Ein Geburtstags-Gruß aus Sportdeutschland

Berlin, 20 Mai. Heute feiert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in der Frankfurter Paulskirche sein zehnjähriges Bestehen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und IOC-Präsident Thomas Bach. So richtig Feierlaune dürfte nun eigentlich, mal abgesehen von der gesamten Weltlage, auch in der Sportfamilie angesichts der internationalen und nationalen Skandale und Vorfälle nicht unbedingt aufkommen. Aber man weiß ja nie. Die Sportgemeinde lässt sich so schnell nicht erschüttern. Trotz persönlicher Einladung, für die ich mich noch mal ausdrücklich und verwundert bedanken möchte, (falls sie denn wirklich kein Versehen war!), möchte ich nicht vor Ort mitfeiern, weil mir ganz und gar nicht danach ist. Aus der Ferne deshalb eine ganz persönliche Gratulation.

Herzlichen Glückwunsch, DOSB!

Wozu?

Dazu, dass es den Laden immer noch gibt, trotz massiver Anstrengungen, sich selbst überflüssig zu machen und sich von der Politik in Sachen Spitzensport vorführen zu lassen?

Zum Neubau, der nun auch endlich für den Vorstandsvorsitzenden Michael Vesper repräsentativ genug ist. Warum ein Neubau nötig war, begründete Vesper ernsthaft auch damit: „Man kann ja nicht einmal im Flur nebeneinander gehen!“ Begegnungen auf Distanz sind nun auch auf den Gängen möglich, wie erste Tester berichten.

Zu der Art, wie Präsidium und Vorstand Glaubwürdigkeit, Transparenz, Offenheit und Kommunikation umsetzen?

Zu dem Stil, den man im Umgang mit Mitgliedern, Partnern, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit pflegt, besonders auch mit Dopingopfern?

Zu der Vorbildfunktion, die AthletenInnen, TrainerInnen immer abverlangt wird, die aber offensichtlich für FunktionärInnen im Amt nicht wichtig ist?

Zu den Sonntagsreden, in denen die Sportfamilie selig trunken dahin schwelgt, wenn die Werte des Sports beschworen werden, die aber ganz schnell vergessen sind, wenn es um knallhartes Geschäft, Macht und Eigeninteressen geht?

Zur finanziellen und strukturellen Überforderung der Basis durch eine Führungscrew, die nur noch in unternehmerischen Kategorien denkt und sich weit vom „Fußvolk“ im uneinigen Sportdeutschland entfernt hat?

Geht`s noch? Nee, aber ich kann mal nun nix dafür, dass die Anti-Jubel-Liste doch sehr lang ist.

Gibt es denn nun gar nichts, um zu gratulieren?

Doch: Man kann dem DOSB zu vielen fähigen MitarbeiterInnen gratulieren, die trotz mannigfaltiger Widerstände immer noch, auch ohne Schlagzeilen und Rampenlicht, gute und kreative Arbeit leisten.

Und: Herzlichen Glückwunsch auch zu den unzähligen engagierten Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen in den Vereinen und Verbänden, die sich schätzen und stützen. Die sich nicht überlegen, wie sie sich gegenseitig los werden könnten, weil sie nicht in modernen Strukturen agieren, die sie sich gar nicht leisten können, und die deshalb noch etwas altmodisch drauf sind. Gäbe es sie nicht, dann gäbe es auch den DOSB nicht. Und vielleicht wäre da mal Unterstützung des Dachverbandes angesagt.

Auch Glückwunsch zu all den aufrichtigen Ehrenamtlern in Führungsämtern, die versuchen, ohne viel Geschwätz und Tamtam ehrliche Makler für den Sport zu sein.

Herzliche Gratulation zu dem fleißigen, wuselnden, Leistungssportvorstand und Geheimagenten 007 Dirk Schimmelpfennig, der Kilometer um Kilometer auch zu den Verbänden zurücklegt, um den Geheimauftrag Förderkonzept zu erledigen.

Glückwunsch zu den erfolgreichen Einsätzen von Vereinen, Verbänden und Landessportbünden, die sich in gesellschaftlichen Belangen – zuletzt für die Flüchtlinge – viele Meriten verdient haben und so wieder unter Beweis stellten, dass der ehrenamtliche Sport ein Leistungsträger dieses Landes ist.

Und herzlichen Glückwunsch zu denjenigen AthletInnen, die sich ein olympisches Ziel gesteckt haben. Die Tag für Tag trainieren, unter Druck stehen, sauber ihre Leistungen bringen wollen in einer verseuchten Hochleistungsszene. Und für viele meist ohne wirkliche Absicherung, für das Leben nach dem Sport. Noch dazu in Zeiten, in denen sich die olympische Welt gerade zerlegt – und weder die handelnden Funktionäre noch die Situation motivierend sind.

Der kritische Begleiter sitzt da in dieser Gemengelage, betrachtet das geschlossene System Sport und dessen Repräsentanten, die selbst bei ansonsten kühlen Analytikern und über den Dingen stehenden KollegInnen vor allem in den letzten Monaten Depressionen, Wut und Ärger auslösten.

Leute, Alkohol ist keine Lösung. Auf Grasrauchen sollte man auch nicht setzen – so ein Kraut gäbe es gar nicht, das einen dermaßen benebeln könnte, dass man die Sportwelt wieder rosig sieht.

