„Nichts, null, niente“

Dopingopferhilfe-Vorsitzende Ines Geipel rüffelt den DOSB-Präsidenten und schickt den Hamburgern 500 000 Postkarten mit einem besonderen Gruß

Berlin, 20. November. – Die roten Karten mit der Aufschrift „Hamburg kann München“, die da auf den Stühlen im Haus der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgelegt sind, irritieren zunächst. Was will der Dopingopfer-Hilfe-Verein (DOH), der sich hier zu seiner Mitgliederversammlung trifft, damit bewirken?

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die bunten Postkarten als besonderer Gruß des DOH an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und vor allem an die Hamburger Bürger. In den kommenden Tagen werden 500 000 Karten in die Briefkästen der Hanseaten verteilt. Mit dieser Aktion will der DOH, so die Vorsitzende Ines Geipel, die Hamburger auffordern, beim Referendum am 29. November es den Münchenern nachzumachen und gegen die Bewerbung um Olympische Spiele zu stimmen. Die Bayern lehnten 2013 die Bewerbung für die Winterspiele 2022 ab.

Warum gegen Spiele?

Warum reiht sich der DOH in die Phalanx der Olympiagegner ein? Die Hamburger können es auf der Karte lesen, wo auf der Rückseite das Schicksal einer 12-jährigen Turnerin aufgeschrieben ist, die gedopt wurde. Doping – jeden Tag neue Skandalmeldungen, jeden Tag die Versicherung nationaler und internationaler Verbänden, dass etwas dagegen unternommen wird. Am Ende geht alles weiter wie bisher – oder sogar noch schlimmer. Und für die Maxime „schneller, höher, weiter“ nehmen Funktionäre, Ärzte und Athleten nach wie vor in Kauf, dass gelogen und betrogen wird.

Die Deutschen haben zu Beginn des nächsten Jahres ein Antidopinggesetz, das der Deutsche Bundestag gerade verabschiedet hat. Der Staat musste das nun wuppen, nachdem seit Jahrzehnten die Selbstreinigungskräfte des Sports nicht ausreichen, den Dopingsumpf trocken zu legen. Offen ist nach wie vor, ob überhaupt alle willens sind, das Problem in den Griff zu bekommen. Der Sport mäkelt nach wie vor an dem Gesetz, das andere als einen gelungenen Wurf sehen – selbst Athleten. Professor Werner Franke, mittlerweile legendärer deutscher Dopingbekämpfer, übt in seiner unnachahmlichen Art Kritik vor allem deshalb an dem Gesetz, weil sich die Sportmediziner elegant aus der Affäre ziehen könnten.

Weiter auf Medaillenkurs

Einerseits ein Gesetz gegen Doping, anderseits fordert der Bundesinnenminister Thomas de Maizière mehr Medaillen. Ein Widerspruch in sich. Der organisierte deutsche Sport arbeite die deutsche Doping-Vergangenheit einfach nicht vernünftig auf und trimme seine Spitzenathleten weiterhin auf Medaillen-Kurs, sagt Ines Geipel. 25 Jahre nach der deutschen Einheit haben der DOSB und sein Präsident Alfons Hörmann wieder hehre Worte über die gelungene Vereinigung des deutschen Sports unters Volk gestreut – für Dopingopfer ziemlich zynisch. Ines Geipel bleibt in ihrer Empörung und Verärgerung ruhig, als sie darüber berichtet, dass Hörmann im Mai dieses Jahres die Dopingopferproblematik zur „Chefsache“ erklärt und großspurig Gespräche angeboten habe, aber: „Da passierte nichts, null, niente, völliges Kommunikations-Aus“, berichtet sie. Zuletzt habe der DOSB nicht einmal mehr Briefe beantwortet.

Wundern werden sich die Dopingopfer nicht über dieses Verhalten. Sie und ihre Anliegen erinnern die Funktionäre ja ständig, dass Rekorde und Superlative, die das große Sportgeschäft garantieren, eben nur auf Kosten der Gesundheit von Aktiven zu erreichen sind. Hartnäckig winden sich die DOSB-Verantwortlichen seit jeher bei dem Thema, möchten es am liebsten totschweigen, was nun nicht mehr geht, weil die Opfer nicht mehr still sind und sich wehren.

