Hängepartie in jeder Hinsicht

„Wer diskutiert eigentlich über was für wen?“, fragte man sich beim letzten Olympiadialog des LSB Berlin

Die Idee, sich als potentieller Olympiabewerber mit olympischen Themen und Problemen auseinanderzusetzen, ist an und für sich ziemlich gut. Ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben, ist bei heiklen Großprojekten oder Großveranstaltungen sehr zu empfehlen, wie besonders der Berliner weiß. Vor allem Transparenz und öffentliche Diskussionen sind gerade in solchen Bereichen etwas aus der Mode gekommen – das gilt besonders auch für den internationalen und deutschen Sport. Nicht so beim Landessportbund Berlin, der mit seiner Dialog-Reihe „Olympia“ im Rahmen der Berliner Sportgespräche, die er mit der Stiftung Zukunft Berlin veranstaltet, mehrfach zur olympischen Diskussion bat.

Zur letzten Veranstaltung 2014 war aus aktuellem Anlass die „IOC-Reform-Agenda 2020 -Ein Fortschritt?“ das Thema, zu dem sich etwa 150 Interessierte in der VIP-Lounge der Max-Schmeling-Halle von den Experten auf dem Podium auf den neuesten Stand bringen lassen wollten.

Glaswurf folgt Rauswurf

Vorneweg: Die Veranstaltung war in jeder Hinsicht eine (un)schöne Bescherung. Das lag aber nicht (nur) an den etwa 20 Olympiagegnern, die zunächst vor der Halle lautstark gegen die Spiele protestierten und für die extra zwei Mannschaftswagen der Polizei anrücken mussten. Es lag auch nicht allein an den zwei oder drei Protestlern, die es in den Veranstaltungsraum schafften und mit Zwischenrufen störten, so dass LSB-Präsident Klaus Böger sich genötigt sah, seine Begrüßung zu unterbrechen und in einen Disput mit einem jungen Mann zu treten, der dann mit einem fliegenden Weinglas und dem Rauswurf des maulenden Protestlers endete. Dennoch bekamen die Olympiagegner, die an einem Dialog wirklich interessiert waren, mit Gabriele Hiller, Abgeordnete der Linken im Berliner Senat, ungeplant Sitz und Stimme auf dem Podium: Böger stellte ihr seinen Platz zur Verfügung.

Während der Diskussion wünschte man sich immer wieder noch weitere Personenwechsel, denn zwischendurch diskutierten da vor allem Rechthaber/innen, Besserwisser/innen, Lobbyist/innen und Eigenvermarkter/innen. Der Sache dienlich war das nicht. Moderator Friedhard Teuffel, Sportchef des „Tagesspiegels“, ließ die Diskussion laufen, ohne dabei an sein Auditorium zu denken und das Gespräch auch mit einem Bezug zu Berlin zu leiten. Zwar saß da mit dem Sportsoziologen und ehemaligen Präsidenten des Deutschen Leichtathletikverbandes Professor Helmut Digel, der Ex-Olympiateilnehmerin, ehemaligen Radsportpräsidentin und jetzt Transparency International-Vertreterin Sylvia Schenk und dem Blogger Jens Weinreich, der sich im Sportgeschäft gut auskennt, geballtes Wissen und Erfahrung, und man erhoffte sich doch eine gewisse Einordnung der IOC-Reformbemühungen und daraus resultierende Folgen für eine Olympiabewerbung.

Bekannte Argumente

Aber man hätte es besser wissen müssen. Es wurden fast nur die allgemein bekannten Argumente ausgetauscht Digel stellte aber zuerst einmal aus seiner Sicht die Dinge richtig. Falsch sei die Meinung des „kleinen Mannes“, das IOC sei eine abgehobene „High Society Clique“. Ganz im Gegenteil, das IOC sei seit Jaques Rogge eine der „transparentesten Organisationen, die ich kenne – nach innen und außen“. Und die Agenda, die da einstimmig durchgewunken wurde ist, so Digel, natürlich sehr positiv zu bewerten. Begründung: „Viele im IOC und vor allem in den Fachverbänden haben die Reichweite der Beschlüsse gar nicht erfasst.“

Was heißt das im Umkehrschluss? Hat die Agenda keiner gelesen, und wenn, nicht kapiert? Etwa, was mit einem eigenen TV-Kanal auf sie zukommt. Oder mit wechselnden Sportarten im olympischen Programm? Weinreich jedenfalls widersprach Digel energisch: „An der Kultur des IOC, an dessen Struktur in Bezug auf die Vergabe Olympischer Spiele hat sich nichts verändert. Es liegt nichts Konkretes auf dem Tisch.“ Das ist das Problem – und forciert geradezu eine Debatte im luftleeren Raum.