Also: Lasst uns weiter unsere Arbeit tun. Lassen wir uns weder von inflationsartig verteilten Scherz-Schreiben, vermeintlich freundlichen PressesprecherInnen-Anrufen, „Gesprächseinladungen“ in Funktionärsetagen, noch von Liebesentzug oder dem Bannstrahl des Führungspersonals und krausen Statements abschrecken oder die Laune verhageln. Oder uns gar den Mund verbieten: Es ist unser Job, Unangenehmes, Missstände, Versäumnisse und Fehler aufzudecken.

Wir sitzen eben nicht in einem Boot mit dem Sujet unserer Berichterstattung.

In diesem Sinne:

Gute Besserung denjenigen, die gerade mal wieder gerne so viel über olympische Werte, Fair Play und Good Governance schwafeln, aber genau das Gegenteil tun.


Ein Haufen blumiger Worte – Stimmen zu 10 Jahren DOSB

Ines Geipel, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH) zieht nach zehn Jahren DOSB eine deprimierende Bilanz:

Vor zehn Jahren gehörte Verantwortung für die Dopingopfer zum Startkapital des DOSB. Mit seiner Entschädigungsrunde 2006 setzte er damals ein Achtungszeichen. Aber das war es dann auch. Ab da ging nichts mehr. Kein Gespräch, kein ernsthaftes Angebot, stattdessen Dauerverweigerung und Diskreditierung oder einen Haufen blumiger Worte, den keiner braucht. Das hat etwas Unwürdiges.“

In einer Pressemitteilung wies die DOH noch einmal darauf hin, dass DOSB-Präsident Alfons Hörmann die Dopingopfer-Thematik zur „Chefsache“ erklärt hatte, Gehandelt hat aber nur das Bundesinnenministerium mit dem 2. Doping-Opferhilfegesetz mit einem Volumen von 10,5 Millionen, dem nun im Juni der Bundesrat zustimmen soll. 10,5 Millionen gibt die Politik, die den DOSB aufgefordert hat, die gleiche Summe zur Unterstützung der DDR-Dopingopfer zu geben. Der DOSB verweigert sich.

Eine Farce. Der DOSB hat in Sachen DDR-Dopingopfer eine Bringschuld, ist aber in hohem Maße säumig. Jeder Monat ohne Hilfe erhöht seine Schadensbilanz. Was für eine traurige Feier, blamabel und erschreckend zugleich“ so Ines Geipel. (DOH-Pressemitteilung)

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag zur Frage, wie sie die Fusion beurteilt und ob ihr bei der momentanen Gesamtsituation des deutschen Sports zum Feiern zumute ist: „Die Idee der Fusion war ursprünglich, einen großen Dachverband des Breiten- und Spitzensportes zu gründen, der als (eine) Stimme des Sports auftreten kann. Der DOSB muss sich nach zehn Jahren fragen (lassen), ob Wunsch und Wirklichkeit nah genug beieinander liegen. Nur ein Beispiel: dem DOSB ist es in einem Jahrzehnt nicht gelungen, die Bevölkerung in unserem Land für die Austragung von Olympischen Spielen und Paralympischen Spielen in Deutschland zu begeistern. Diese Begeisterung lässt sich nicht allein über den Spitzensport in die Gesellschaft tragen, sondern wächst auch über die Millionen Sportbegeisterten im Bereich des Breitensports. Der DOSB ist eben nicht nur dem Spitzensport, also der Rolle des Nationalen Olympischen Komitees, verpflichtet. Aus meiner Sicht ist das Ziel, dass der Sport in seiner gesamten Breite mit e i n e r starken Stimme nach außen auftritt, noch nicht erreicht.“

Herbert Fischer-Solms, jahrzehntelang kritischer Beobachter und journalistischer Begleiter des organisierten Sports im Deutschlandfunk, sagt heute zur Fusion: „Es ist nicht so, dass der DOSB dadurch mehr Durchschlagskraft gewonnen hätte. Die wirklichen gesellschaftspolitischen Diskussionen gehen am DOSB völlig vorbei. Ich sehe keine handfesten Vorteile, die durch die Fusion entstanden sind.“

Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen, war schon immer ein Kritiker der Fusion. „Ich bin auch nach zehn Jahren erlebter Praxis nicht überzeugt. Die Finanzsituation ist – behutsam ausgedrückt ­- angespannt. Der Hochleistungssport dominiert, und der sportpolitische Einfluss der quantitativ so großen gesellschaftlichen „Macht“ DOSB ist schwächer geworden.“ (Sport in Hessen)

Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turnerbundes, äußert sich in einem ausführlichen Statement zu zehn Jahren Fusion auf der DTB-Internetseite. „Ich habe vor zehn Jahren mitgearbeitet in der Strukturkommission von DSB und NOK und der anschließenden Satzungskommission. Aus meiner heutigen Sicht und Erkenntnis der Diskussionen von damals steht für mich fest, dass die Fusion der beiden Verbände damals richtig war und sich bis heute bewährt hat.“

Walther Tröger, IOC-Ehrenmitglied und ehemaliger NOK-Vorsitzender: „Meine Meinung ist heute nach wie vor, dass die Fusion falsch war. Die Fusion ist damals über beide Organisationen DSB und NOK förmlich hereingebrochen, ohne systematische Vorbereitung oder Folgen-Analyse, angetrieben von der Forderung nach dem Sport, der mit einer Stimme sprechen soll. Mit den Fehlern der Fusion und der Umsetzung wird man weiter leben müssen.“

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