Nicht bloß dekorativer Sidekick

LSB-Präsident Härtel über die Ablösung der Sportministerin und die Folgen

Berlin, 26. August. Angesichts dessen, was in den letzten Wochen auf dem sportpolitischen Parkett passiert oder auch nicht passiert ist, und was in den nächsten Monaten ansteht, wirkt Thomas Härtel ziemlich gelassen. Naja, nicht so ganz. Dass die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christine Schenderlein, ausgerechnet „und ohne Not“ jetzt ausgewechselt wurde, findet der Präsident des Landessportbundes Berlin „unverständlich, ja daneben, vor allem, wenn man so was macht und dann die Nachfolge nicht geklärt ist.“ Schließlich bewirbt sich ja die Hauptstadt neben München und Nordrhein-Westfalen um Olympische und Paralympische Spiele.

Dieser politische Wechsel-Fauxpas und die weitere Vakanz sowie die vor allem hinter den Kulissen stattfindende Debatte um das Kandidatenamt des Präsidenten oder der Präsidentin des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) im Dezember sind nicht gerade hilfreich im Bewerbungsmodus und geben ein nicht gerade glückliches Bild deutscher Sportpolitik ab . „Wir müssen doch eine klare Botschaft an das Internationale Olympische Komitee (IOC) senden, die da heißt: Die deutsche Sportfamilie sendet Kandidat X ins Rennen, hinter dem sie geschlossen steht“, sagt er, der nicht nur als Sportfunktionär, sondern auch als ehemaliger Staatssekretär im Berliner Senat genau weiß, wie nun im Hintergrund agiert wird. „Schmutzeleien“, wie der ehemalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer „Personaldiskussionen“ nannte, sind auch dem Sport nicht fremd.

Unzeit

Der 75-jährige frisch gebackene Bundesverdienstkreuzträger ärgert sich wie viele im deutschen Sport – und vor allem in den Kandidatenstädten über die Unzeit und das fehlende Fingerspitzengefühl des Kanzlers. Und da ist es nun mit der Gelassenheit dahin. „Unmittelbar vor der Entscheidung, wer als nationaler Bewerber um Olympische und Paralympische Spiele antreten soll, ist es skandalös, dass über Wochen keine Nachfolgeregelung für das höchste politische Amit im Sport gefunden werden kann.“

Auf der anderen Seite sagen viele, dass auch die Besetzung des Ministeriumsstuhls zum jetzigen Zeitpunkt nur weitere Unruhe vor dem Olympiaentscheid bringen würde und die Personalie den Olympiahype überdecken könnte.

Viele Namen geistern durch die Gegend. „ Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass schon jeder mal genannt wurde, der nur im entferntesten mal im Spitzensport Erfolg hatte.“

Die aus politischer Sicht zu lange Leere auf dem Ministerstuhl trägt natürlich auch dazu bei, dass plötzlich Namen genannt werden, die keiner (mehr) kennt oder sich nicht erinnert – manchmal ist das gar nicht so schlecht, weil ihn sonst eventuell die nicht immer glorreiche Vergangenheit einholt.

Standing

.„Man braucht jemand, der im politischen Kanon ein gewisses Standing hat, der weiß, wie das politische Geschäft, das komplizierte Gefüge zwischen Ländern und Bund läuft. Es wird hier von SpitzenathletInnen als MinisterInnen gesprochen, aber die wenigsten kennen das politische Geschäft. Aber vor Ort muss ein Minister/eine Ministerin den Überblick und die Koordination behalten.“

Diese Einschätzung teilen viele aus Sport und Politik, die aber mittlerweile auch fordern, dass es von Seiten der Politik nicht reicht, ein Amt einzurichten, eine Ministerin zu berufen, die gute Leistungen bringt, aber im Kabinett nur als dekorativer Sidekick sitzt – und der es wohl auch an Rückendeckung fehlt.