Nicht hinnehmbar

Die Politik des DOSB in Sachen Dopingopfer „ist nicht hinnehmbar, und wir werden sie auch nicht hinnehmen“ sagt Geipel weiter. Der Rüffel sitzt. Und im Publikum sitzt Christian Sachs, Büroleiter des DOSB in Berlin, der zusagt, dass er sich weiter um einen Dialog zwischen der Dachorganisation und dem DOH bemühen wolle.

Derzeit wird ein neues Sportförderkonzept zwischen DOSB und Bundesinnenministerium erstellt – vielleicht wäre es ein Zeichen für Glaubwürdigkeit und Dialogbereitschaft, von Seiten des DOSB eine/n Vertreter/in des DOH – wenn auch mit großer Verspätung – in eine Arbeitsgruppe aufzunehmen. Aber auch hier steht auf der Prioritätenliste bei den Konzeptmachern in erster Linie Erfolgsmaximierung um jeden Preis. Da wären Opfer-Erfahrungen vermutlich nur Zeit raubende Störfeuer.

Taschenspieler-Trick

Und dann geht es ja auch um die finanzielle Verantwortung des DOSB für die Dopingopfer. Schon bei der ersten Entschädigungsrunde 2006 habe der DOSB eher mit einem Taschenspielertrick als mit einer würdigen Lösung Verantwortung übernommen, kritisiert Geipel. Von den 1,55 Millionen Euro, die vom Sport an die Opferentschädigung gezahlt wurden, kam eine Million vom Bund. Und auch jetzt hat der Bund mit einer „starken Symbolgeste“, so Geipel, einen weiteren kleinen Schritt auf die Opfer zugetan, wofür sie sich ausdrücklich bedankte. Die 10,5 Millionen Euro Finanzhilfe sollen 2016/2017 ausgezahlt werden. „Das ist ein Wort“, sagt Ines Geipel, die aber auch darauf hinweist: „Eine Einmalzahlung ist keine veränderte Sportpolitik.“

Der DOH betreut derzeit über 700 Betroffene. Und es werden immer mehr, sagt Geipel. In einer Liste wurden 28 (21 Ostportler, 7 Westathleten) Todesfälle als Folge von Dopingschäden zusammengestellt. Wer die Auszüge aktueller Fälle der Beratungsstelle im Herbst 2015 liest, der versteht, was Ines Geipel mit schneller, vor allem medizinischer und psychologischer Hilfe meint.

Beratungsschreibtisch

Die Beratungsstelle, besetzt mit zwei 400-Euro-Kräften, ist eigentlich ein Beratungs-Schreibtisch, den freundlicherweise die Robert-Havemann-Stiftung zur Verfügung stellt. Aber wie will man da in einem Durchgangs- und Versammlungszimmer ungestört Gespräche führen, Vertrauen aufbauen und beraten? Oder über Herz-, Lungen-, Nieren-Lebererkrankungen, Tumore, Depressionen, gynäkologische und Stoffwechselerkrankungen sprechen ? Oder darüber, dass das Gegenüber bald sterben muss? Und wie soll man Alltagsprobleme und Familienkrisen in beengtem Umfeld diskutieren ? Die Idee eines Teilnehmers, in der Dependance des DOSB in der Friedrichstraße vielleicht ein Zimmer zu beziehen, wäre für den DOH nicht die schlechteste – man könnte aus der Nähe „nerven“. Denn: „Wir werden weiter nerven mit unseren Anliegen. Die Wunde des Sports blüht, und sie wird immer größer. Die Zahl der Dopingopfer steigt in erschreckender Weise“, sagt Ines Geipel. Eine Botschaft, die die DOH-Vorsitzende seit 1999, als der Verein gegründet wurde, gebetsmühlenartig wiederholen muss.

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