Die Sportministerin und das Beharrungsvermögen

Christiane Schenderlein ein Jahr im Amt / Gespräch über Kompromisse, Lobbyisten und Olympia

Berlin, 30. April/1. Mai. Die 25. Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland unter Bundeskanzler Friedrich Merz übernahm am 6. Mai 2025 die Amtsgeschäfte. Ein Kabinettsmitglied ist die CDU-Politikerin Christiane Schenderlein. In der neu geschaffenen Abteilung  für  Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt ist sie die erste „Sportstaatsministerin“ der Republik, die in die Regierungsannalen eingehen wird. Und eventuell wird sie auch die erste sein, die es geschafft hat, mit einem Gesetz eine Spitzensportreform umzusetzen.Staatsministerin Christiane Schenderlein. Foto: Steffen Kugler

Kurzer Ausflug in die Vergangenheit. Es gab auch schon mal eine deutsche Sportministerin: In der frei gewählten und letzten Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR, unter Ministerpräsident Lothar de Maizière. 1990 wurde die CDU-Politikerin und Medizinpädagogin Cordula Schubert Ministerin für Jugend und Sport.

Die damals 30-Jährige, im sächsischen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren, hatte die spannende, aber doch eher undankbare Aufgabe, unter anderem das zentrale Sportsystem der DDR umzustrukturieren und die Auflösung des DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) einzuleiten. Dabei machten ihr alte Seilschaften und führende westdeutsche Funktionäre des Deutschen Sportbundes (DSB) das Leben nicht leicht. Nur 199 Tage war sie im Amt, bis der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland vollzogen wurde. Am Ende war der DDR-Sport hauptsächlich leidenschaftslos – keineswegs im Sinne der Ministerin – einfach abgewickelt worden.

Nicht ohne Risiko

Geschichte schreibt manchmal sonderbare Geschichten. Eine Sächsin beendete die deutsch-deutsche Sporterzählung, und nun ist es wieder eine Sächsin, die den deutschen Spitzensport in neue Zeiten und Strukturen führen soll. Die Voraussetzungen, zum Erfolg zu kommen, sind für die in Weißenfels geborene Christiane Schenderlein weitaus besser. Sie ist nun fast 365 Tage im Amt. Dennoch – damals wie heute gilt: Das Betreten des sportpolitischen Spielfeldes ist nicht ohne Risiko. Denn die Sportlobby galt schon immer als schwierig.

Christiane Schenderlein war eine der großen Überraschungen im Merzschen Kabinett. Und auch die Kandidatin selbst war wohl kurz irritiert, als man ihr den Sport antrug. „Ich habe mich zunächst gefragt, ob ich mir das zutraue. Als ich das für mich geklärt und auch im privaten Umfeld Rückhalt bekommen habe, habe ich mit großer Freude zugesagt.“

Sportbegeistert ist die 44-Jährige schon von Kindesbeinen an. „Sport war ja in der DDR omnipräsent, da es ein Prestigeprojekt der Regierung war. Natürlich hat man schon früh die Schattenseiten des Systems kennengelernt. Gleichzeitig sind wir im Alltag mit Sport aufgewachsen – und jeder von uns hatte damals seinen Olympia-Moment, der einen noch mehr für Sport begeisterte.“

Nachdem sich vor allem die organisierte Sportgemeinde vom ersten „Schock“ erholt hatte, bei Wikipedia und im Abgeordnetenbuch des Bundestages nachgeschaut hatte, wer einem da in die Turnhalle schneit, war man gespannt auf die ersten Anläufe der Staatsministerin, die in der Vorstellung manches Funktionärs ja eigentlich ein Staatsminister sein sollte. Eben Männerdomäne.

