Schwarze Löcher im annus horribilis

Rückblick auf 2015 und ein Dankeschön an die Community
Liebe Leser und Leserinnen,

die Welt, so scheint es, ist aus den Fugen geraten – Menschen flüchten vor Krieg, Terror und Not ins vermeintlich sichere Europa, das krisengeschüttelt vor allem auch mit sich selbst zu kämpfen hat. Neben den Tragödien, die sich täglich auf dem Globus abspielen, erscheinen die Krisen im Sport nebensächlich. Was sie ja eigentlich auch sind, aber dennoch spiegeln die Affären in internationalen und nationalen Sportorganisationen eines wider: Teile einer Gesellschaft, die für Macht und Geld, Ruhm und Image bereit ist zu lügen, zu betrügen, zu korrumpieren, sich korrumpieren zu lassen. Das zu Ende gehende Jahr 2015 war auch für den Sport, um es mit der Queen zu sagen, annus horribilis, ein Horror-Jahr.

Was lernen wir aus den Ereignissen bei FIFA, UEFA, IAAF, IOC, DOSB und DFB? Dass die Wirklichkeit oft noch schlimmer ist als die eigene Vorstellungskraft. Dass Funktionäre und Funktionärinnen in ihrer Selbstherrlichkeit und Arroganz sich Sachen herausnehmen, die sie selbst als normal, andere aber als hoch kriminell bezeichnen. Dass sie uneinsichtig sind, kein Unrechtsbewusstsein haben und beratungsresistent sind. Dass immer die anderen schuld sind, wenn sie auffliegen oder etwas schief läuft. Und dass sie riesige schwarze Löcher in ihrem Erinnerungsvermögen haben, wenn sie zu schwarzen Kassen, Vergehen und Sauereien gefragt werden, an denen sie höchstselbst beteiligt waren – da wird die Erinnerungsbirne schnell ausgeschaltet.

Das IOC und Oberolympier Thomas Bach lassen sich gerne als Reformer feiern. Die Agenda 2020 soll der Beweis dafür sein, ist aber bei genauerem Hinsehen dann doch eine Mogelpackung. Olympische Spiele sind heute keine Selbstläufer mehr, sondern viele wollen sie nicht mehr haben, weil die Bürger von überdimensionierten und überteuerten Spektakeln, die sie bezahlen sollen und an denen andere verdienen, die Nase voll haben. Und sie auch mit den Machern, die nur solange an hehren Prinzipien festhalten, solange sie ihnen selbst nützen, nichts zu tun haben wollen. Werte über Bord werfen und die Nähe von Diktatoren suchen, die Wünsche erfüllen auch auf Kosten von Menschenrechten – das ist die neue olympische Welt, die viele nicht mehr bejubeln, geschweige denn haben möchte.

Quo vadis – die Frage gilt aber nicht nur für den olympischen und internationalen Spitzensport, sondern vor allem für den deutschen Sport insgesamt. Der DOSB hat seit seiner Gründung 2006 in keinster Weise das geschafft, was mit der „Bündelung der Kräfte“ versprochen wurde. Ganz im Gegenteil: Der DOSB – so muss man feststellen – erweist sich immer mehr als eine Fehlkonstruktion mit einem Führungspersonal, das uncool ist. Es möchte ein Unternehmen Sport aufziehen, ist aber konzeptionslos, weil es immer noch dem Irrglauben anhängt, der Sport braucht nur zu fordern und alle springen. Spätestens nach der Hamburger Olympiapleite – an der ja nun wieder alle anderen schuld sind, nur man selbst nicht – ist mehr denn je deutlich geworden, dass der deutsche Sport generalüberholt werden muss. Welchen Sport will diese Republik und vor allem: welchen Sport will sie sich leisten? Diese Fragen gilt es als allererstes zu beantworten.

Doch die Gemengelage und das Verhalten der DOSB-Führungscrew lässt befürchten, dass da nun viel Aktionismus angesagt ist,und am Ende sich nur die Farbe der Ballons ändert, die die Herren aus der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise so gerne steigen lassen – wo dann ganz schnell die Luft raus ist.

Nun, der auf seine Autonomie pochende Sport könnte allerdings im kommenden Jahr eine böse Überraschung erleben, wenn der Geldgeber Bundesinnenministerium den DOSB an die kurze Leine nimmt. Gedroht hat er ja schon mit einem Bundesamt für Sport. Und nicht erst als DOSB-Präsident Alfons Hörmann mit seiner Rede auf der Mitgliederversammlung in Hannover zu seinem verbalen Rundumschlag ausgeholt hatte.

Für den Sportfan stehen die Spiele in Rio de Janeiro auf dem Programm. Dabei kann er sich darauf angesichts der Skandalmeldungen aus dem Ausrichter-Land, aber auch aus der Doping-Küche nicht nur der Leichtathleten nur bedingt freuen.

Und die Fußball-EM in Frankreich? Auch da fallen Schatten auf die Vorfreude: Ex-UEFA-Boss Michel Platini muss wegen Korruption bei der EM, die er selbst in sein Heimatland geholt hat (Da darf die Frage erlaubt sein: hoffentlich regelgerecht?), nach der Sperre durch die FIFA-Ethik-Kommission draußen bleiben. Viele Fans ebenso, weil es auch beim Ticketverkauf zuerst einmal um den finanziellen Gewinn, dann um den Zuschauer geht.

Ohnehin: Den wahren echten Sport treibt man selber oder erlebt ihn mit anderen. Sport im Selbstversuch macht Spaß, ist richtig dosiert gesund , bringt manchmal Muskelkater und kann ganz schön anstrengend sein.

Anstrengend war dieses Jahr auch für Journalisten/innen. Ich habe mich in den letzten Monaten angesichts der sich überschlagenden Skandalmeldungen gefragt, ob das noch meine Welt ist. 36 Jahre verfolge ich nun den Sport, und dieses Jahr hat mich beruflich streckenweise deprimiert, aber auch wütend gemacht. Vor allem deshalb: Viele der „großen“ Macher, die den Sport nur noch unter dem Gesichtspunkt eines lukrativen Geschäftes sehen und dies gnadenlos auf Kosten aller durchziehen, sind in meinem Alter. Früher haben sie über Fair play und Solidarität, Teamgeist und Rücksichtnahme gelabert; wir wollten ja alles besser machen. Und jetzt? Die Revoluzzer von damals sind die größten Phrasendrescher und Geschäftemacher von heute. Vielen Dank auch!

Aber nun zu Ihnen, liebe Leser und Leserinnen. Zu meiner großen Freude haben Sie meinen Blog sehr gut angenommen. Die Leserschar wächst zunehmend, obwohl ich ja eher sporadisch in die Tasten haue. Für Ihr Interesse und Ihre Treue deshalb ein herzliches Dankeschön. Bleiben Sie mir gewogen.

Nun wünsche ich Ihnen ein fröhliches und friedliches Weihnachtsfest und nur das Allerbeste – auch in sportlicher Hinsicht – für 2016.

Ihre

Bianka Schreiber-Rietig

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