Abschlussbericht für den Wintersport/ Anschluß an Weltspitze rückt weiter weg
Berlin, 29. August. Bob und Rodeln sind Spitzenreiter, Shorttrack Frauen, Skifreestyle Männer, oder Eiskunstlauf in den Einzelwettbewerben liegen auf den letzten Plätzen. Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) belegt mit seinen Disziplingruppen die ersten sechs Plätze der Rangliste. Zum fünften Mal legte die PotAS-Kommission einen Abschlussbericht der Potenzialanalyse ( potas.de) vor, den dritten in Sachen Wintersport. Im Kanzleramt stellten der Vorsitzende der Kommission, Urs Granacher zusammen mit seinem Team, die Abteilungsleiterin für Sport und Ehrenamt im Bundeskanzleramt, Babette Kibele, sowie der Vorstand Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), Olaf Tabor, das Ergebnis des olympischen Wintersports 2026 der Öffentlichkeit vor.
„Die Ergebnisse sind wenig überraschend, sie bilden die Ergebnisse von den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina ab“, so Tabor. Aus den Resultaten seines Berichts rät Granacher: „Wir sollten die Stärke des BSD absichern, müssen aber auch schauen, die Disziplingruppen, die Potenziale haben, wieder an die Weltspitze heranzuführen. Dort wo keine ausreichenden Potenziale für die kommenden Olympischen Spiele erkennbar sind, müssen wir gezielt in den Nachwuchsleistungssport investieren, um eine neue Generation leistungsfähiger Athleten und Athletinnen zu entwickeln.“
Warten auf Zustimmung des Bundesrates
Leichter gesagt als getan. Alle Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Erfolgsspur setzen die Verantwortlichen in Sport und Politik in das Sportfördergesetz und die künftige Agentur, in dem auch PotAS weiter seinen unterstützenden Stellenwert haben wird. Noch kann man nicht loslegen, weil der Bundesrat erst am 25. September über das Gesetz abstimmt, das der Bundestag am 10. Juli 2026 verabschiedete. Dann kann es im Oktober in Kraft treten.
PotAS ist eine Art Seismograph des deutschen Sports, ein wissenschaftliches Messgerät, das Fehlentwicklungen, aber auch positive Trends anzeigen kann. Seit der Sommersportanalyse 2024 wurden die Prüfungskriterien weiterentwickelt. Die Analyse ist jetzt stärker datenorientiert, und die Spitzenverbände können sich intensiver beteiligen, wählen die zu analysierenden Athletinnen und sind in den Prozess eingebunden. Allerdings wurden nun die Verbandsstrukturen als Bewertungskriterium herausgenommen, da sie neben Erfolgs- und Potenzialbewertung kaum noch zur Unterscheidung der Disziplingruppen beigetragen hätten, wie Granacher sagt. So fließen in die Wintersportanaylyse 2026 langfristige Erfolge bei Spielen und Weltmeisterschaften im Zeitraum von 2014 bis 2025 ein sowie die Qualifikation für die Spiele 2026 und das Abschneiden dort. Die zukünftigen Erfolgsaussichten.werden datenbasiert unter Einbezug eines Elo-Ratings bewertet. Dieses Verfahren hat der Physiker Arpad Elo 1960 entwickelt, der die relative Spielstärke von Teilnehmern im Schach bestimmen wollte. Diese Methode wird nun in verschiedenen Sportarten angewandt.
Kritik und Vorbehalte
Genau wegen solcher wissenschaftlicher Verfahren gab es bei der Einführung der Potenzialanalyse 2017 immer wieder heftige Kritik und Vorbehalte in Verbänden und bei deren Funktionären, die von „Quatsch“ und „Irrwitz“ sprachen, den da der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Ex-DOSB-Chef Alfons Hörmann beschlossen hatten, der sich später auf die Seite der Kritiker schlug.
Granacher wird deshalb auch nicht müde immer wieder zu sagen: „Wir können keine Medaillen vorhersagen“, und die Methoden zu erläutern: „Elo-Ratings sind Leistungskennwerte, die einzelnen Athleten und Athletinnen auf Basis von Wettkampfergebnissen zugewiesen werden und ihre relative Leistungsstärke im Vergleich zur Konkurrenz abbilden.“ Auf dieser Basis wurde ein Simulationsverfahren entwickelt, das Aufschluss auf die aktuelle Konkurrenzfähigkeit und sportliche Perspektive für die nächsten Spiele gibt.
Frieden geschlossen
Mittlerweile haben die meisten Verbände ihren Frieden mit PotAS geschlossen. Sie schätzen die Institution auch deshalb, weil sie dazu beigetragen hat, sich als Verband selbst zu reflektieren und vieles zu ändern – zumindest auf dem Papier.
Auch die Animositäten des DOSB gegenüber PotAS scheinen überwunden. Ein sehr entspannt wirkender Leistungssport-Vorstand Tabor lobte die Zusammenarbeit und die stete Weiterentwicklung des „arbeitenden Systems“ unter Mitwirkung der Verbände.
