Ziemlich beste Freunde/Feinde

Saubermann fordert Saubermann zum Rücktritt auf: UEFA-Präsident Michel Platini legt in Zürich einen Oscar-reifen Auftritt hin

Berlin, 28. Mai. Nun also, wo ohnehin alles den Bach runter zu gehen scheint, wird auch UEFA-Präsident Michel Platini richtig mutig: Er habe, so erklärte er sehr theatralisch vor der Presse in Zürich, FIFA-Präsident Joseph Blatter zum Rücktritt aufgefordert. Es sei nicht leicht gewesen, „einem Freund das ins Gesicht zu sagen“. Platini spricht von einem „Friedenshandschlag“, den sie nach einem Vieraugengespräch ausgetauscht hätten, wo er ihn noch mal zum Rücktritt bewegen wollte. Er empfinde Trauer und habe Tränen in den Augen gehabt.

Dass Platini ein exzellenter Fußballer war, wissen alle. Dass er ein brillanter Schauspieler ist, das stellte er bei der PK unter Beweis. Oscar-reif! Blatter und Platini beste Freunde? Das könnte man ihm glatt glauben, gäbe es da nicht die ständigen Sticheleien und die großen und teilweise auch ins Persönliche gehende Auseinandersetzungen der beiden in letzter Zeit. Oder ist eventuell die Definition von Freundschaft bei der FIFA eine besondere?

Vielleicht waren sie wirklich mal so etwas wie Freunde. Platini war OK-Vizepräsident für die WM in Frankreich von 1993 bis 1998. Er unterstützte 1998 Blatter bei der Wahl zum FIFA-Präsidenten, war bis 2002 dessen Berater und gehört seither dem FIFA-Exekutivkomitee an. So lernte er nicht nur Blatter, sondern auch seine Kollegen, Strukturen und sonstiges in der FIFA gut kennen. Allerdings vom „System Blatter“, von dem alle reden, wisse er nichts, sagte er bei der Pk. Hm.

Aber nun ist das System zusammengeklappt, wie immer die FIFA-Scheinwelt auch heißt. Bezeichnend genug, dass ausgerechnet Fahnder und Ermittlungsbehörden der USA, einem Land, wo American Football und Baseball die Volkssportarten sind und nicht Soccer, den FIFA-Urknall auslösten.

Jetzt Aktionismus

Nun also steht der „Sepp“ – wie Platini Blatter nennt, mit dem Rücken zur Wand, dann switcht man leichter vom Maulheldentum zum Aktionismus. Der angedachte Boykott des Kongresses und der Wahl durch die UEFA wurde abgeblasen, aber die Rücktrittsforderung steht. Jetzt werden hinter den Kulissen Strippen gezogen, um Stimmen für den Gegenkandidaten zu gewinnen, den jordanischen Prinzen Ali Bin al-Hussein.

Dass das alles so weit kommen musste, dafür ist auch die UEFA mit verantwortlich, die häufig verbal bei den Skandalen auf den Putz haute, aber kleinlaut passte, wenn es darauf ankam, Rückgrat zu zeigen. Das gilt auch für das Mitglied Deutscher Fußballbund und seinen Präsidenten Wolfgang Niersbach, von dem man sicher behaupten kann, dass er ein ziemlich bester Freund Platinis ist. Auch er plapperte aufgeblasene, aber folgenlose Statements in die Mikrofone – ob zu Arbeitsbedingungen und Menschenrechten in Katar oder Korruptionsvorwürfen in Zürich. Nur die Mitglieder von der Insel, England und Schottland, hielten ihre Kritik stets aufrecht.

Gekniffen

UEFA-Chef Platini sieht sich in dieser Position nicht nur als Fußballversteher, sondern auch als Erneuerer und Reformer. Er hätte die Chance gehabt, seine FIFA-Kritik konstruktiv umzusetzen, hätte er sich als Gegenkandidat zur Verfügung gestellt. Doch da fürchtete der Franzose wohl die Niederlage und kniff. Und vielleicht passte er auch deshalb, weil Dinge wieder ausgegraben werden könnten, die auch ihn in keinem guten Licht erscheinen lassen. Dass ausgerechnet Platini jetzt als Saubermann auftritt, das hat schon was. Denn da gab es doch so einige Dinge mit, wie der Schwabe sagt, „Gschmäckle“.