Positive Aufnahme

„Ich wurde sehr positiv, freundlich und respektvoll aufgenommen, habe viele gute, informative Gespräche geführt. Manchmal ist es schon von Vorteil, wenn man völlig unvoreingenommen neues Terrain betritt“, sagt die studierte Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin beim Gespräch in ihrem Büro im Kanzleramt. In der ersten Zeit hat sie viele Veranstaltungen und Sporteinrichtungen besucht, hat die Facetten des organisierten Sports vor und hinter den Kulissen kennengelernt. Es gibt aus dieser Anfangszeit kein Foto, auf dem Christiane Schenderlein nicht lächelt, gute Laune ausstrahlt. Die neue Welt, in die sie da eingetaucht ist, vor allem die Begegnung mit Athleten und Athletinnen, aber auch die Begeisterung der Zuschauer seien für sie die Motivation, gute Arbeit zu leisten. Auch jetzt, ein Jahr später, und nach dem Kennenlernen härterer Bandagen, die die Sportlobby zwischenzeitlich im Umgang miteinander anlegt, strahlt sie immer noch diesen Grundoptimismus aus.

Als erste große Aufgabe stand das Sportfördergesetz auf der To-Do-Liste. Auf den ersten wie den zweiten Blick eine Herkules-Aufgabe, denn seit Jahrzehnten gibt es eine Versuchsreihe von Sport und Politik mit dem Titel: Wie bringen wir den deutschen Spitzensport wieder zum Erfolg? Wer diese bisher erfolglosen Versuche schon länger verfolgt, der weiß, wie groß die Explosionsgefahr ist.

Gut gewappnet

Nun, Christiane Schenderlein hat genug Erfahrung im wissenschaftlichen und politischen Leben gesammelt, um gewappnet zu sein, wenn Gefahr im Verzug ist. Neben ihrem Studium engagierte sie sich schon mit 16 in der Jungen Union, arbeitete in Landes- und Bundestagsbüros bei Abgeordneten, weiß, wie politische Prozesse und vor allem auch Lobbyismus funktionieren. Schließlich hat sie unter dem etwas sperrigen Titel „Landesvertretungen im Entscheidungsprozess der Europäischen Union: Interessenvertretung zwischen regionaler und europäischer Ebene“ für geforscht und mit dem Dr. phil. abgeschlossen. Also war es für sie nicht überraschend, dass sie es da nun mit dem oft sehr fordernden Lobbyisten Sport zu tun hat.

„Ich habe über europäisches Lobbying promoviert, über den Einfluss öffentlicher Interessenvertretungen von Ländern, Verbänden. Wir leben in einer pluralistischen Demokratie, in der es legitim ist, Einfluss zu nehmen. Im Bezug auf das Sportfördergesetz befinden wir uns in einem Prozess, wo der Ball erst bei der Bundesregierung und jetzt im klassischen Verfahren beim Parlament liegt. Im Rahmen ihrer Beteiligungsmöglichkeiten können alle, die vom Gesetzentwurf betroffen sind, ihre Wünsche äußern. Am Ende entscheiden die gewählten Abgeordneten darüber“ sagt Schenderlein, die aus ihrem Fenster genau dahin schaut, wo die sitzen, die entscheiden, wie ein Gesetz am Ende aussieht: die Kollegen und Kolleginnen im Paul-Löbe -Haus.

Ende März ging der Referentenentwurf über den Kabinettstisch. Jetzt durchläuft er das parlamentarische Verfahren. Sie hofft, dass es am 25. September verabschiedet wird – einen Tag vor der Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), wer als deutscher Olympiabewerber ins Rennen geht. „Ich weiß, der Zeitplan ist sehr eng geschnitten, aber ich hoffe, dass wir ihn einhalten können.“ Und Einwände zum Entwurf gibt es bei den Parlamentariern einige: Etwa wird das Vetorecht des DOSB beim Stiftungsrat in Frage gestellt, überhaupt die Zusammensetzung des Stiftungsrates.

Immer wieder: Autonomie

Der DOSB hat in den letzten Monaten immer wieder öffentlich geäußert, dass er mit dem Gesetzentwurf nicht einverstanden ist, sprach von drohendem „Staatssport“ und einem Angriff auf seine Autonomie. Und wieder einmal wird deutlich, dass Sportverantwortliche den Begriff Autonomie nach ihrem Gusto auslegen – ein grundsätzliches Missverständnis über Jahrzehnte, dem aber aus der Politik bisher selten widersprochen wurde.

