Bloß keine Personaldebatte vor Olympiakür

Das lange Warten auf AmtsnachfolgerIn Schenderleins / Politik spielt immer größere Rolle

Berlin,19.August. Irgendwie hängt über der sportpolitischen Landschaft in der Republik eine seltsame Ruhe. Zumindest öffentlich scheint die Sommerpause nun doch die EntscheiderInnen erfasst zu haben. Jedenfalls auf den ersten Blick: Im Kanzleramt ist der Stuhl von Staatsministerin Christiane Schenderlein immer noch unbesetzt. Und auch die Frage, wer denn nun beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für das Präsidentenamt antritt, ist nicht klar.

Doch auf den Hinterbühnen passieren offensichtlich eine Menge Dinge. Und es fällt einem wieder das stets gepredigte Credo des ehemaligen DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann ein, das lautete: Wahrheit, Klarheit und Transparenz im deutschen Sport. Was man auch auf die Politik erweitern kann.

Doch davon ist man auf der Berliner wie auch der Frankfurter Bühne weit entfernt. In Berlin wurde die ostdeutsche Sportministerin telefonisch von Kanzler Friedrich Merz entlassen. Kurz darauf bekam die Kommunikationswissenschaftlerin als Trostpreis den Staatssekretärsposten im Gesundheitsministerium, den vorher der aus Sachsen-Anhalt stammende Tino Sorge inne hatte – und der musste gehen.

Viele fragen sich mittlerweile, wer den Kanzler wohl da beraten hat. Und was das für ein Schachzug war, wenn man die schwierigen Landtagswahlen im Osten vor Augen hat. Erfolglosigkeit oder Murks in der Arbeit kann man Schenderlein, der Quereinsteigerin aus Sachsen, die so überraschend wie sie berufen wurde, nach 14 Monaten Amtszeit auch wieder abgelöst wurde, nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil – alle Ziele aus dem Koalitionsvertrag hat sie erfüllt: Sie hat in der Spitzensportförderung mit dem Sportfördergesetz einen Paradigmenwechsel eingeleitet, die ersten Maßnahmen für die Spitzensportagentur ergriffen, eine Traineroffensive gestartet, das Safe Sport Zentrum weiter nach vorne gebracht und sich intensiv für das Ehrenamt und mehr Fördermittel eingesetzt – Mission completed.

Ach ja, Olympia

Ach ja, da ist ja noch die Olympiabewerbung. Auch da stand die Ex-Staatsministerin ihre Frau und zu ihrem Wort. Und diese Bewerbung sehen viele auch als einen Grund, warum Schenderlein, die nicht alles mitmachen,wollte was man ihr aufs Auge drücken wollte, sich etwas widerspenstig zeigte. So zumindest wird es erzählt. Frau Schenderlein gab inzwischen das eine oder andere Interview – wer dort zwischen den Zeilen liest, könnte das so interpretieren.

Haltung und Zuverlässigkeit, Zuhören und Empathie scheinen nun nicht gefragt gewesen zu sein. Als Ablösegrund wurde bisher offiziell genannt, dass der deutsche Sport von einem international bekannten Gesicht repräsentiert werden soll. Aber wer soll das sein? Eine Spitzensportlerin, heißt es.

Weitere Qualitätskriterien braucht es offensichtlich nicht. Viele Namen geistern seither durch den Orbit. Schon als die „Neue“ wurde die ehemalige Welt-Fußballerin Nadine Keßler, die bei der UEFA für Frauenfußball zuständig ist, als Kandidatin in einigen Medien angekündigt. Realistisch? Da müsste sie schon einen Hang zum Samaritertum haben, allein wenn sie auf die Gehaltslisten bei der UEFA oder bei Ministern schaut. Und wäre eine Fußballerin, die weit weg ist von Parlamentarismus, Verwaltung und dem organisierten deutschen Sport und seinen Strukturen die Richtige, wenn man es mit der Sportpolitik in Deutschland ernst meint? Es heißt ja auch Sport- und nicht Fußballminister. Die Kicker haben in der Politik ohnehin eine starke Lobby, andere erfolgreiche Sportarten eher weniger.

Platz immer noch leer

Tut man sich nun mit der Suche schwer? Oder gibt es einen anderen Grund, warum der SportministerInnen-Platz noch immer leer ist?

Insider sagen: Alles steht und fällt und dreht sich um die Olympiabewerbung, auch Personalentscheidungen. Und deshalb wolle man vor dem 26. September, wo in Baden-Baden auf einer außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung der deutsche Olympiakandidat gewählt würde, keine Personalentscheidungen treffen. Das gelte auch für den DOSB-Kandidaten. Wobei da nun auch seit einiger Zeit erzählt wird, dass eine „geheime“ Findungskommission bereits einen Nachfolger erwählt hat für den eher glücklosen ehemaligen Hoffnungsträger Thomas Weikert, der sich noch immer nicht erklärt hat, ob er weitermachen will: Michael Mronz.