In dieser Agenda stehen hauptsächlich Absichtserklärungen. „Es soll…“ und nicht „es wird…“ verändert, geändert usw., ist da zu lesen. Formulierungen, die man beliebig biegen kann. Konkretere Dinge aus der Reform, die jetzt als Fortschritt gefeiert werden, wie etwa keine Diskriminierung wegen Geschlecht, Rasse, Religion oder geschlechtlicher Orientierung stehen ja bereits im IOC-Reglement. Also was ist daran neu? Kennen die IOC-Mitglieder ihre eigenen Regeln nicht?

Wer diskutiert da für wen?

Um so unverständlicher, dass Sylvia Schenk, die seit geraumer Zeit landauf landab bei allen Gelegenheiten von Antikorruption und Aufklärung, Ethikansprüchen und Good Governance predigt, in verschieden Kommissionen (auch des IOC) sitzt, nun teilweise das hohe Lied des IOC und DOSB singt. Sie fordert Kompromissbereitschaft und kritische Distanz, fürchtet aber bei kritischen Einwänden anderer den Verlust der Dialogfähigkeit. Sie verteidigt Thomas Bach im kleinen Wortgefecht mit Weinreich nach dem Motto „Bach kann es keinem recht machen“, stimmt ihm dann (wie auch Digel) aber wieder zu, wenn er sagt, dass die Bewerbung um München der heutige DOSB-Präsident Alfons Hörmann „versaut“ hat.

Unglaubwürdig

Die Diskussion springt vom Host City-Vertrag zu den Olympiastädten, die keineswegs wegen ihrer technischen Bewertungen haben gewinnen können, zum Thema Nachhaltigkeit, das nun in der Agenda schwarz auf weiß gefordert wird, zu Putin und Sotschi und den Verstößen gegen IOC-Regeln zurück zum Host City-Vertrag. Sylvia Schenk beschwört den olympischen Geist aller, denn Spiele würden ja auch für den Breitensport Positives bringen. Siehe London! Moment: Aber sie muss es doch besser wissen! Der Breitensport steht beim DOSB und dem IOC sicher ganz hinten auf der Prioritätenliste, auch wenn der Schein erweckt wird, mit diversen, mittlerweile völlig unübersichtlichen Aktionen, es wäre anders. Je öfter man die Transparency-Vertreterin hört, um so öfter stellt man sich die Frage: Für wen ist sie gerade in der Bütt? Der versuchte Spagat macht unglaubwürdig.

Wie anderes auch bei diesem Talk: Zu allem Überfluss promotet Weinreich, der mit seinen inhaltlich berechtigten Einwürfen Gesprächspartner ins Schleudern bringt, noch sein neues eBook und fordert Digel und Schenk auf, da drin mal zu lesen, was wirklich Sache ist.

Ungeduldig

Die Zuhörer, Vereins- und Verbandsvertreter, Anwohner und einfach Interessierte. die dann auch mitdiskutieren durften, hätten vermutlich gerne eher ihre Sorgen und Ängste, Anregungen und Gefühle besprochen. Sie sind ungeduldig – es passiert aus ihrer Sicht zu wenig. Aber was soll jetzt denn auch passieren? Der DOSB lässt zwei Bewerberstädte in den Wettbewerb treten, behält sich aber bis März die Entscheidung vor, wer denn dann ins olympische Rennen gehen wird. Wie soll man die Öffentlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt informieren und einbinden? Für Hamburg und Berlin ist es eine Hängepartie – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Expertenkommission (Wer sitzt da drin?) soll über Wohl und Weh mitentscheiden- Das klingt nicht nach Transparenz.

Und schon sind wir wieder beim Diskussionsthema: Wenn entschieden wurde, dass Deutschland mit einer Stadt für die Spiele ins Rennen geht, wie weit ist es dann wohl mit der Umsetzung der Reformen? Kommen da dann wieder neue (böse) Überraschungen? Nichts genaues weiß man nicht.

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