Die Ministerin hat dazu eine klare Meinung: „ Autonomie des Sports bedeutet, dass der Sport in seinen eigenen Angelegenheiten, etwa Regelwerke oder fachliche Inhalte, selbstbestimmt ist. Die Politik kann sich da nicht einmischen und dem Sport erklären, was er zu tun und lassen hat. Das ist weder unsere Aufgabe noch unser Ziel. Gleichzeitig  bedeutet das aber auch, dass der Sport dann gefordert ist, wenn beispielsweise Missstände  in Fachverbänden auftreten.  Autonomie gilt für gute und schlechte Zeiten. Der Bund trägt die Sorgfaltspflicht. Das heißt, wir kontrollieren den rechtmäßigen Einsatz von Steuergeld. Das ist unsere Aufgabe. Deshalb ist ein klares Rollenverständnis beider Seiten sehr wichtig für uns.“

Keinesfalls konfliktscheu

Viele, die den ersten knallharten Referentenentwurf des Sportfördergesetzes sahen, fragten sich, wie sie den durchsetzen wolle, und wann das große Streichkonzert von Punkten käme, die dem DOSB nicht genehm sind. Und als die ersten Passagen verändert wurden, machte sich bei manchem Enttäuschung breit, weil sie wieder ein „Einknicken“ wieder besseres Wissen der Politik fürchteten. „Wir sind in einem Dialog und wollen gemeinsam etwas erreichen. Dazu gehört es auch, Kompromisse zu schließen oder sich von Argumenten der anderen Seite überzeugen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass man jedem Druck nachgibt“, sagt die Ministerin, die keineswegs konfliktscheu ist. „Sie weiß, was sie will, und bringt das freundlich im Ton, aber bestimmt in der Sache rüber. Die Butter vom Brot lässt sie sich sicher nicht nehmen“, beschreibt einer ihr Auftreten in Verhandlungen.

Der DOSB hat da seine eigene Interpretation über seine Rolle, seine Macht, sein Selbstverständnis. Auch was das Einschreiten bei Konflikten in Mitgliedsverbänden angeht. Eingreifen? Nein, da  verweist die Dachorganisation oftmals auf deren Autonomie.

Fehlverhalten prüfen

Der Bund dagegen hat ein Druckmittel: Fördergeld streichen. Aber so gerne legt man sich da vielleicht auch nicht mit Verbandsfunktionären an? „ Bei großen Verfehlungen haben wir natürlich die Pflicht zu reagieren, denn es geht um die Vergabe von Steuergeldern. Deshalb prüfen wir schon heute im Rahmen der Förderung zentrale Voraussetzungen  – beispielsweise die Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Geschäftsführung. Mit der Autonomie des Sports verbinden wir klare Erwartungen: Verbände müssen sich professionell aufstellen und ihre Verantwortung gegenüber den Athletinnen und Athleten sowie den Trainerinnen und Trainern gerecht werden. Mit dem Sportfördergesetz  stärken wir dafür die Grundlage. Künftig können auch Aspekte der Integrität und der guten Geschäftsführung stärker in die Förderung einbezogen werden. Das Kürzen von Fördermitteln ist ein scharfes Schwert, das wohlüberlegt  eingesetzt werden muss. Denn wir schaden damit letztendlich den Athletinnen und Athleten  und Trainerinnen und Trainern eines Verbandes. Im Sportfördergesetz formulieren wir konkrete Fördervoraussetzungen  und versetzen den Vorstand der Spitzensportagentur in die Lage, individuelle Lösungsansätze und Zielvereinbarungen mit betroffenen Verbänden zu vereinbaren, an denen sie sich messen lassen müssen.“

Apropos Geld. Einer der Vorgänger von Christiane Schenderlein und Parteifreund, Thomas de Maizière, hatte 2016 gemeinsam mit dem DOSB die „Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung“ auf den Weg  gebracht. Das Credo des Ministers damals: Erst muss der DOSB seine ureigenen Spitzensport-Hausaufgaben erledigen, dann gibt es noch mehr öffentliche Mittel. Es gab mehr Geld – bis heute doppelt so viel, aber umgesetzt wurde bis jetzt so gut wie nichts.