Ein Job und ein Bild

Nachdem der 60-Jährige zum UEFA-Präsidenten vor allem mit Stimmen aus osteuropäischen Verbänden wie Polen und Ukraine gewählt worden war, ging die EM 2012 völlig überraschend an den Aussenseiter Polen/Ukraine. Und es fragten sich viele: Ist das Zufall?

Bei der Vergabe der WM 2018 an Russland und 2022 nach Katar hat er die europäischen Stimmen für Katar beschafft. Er traf sich damals mit dem Emir von Katar und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Paris, was nun auch nicht gerade zum Ethik-Code der FIFA passt. Und was sagt uns, dass sein Sohn Laurent Europa-Chef der Gruppe Qatar Sport Investments ist? Wenn es ihm um den Sport geht, was hat den Fußballer Platini dann  geritten, sich für das Emirat einzusetzen, das für jeden Kicker vor allem wegen des Klimas bei jedem Spiel zum 90-minütigen gesundheitlichen Roulette und Alptraum wird? Er ruderte zurück und stimmte für die Austragung im Winter, was die Entscheidung auch nicht besser machte. Und dann gibt es da noch die Geschichte von seinem Schwiegersohn Yohann Zveig, der von der UEFA engagiert wurde, um Musik – etwa die offizielle Hymne der UEFA Europa League – zu komponieren. Der Schwiegersohn wurde später auch vom DFB beschäftigt. Und zu den Russen scheint Platini offensichtlich ebenso beste Verbindungen zu haben: Die sollen ihm sogar ein Gemälde von Picasso geschenkt haben.

Ein gelungener Gag

Und nun zelebriert sich Platini als der Mann, der die FIFA und den Fußball retten und ihnen zu neuem Image verhelfen will. Der auch, wenn Blatter nicht mehr Präsident sein wird, darüber nachdenkt – wie er in der Pressekonferenz sagte, ob er in dessen Fußstapfen doch noch treten will. Ein gelungener Gag, der für Lacher sorgen könnte.

Was sagt uns das? Personalwechsel alleine reicht in der FIFA nicht. Da müssen alle 209 Mitgliedsverbände überlegen, was es in den eigenen Reihen zu reformieren und auszuwechseln gibt. Überdenken gilt übrigens auch für die zuständigen Politiker, die nun alle (bis auf Wladimir Putin, der eine US-amerikanische Verschwörung oder ähnliches wittert) Krokodilstränen um den armen Fußball und den bösen FIFA-Präsidenten weinen. Sie haben alle Joseph  Blatter hofiert, der immer wieder stolz betonte: „Ich bin der einzige auf der Welt, der überall von jedem Regierungschef gerne und jederzeit empfangen wird.“ Auch die Politiker wussten und wissen, dass die FIFA eine besondere Familie ist, mit einem besonders eitlen, aber geschäftlich knallharten Oberhaupt, dem man schmeicheln, versprechen und geben muss, was er haben möchte, wenn man eine Weltmeisterschaft für die eigene Imagepflege ins Land holen will. In diesem Sinne auch Grüße an alle Verantwortlichen der Bundesrepublik, die 2006 die WM nach Deutschland holten. Erst die Fans machten daraus ein Sommermärchen. Hoffen wir, dass es eins bleibt.

PS: Joseph Blatter eröffnete am Donnerstag (28. Mai) um 17 Uhr den FIFA-Kongress: Ungebrochen, arrogant, selbstsicher. So wie man den 79-Jährigen kennt und auf der Kongressbühne erwartet hat. Er, der die letzten Krisen im Selbstreinigungsprozess lösen wollte, wenn er denn überhaupt eine Krise sah, versprach auch diesmal in seiner kurzen Rede, bei der Aufklärung mitzuwirken. Er habe schließlich die Verantwortung. Was immer das diesmal heißen mag. Keine Spur von Einsicht oder Schuld. Sepp gegen den Rest der Welt! Chapeau, die Chuzpe muss man erst mal haben. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber Joseph Blatter nicht…“ Fortsetzung am Freitag.

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