Was ist das also für eine Scharade, die hier aufgeführt wird: Wenn der Olympiakandidat gewählt wird, hat der Sport nur scheinbar selbst entschieden, wen er ins Rennen schickt – die Politik mischt sich ein und mischt mit.

Jüngstes Beispiel: Der Besuch der Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, Kirsty Coventry, in Aachen. Ministerpräsident Hendrik Wüst, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegener sammelten sich um die Ober-Olympierin. Und beim gemeinsamen Abendessen habe man Olympia als Thema ausgeklammert, sagt Wüst: „Wir haben gar nicht über eine Olympiabewerbung gesprochen. Das gehört sich an so einem Abend nicht.“ Dagegen habe man sich über „Sportentwicklung“ und die Bedingungen von Frauen- und Männersport und andere „spannende Themen“ unterhalten. Aha.

Wahrheit, Klarheit, Transparenz.

Olympia immer noch Prestigeobjekt

Dass Politiker Olympische Spiele als Prestigeobjekt sehen, ist ja nichts Neues. Und das PolitikerInnen massiv mitmischen, ebenso wenig. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder soll, so sagen Insider, hinter den Kulissen, sich zusammen mit seinen CSU- Statthaltern in der Hauptstadt in die Sportpolitik eingemischt haben. So wurde das Sportfördergesetz von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt zunächst blockiert, bis man seine Punkte durchgesetzt hatte.

Nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“ scheint auch Sportpolitik in Deutschland gut zu laufen – im Hintergrund. Der DOSB, der ja immer auf seine Autonomie pocht und politisch neutral sein sollte, muss sich nun den Geistern beugen, denen er sich ausgeliefert hat: Ohne Politik geht im deutschen Sport nichts mehr. Würde Michael Mronz DOSB-Präsident werden, wäre zusammen mit Otto Fricke, dem Vorstandsvorsitzenden, die derzeit fast bedeutungslose FDP am Ruder. Aber eben Parteileute. Fricke wurde Nachfolger des SPD-Mannes Torsten Burmester, der nun in Köln Oberbürgermeister ist und sich mit seiner Stadt und NRW auch für Olympia bewirbt. Und Mronz wäre Nachfolger von SPD-Mitglied Weikert. In guter Tradition mit Willi Weyer, der zu Zeiten, als die Freien Demokraten noch politisches Gewicht hatten, FDP-Innenminister in NRW und Präsident des Deutschen Sportbundes war. Später übernahm Thomas Bach, ebenfalls damals noch FDP-Mitglied, als erster DOSB-Präsident. Und löste den CDU-Mann Manfred von Richthofen ab.

Nie so scheint es, hat auch Parteipolitik eine so extreme Rolle im deutschen Sport gespielt wie heute. Besonders deutlich wurde das unter der Ägide Hörmann (CSU), wo die CSU es locker schaffte, einen widerborstigen Abteilungsleiter aus dem Amt zu kegeln.

Doch eine Grüß-Gott-Auguste?

Nun ist zu befürchten, dass der Posten im Kanzleramt auch aus den weißblauen CSU-Landen besetzt werden könnte. International prominente bayerische SportlerInnen-Gesichter gäbe es schon einige, zwar mit Medaillen um den Hals, aber die meisten ohne jede politische Erfahrung. In letzter Zeit machte allerdings eine Sportlerin „politische“ Schlagzeilen in Bayern: Die Dressur-Reiterin Lisa Müller, Ex-Ehefrau von Kicker Thomas Müller: Sie ging bei der Bayerischen Landtagspräsidentin Ilse Aigner in die Lehre – heißt: sie machte ein Praktikum und trat danach in die CSU ein. Wäre sie so eine Frau, die man sich wünscht?

Welchen Stellenwert hat dieses Staatsministerium, das ja  nur eine Abteilung im Kanzleramt mit einem eindrucksvollen Titel ist, eigentlich in dieser Regierung? Der Umgang mit der Amtsträgerin, die offensichtlich keinen großen Rückhalt im Kabinett hatte, die andauernde Vakanz der Position, lassen nur den Schluss zu: Nebensache!

Wenn nun ein prominenter , aber politisch unerfahrener Sportler oder Sportlerin auf dem Amtsstuhl Platz nähme, dann würde sich die Befürchtung bestätigen, die ganz am Anfang stand, als dieses neue Amt eingerichtet wurde: Ein Grüß-Gott-August oder eben eine Auguste übernimmt.