An entscheidenden Stellen im DOSB, so scheint es jedenfalls, ist die Bereitschaft für wesentliche Veränderungen nach wie vor nicht da. „Die Beharrungskräfte sind spürbar geworden. Doch ich nehme mittlerweile schon wahr, dass sich im Großen und Ganzen viele hinter dem Sportfördergesetz versammelt haben. Es besteht Konsens, dass wir im Spitzensport endlich weiter kommen wollen“ ordnet die Politikerin die Rückmeldungen ein,die sie erreichen.

Effizienter werden

Was also nun, Frau Staatsministerin? Mit dem Gesetzentwurf im parlamentarischen Verfahren hat Chrisitiane Schenderlein schon einen Erfolg zu verbuchen. Sie spricht von einem „Meilenstein“, womit sie nicht Unrecht hat. Aber ein Gesetz muss gemeinsam umgesetzt werden.

Danach sieht es bisher nicht unbedingt aus, hört man die lauten Zwischenrufe aus der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise. Von der DOSB-Bockbeinigkeit unbeeindruckt ist die Staatsministerin auf der Suche nach dem passenden „Schlüssel, um das Gesamtsystem neu zu gestalten.“ Das heißt also, die Reform endlich zu realisieren, die nun zehn Jahre auf eine Umsetzung wartet. „Die Spitzensportreform soll der erste große Schritt sein. Darauf aufbauend etablieren wir eine neue, effizientere  Struktur. Der Handlungsauftrag ist klar: Wir wollen wieder priorisieren und unser System wieder stärker auf Leistung trimmen.“

Schenderlein nennt ein Beispiel: „Ein Ziel der Reform 2016 war, die Bundesstützpunkte zu reduzieren. Das ist nicht einfach. Länder und örtliche Abgeordnete  Kämpfen für ihre Stützpunkte Damit das gelingen kann, braucht es einen offenen Dialog und gut  ausgestattete Stützpunkte, um effektiver arbeiten zu können. Wir wollen die Bedingungen verbessern, um am Ende Erfolg zu haben. Das bedeutet auch, dass wir priorisieren müssen. Klar ist: Neue Strukturen allein sind noch kein Erfolgsgarant. Athletinnen und Athleten sind schließlich keine Maschinen, die auf Knopfdruck immer Hochleistungen abrufen können. Aber wir können die Voraussetzungen so gestalten, dass die Wahrscheinlichkeit für Top-Leistungen erhöht wird“, so Schenderlein.

Potas und die Trainer

Sie verweist auf viele Hilfsmittel, die den Paradigmenwechsel unterstützen können. Etwa Potas. „Das Potenzial-Analysesystem hat sich auch weiter entwickelt und wird eine wichtige Rolle spielen. Auch wenn es nicht das einzige Kriterium sein wird. Wir setzen auf unabhängige Experten in der Spitzensportagentur, die analysieren, was für erfolgreiche Arbeit nötig ist. Darüber hinaus wollen wir Trainer und Trainerinnen zu Rate ziehen, die die Schwierigkeiten und Probleme in der Praxis kennen.Somit haben wir sowohl eine wissenschaftliche Grundlage als auch den menschlichen Faktor, die beide bei den Entscheidungen für einen erfolgreichen Sport eine Rolle spielen“, sagt die Staatsministerin.

