Bundesinnenministerium als verlängerter Arm des DOSB-Präsidenten ab- und bestimmen, wo es lang geht? BürgerInnen sind irritiert, weil sie sich fragen: Wie geht das – einfach ein Nachschlag? Wofür genau? Was machen DOSB und Verbände mit dem vielen Geld? Es wird ja offensichtlich nicht dort investiert, wo es investiert werden sollte: im Nachwuchs bei AthletInnen und TrainerInnen.

Cramon: Hinterzimmer- Gemauschel oder Nacht- und Nebelaktionen wie etwa, als es um die Finanzierung des Vereins „Athleten für Deutschland“ ging, fördern weder Glaubwürdigkeit noch Vertrauen. Wenn ausgerechnet AthletenvertreterInnen, die unglaubliches Engagement zeigen, um etwas Neues, Eigenes auf die Beine zu stellen, abgestraft werden, indem man finanzielle Absprachen und Zusagen konterkariert, dann fragt man sich, wie denn in Zukunft weiter Engagement von Aktiven eingeworben werden soll.

Auf der einen Seite hält der DOSB die Athleten kurz, auf der anderen Seite, wenn sie sich selbst organisieren, dann werden sie noch auf der Ziellinie ausgebremst – da hat der Lobbyismus des DOSB einen ganz klaren Sieg davon getragen. Doch das kann nicht im Sinne der Politik sein. Da müssen sich Politiker – auch Haushälter – verweigern und deutlich sagen: Da machen wir nicht mit. Und Sportpolitiker müssen viel emanzipierter auftreten und bei so einer unterirdischen Geschichte Staatssekretär und DOSB in die Schranken weisen.

Es ist ja mehrfach erfolglos probiert worden, den Spitzensport hier auf Vordermann zu bringen. Um die Spitzensportreform umzusetzen, braucht das Sportdeutschland von DOSB-Präsident Hörmann neben neuen Köpfen vor allem neue Ideen. Welche Wege muss der Spitzensport einschlagen?

Cramon: Die Spitzensportreform krankt daran, dass die AthletInnen nicht direkt mit einbezogen waren. Das ist ein großes Minus. Wenn ich etwas reformieren will und den wichtigsten Stakeholder nicht dabei habe, dann kann das eigentlich nicht wirklich gelingen.

Dass es Veränderungen geben muss, ist unbestritten: Die Analyse der Verbands-Strukturen, die Überprüfung des Stützpunktsystems ebenso wie die der Beschäftigungsverhältnisse und -bedürfnisse an Olympia- und Bundesstützpunkten sowie die der Kaderzahlen macht Sinn. Nun kann der Athlet nicht über Strukturen entscheiden, aber es muss Mitsprache gewährleistet sein – denn die Aktiven sind es, die mit den Ergebnissen leben müssen.

Ob das am Ende auf eine noch stärkere Zentralisierung hinauslaufen muss, was vor allem für die SportlerInnen einen tiefen Einschnitt in ihr Leben bedeuten könnte, das stelle ich in Frage. Sicher gäbe es die Möglichkeit eines dezentralen Anreizsystems, wofür ein entsprechendes Budget zur Verfügung gestellt werden könnte. Es gäbe andere Modelle, um jungen SportlerInnen mehr Planungssicherheit auch über die Zeit nach der Sport-Karriere zu geben.

Sie kandidieren für das Europäische Parlament. Wollen Sie da für den deutschen und europäischen Sport aktiv werden? Es gäbe ja einiges zu tun: Stichwort z.B.: Gesundheit. Viele EuropäerInnen sind zu dick – besonders Kinder. Welche Themen würden Sie auf der europäischen Agenda als erste angehen?

Cramon: Der Lissabon-Vertrag der EU hat eine Sport-Agenda. Da geht es vor allem um das Vorgehen gegen Betrug, Korruption und den Anti-Dopingkampf. Bei früheren Besuchen in Brüssel wurde immer wieder darüber diskutiert, dass es mehr Austausch und Zusammenarbeit der europäischen Staaten geben müsste. Etwa, dass Regierungen in Zugzwang gesetzt werden, gerade bei Manipulationen von Fußballspielen oder anderen Betrugsgeschichte endlich eine parlamentarische Kontrolle einzurichten.

Es gibt keine gesamteuropäische Idee, wie man BürgerInnen für Bewegung motivieren und in Bewegung bringen könnte. Natürlich gibt es Projekte und Programme, aber ein Gesamtkonzept zu entwickeln, das wäre schon eine reizvolle Arbeit. Zumal der Sport ja mit vielen Ressorts eine Schnittmenge hat: Gesundheit, Prävention, Bildung, Umwelt, Infrastruktur. Interdisziplinäre Kooperation könnte da schon was für die BürgerInnen in Bewegung bringen. Da gibt es unendlich viele Betätigungsfelder, die ich aus Grünen-Sicht gern beackern würde.

Apropos gerne machen: Können Sie sich vorstellen, sich irgendwann mal als Funktionärin für den deutschen Sport zu engagieren?

Cramon: Es gibt wahrscheinlich wenige Funktionen, die ich mir nicht vorstellen könnte. Von außen habe ich natürlich einen ganz anderen Blick auf den Sport als diejenigen, die da seit Jahrzehnten dabei sind. Aber das könnte auch von Vorteil sein. Ausschließen will ich gar nichts.

Am 1. Dezember findet in Düsseldorf die DOSB-Mitgliederversammlung mit Wahlen statt. Kritiker sagen: (Sport-) Deutschland benötigt auch hier dringend neue Führungs-Köpfe.Was erwarten Sie?

Cramon: Ein Verband mit so vielen Mitgliedern ist schon eine Herausforderung. Die Reform war wichtig und zu diesem Zeitpunkt auch richtig. Die Umsetzung eher fragwürdig. Die Unzufriedenheit, die bei mir ankommt, ist eine Unzufriedenheit mit dem aktuellen Führungspersonal. Deshalb hoffe ich, es werden endlich Leute gefunden, die nicht nur sportfachlich, sondern auch sportpolitisch in fairem Miteinander den deutschen Sport nach vorne bringen.