Um diesen riesigen Berg zu bewältigen, soll sich die „Unabhängige Sportagentur“, deren Sitz in Leipzig geplant ist, kümmern. Der DOSB will die Agentur unter dem eigenen Dach haben, sieht er doch hier auch einen Machtverlust. Was hat er an dem Begriff „unabhängig“ nicht verstanden? Denen, die nun unken, dass Leipzig wegen der heimatlichen Verbundenheit der Ministerin den Zuschlag bekommen habe, antwortet sie so: „Leipzig hat eine langjährige Sporttradition, die Menschen sind sportbegeistert. Wir haben hier das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT), haben hier die Universität mit einer Sportwissenschaftlichen Fakultät, wo einst die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) untergebracht war.“ Die DHfK wurde im Vereinigungsprozess zerschlagen, vor allem wegen der Dopingforschung und deren inhumaner Anwendung vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Übrigens plant die Ministerin bis  zum Jahresende  einen  Referentenentwurf für ein Gesetz einer weiteren Unterstützung von Betroffenen des systematischen Zwangsdopings in der der DDR.

Nun muss man sich um einen Aufbau der Agentur kümmern, und das funktioniert nur mit Fachleuten. Wo findet man die – auch dann das Personal, die in der Agentur arbeiten sollen? Die Sportbehörde hat sich schon mal Hilfe für beide Aufgabenbereiche von außen geholt. Die Ministerin hat keine Bedenken, dass da im Kanzleramt keine BewerberInnen anklopfen: „Es ist schon interessant, dass sich Menschen melden, die man bisher nicht auf dem Schirm hatte“, gibt sich Schenderlein zuversichtlich, fachlich und menschlich qualifizierte Menschen, die auch noch durchsetzungsstark sind, für die einzelnen Positionen und Stellen zu finden.

Das eine große Ding also ist auf gutem Weg… und bei gutem Gelingen gibt es sicher ein „goldenes Sternchen“ im fiktiven Aufgabenbüchlein aus dem Koalitionsvertrag.

Olympia, Olympia

Und da ist dann das zweite große Ding: Die Entscheidung, wer Olympiabewerber für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten wird. Verantwortlich für das Auswahl-Prozedere ist der DOSB, der wegen seiner Vorgehensweise viel Kritik bekam. Vier Bewerberstädte – muss das sein? Bürgerbefragung – muss das sein? In ihren ersten Wochen im Kanzleramt hatte Schenderlein auch viele Fragen zu dem Verfahren, das ihr auf den ersten Blick überflüssig erschien. Warum nicht eine Kandidatenstadt festlegen? Mittlerweile sieht sie das anders: „Durch den Wettbewerb haben wir die Chance, wirklich den besten Bewerber auszusuchen, der auf der internationalen Bühne die größten Aussichten hat. Die Möglichkeit hätten wir mit nur einem Kandidaten nicht.“ Und auch die Bürgerbefragungen findet sie positiv, weil VertreterInnen aus Sport und Politik sich den Fragen der BürgerInnen stellen müssten. Auch wenn die Teilnehmerzahlen an diesen Dialogen eher dürftig sind, ändere dies nichts. Und schließlich hätten ja mehr oder weniger Olympiabegeisterte sich für ein „Ja“ bisher in Bayern und Nordrhein-Westfalen entschieden, meint die Politikerin.

Obwohl auch viele Befürworter ständig über zu wenig Geld im Portemonnaie, steigende Kosten und Ausgaben klagen, wollen sie Spiele. Obwohl Kommunal- und Länderverantwortliche ständig über leere Kassen und wachsende finanzielle Belastungen jammern, stürzen sie sich in das Abenteuer Olympische und Paralympische Spiele. Und hoffen auf die mittlerweile schon legendären Zusagen des gewinnbringenden wirtschaftlichen Aufstiegs und einer modernen Infrastruktur ohne Schulden und Draufzahlgeschäft. Da passt vieles nicht zusammen.

Sehnsucht nach Ablenkung

Schon die alten Römer lenkten mit „panem et circenses“ das maulende, unzufriedene Fußvolk ab, wenn es politisch und wirtschaftlich mal wieder ganz schlecht lief. Römische Taktik übernommen? Die Ministerin lacht und erklärt es so: „Es ist die Sehnsucht, Gemeinschaft zu erleben, und bei großen Ereignissen zusammen mitzufiebern. Die Krisen, der ständige Streit, die Polarisierung, – das alles nervt die Menschen. Natürlich ist da eine große internationale Veranstaltung im eigenen Land ein Moment der Selbstvergewisserung. Ein Moment, wo man zeigt: Seht her, wir können es doch noch!
Dies bietet nicht nur Ablenkung vom Alltag, sondern hat auch positive Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Natürlich sind mir auch die Probleme bewußt. Ein Bewerbungsprozedere kostet Geld. Aber es geht hier um mehr. Die Spiele sind ein Zeichen des Aufbruches, des Mutes, des Gelingens, der Begeisterung und des Zusammenseins. Sie sind ein großartiges, gemeinsames Zukunftsprojekt für unser Land- vom Breiten- bis zu Spitzensport. Wir investieren in eine moderne und nachhaltige Sportinfrastruktur. Am Ende wollen wir  ein „Wir-Gefühl“ schaffen.“

Dass die immer mehr in die Knie gehende Republik sich Spiele leisten kann, das hat SPD-Bundesfinanzminister Lars Klingbeil erklärt, Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, Spiele seien das wichtigste sportpolitische Ziel der Bundesregierung. Immerhin hier scheinen die beiden einig, was man sich noch leisten kann. Und gönnen sollte.

„Alle, Bund und Länder, stehen gemeinsam hinter einer Bewerbung. Und dieses Signal hat auch dazu beigetragen, dass manch Unentschlossener zur Wahl ging und für Olympia stimmte.“ Außerdem verweist die Ministerin darauf, dass nicht nur die Bewerberstädte, sondern etwa auch ein Land wie Baden-Württemberg in den Sport investieren. 600 Millionen will beispielsweise die Landesregierung in Stuttgart ausgeben. „Auch für den Breitensport wird Olympia ein riesiger Push sein“, sagt sie.

Keine Sportnation?

Um dann aus dem sportbegeisterten Deutschland vielleicht doch noch eine Sportnation zu machen. Ungläubiges Staunen. „Glauben Sie nicht dass wir eine Sportnation sind? Ich schon!“

Norwegen oder Schweden sind Sportnationen – wo von klein auf die Kinder zur Bewegung und zum Sport erzogen werden – das wäre dann mal ein Thema für ein weiteres Gespräch.

Aber doch noch kurz zu Projekten, die mittelfristig auf dem Plan stehen. Die Ministerin, die ja nicht nur für Sport, sondern auch fürs Ehrenamt zuständig ist, will neben jungen Menschen vor allem die Generation Babyboomer für freiwilliges Engagement gewinnen, diejenigen, die nicht für die Aktivrente arbeiten oder ohne hin schon bei Feuerwehr, THW, Musik- oder Sportverein im Einsatz sind: Raus dem Ruhestand in den „Un-Ruhestand.“

Mit der Traineroffensive ist ein weiterer Schwerpunkt gesetzt. Dabei geht es nicht allein um Arbeitsverträge und Bezahlung, sondern vor allem um die Ausbildung und das Renommee des Trainerberufes. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Abiturient als Berufswunsch sofort Trainer angegeben hat. Das könnte man doch ändern“, sagt Schenderlein und hat da unter anderem Verbesserungen etwa in der akademischen Ausbildung im Blick.

Der persönliche Referent streckt den Kopf durch die Tür. „Wir müssen.“ Christiane Schenderlein sitzt auch in einem Fernsehrat und muss nun gleich von Berlin nach Leipzig fahren – zu den Mitteldeutschen Medientagen.

Es gäbe noch eine Menge zu besprechen. Aber jetzt gilt es erst mal, auf das Sportgesetz und das Kernstück, die Agentur, zu warten. „Das wird sicher noch manche Welle schlagen.“ Sagt die Ministerin. Und da hat sie sicher recht.