Wie gesagt: Man musste nun nicht auf den Bericht warten, um zu erfahren, dass sich der Negativtrend in eine Reihe von Wintersportdisziplinen fortsetzt. Während Länder wie Italien, Frankreich, Norwegen oder die Niederlande alle ein für sich erfolgreiches Spitzensportmodell entwickelt haben, geht es in Deutschland weiter bergab. Gab es für die Deutschen 2018 insgesamt noch 14 Goldmedaillen und Platz zwei im olympischen Medaillen-Ranking, waren es 2026 noch acht und Platz fünf. Gäbe es Bob und Rodeln nicht, dann würde sich Deutschland vermutlich etwa auf dem 16.Platz der erfolgreichsten Nationen weltweit wiederfinden.
Teuerer Sport
Deutschland leistet sich diesen teueren Sport, hat mit dem FES eine Goldschmiede, wenn es um die Entwicklung von Bobs und Schlitten geht, und unterhält vier Bob- und Rodelbahnen in Altenberg, Winterberg, Oberhof, Königssee, die nicht nur viel Geld, sondern auch Energie und Wartung kosten.
Die Republik will, so jedenfalls steht es nun fest im Sportfördergesetz geschrieben, im Wintersport unter die Top 3 und im Sommersport unter die Top 5. Ohne die Akteure im Eiskanal wird es nun mittelfristig erst einmal schwierig, dieses Ziel zu erreichen.
Sind also die hohen Fördermittel eine Investition in die Zukunft? Da stellen sich dann doch einige Fragen. Der BSD hat nach eigenen Angaben 6893 Mitglieder, die in 80 bis 100 Vereinen und neun Landesverbänden organisiert sind. Wie attraktiv sind diese Sportarten denn künftig für Kinder und Jugendliche? Braucht man wirklich vier Bahnen und 14 Bundes- und Trainingsstützpunkte? Und wie sind überhaupt die Zukunftsaussichten für diese Disziplinen, denn:
Das „Aus“ könnte kommen
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) überprüft derzeit das olympische Wettkampfprogramm – und auch die Schlittensportarten Bob, Skeleton und Rodeln stehen mittelfristig gesehen zur Debatte. Bis 2034 sollen sie im Kernprogramm bleiben, aber enorme Kosten für den Bau von Eiskanälen, die dann eventuell ungenutzt in der Landschaft stehen, und die geringe globale Reichweite sind u.a. massive Gründe, warum man über ein „Aus“ dieser Sportarten nachdenkt. Was also, wenn das IOC sich für ein Aus entscheidet?
Also ist es letztendlich auch eine politische Entscheidung, ob man weiter diese extrem teuren Sportarten unterstützen will, die auch unter den Zuschauern eine eher kleine Fangemeinde haben.
Verbände vor Klimaherausforderungen
Überhaupt muss sich der DOSB mit seinen Verbänden Gedanken machen, wie die Zukunft vieler Wintersportarten aussehen wird: Die Klimakrise stellt vor allem die Ski-Sportarten, aber auch Eissport vor Herausforderungen.
Und da ist dann noch die Frage der Finanzierung: Babette Kibele macht deutlich, dass es in Zukunft sicher nicht nochmal solche Zuwächse geben wird, dass sich der Sporthaushalt seit 2016 ja fast verdoppelt hat.
Und genau an dieser Stelle fragt man sich, ob die ausschließliche Verbandsförderung eigentlich noch der richtige Weg ist, um in die Erfolgsspur zu kommen. Was leisten Verbände noch für den Spitzensport, wenn AthletInnen ihre eigenen Wege gehen, im Ausland trainieren, eine Trainer/Athleten-AG bilden und außerhalb des Verbandssystems erfolgreich sind? Die Politik setzt nun im Sportfördergesetz auf mehr individualisierte Förderung der AthletInnen, was eine Alternative zukünftiger Förderung sein könnte.
Eins ist jedenfalls klar: Das deutsche Sportsystem und seine Strukturen sind nicht mehr zeitgemäß. Und da hätte man sich doch gewünscht, dass jemand das ganze System mal auf den Kopf stellt – und endlich die Frage beantwortet: Welchen Spitzensport wollen wir? Denn man operiert mit alten Strukturen und neuen Ansätzen. Trotz Sportfördergesetz wurde daran nicht gerüttelt. Damit wird die neue Agentur sich nun auseinandersetzen müssen.
Von Olaf Tabor kam während der Pressekonferenz immer wieder der Hinweis: „Da sind wir nun raus, das wird Aufgabe der Agentur sein.“ Die wird sich dann auch mit den vielen unerledigten Hausaufgaben, die der DOSB gestapelt hat, auseinandersetzen müssen.
Kombinierer – was nun?
Nicht raus sind DOSB und Sportabteilung im Kanzleramt im Fall der Nordischen Kombination, die auch lange ein Aushängeschild des deutschen Wintersports war – bis auf die letzen Spiele, bei denen die Kombinierer völlig aus der Spur gerieten. Und nun sind sie auch noch aus dem olympischen Programm geflogen. Was für die Deutschen bedeutet: Sie fallen auch aus der Förderung. Denn der Bund unterstützt nur olympischen Spitzensport.
„Wir fördern olympische und paralympische Sportarten. Es wirkt sehr hart, aber wir müssen die Förderung der Kombinierer damit einstellen“, sagt Babette Kibele. Denn: Anderen Verbänden wäre schwer vermittelbar, warum eine nicht-olympische Sportart weitergefördert würde. Was also nun? Die Kombinierer werden auf Dauer nicht die einzigen sein, denen dieses Schicksal droht. Deshalb „müssen wir jetzt schnell eine Lösung finden“, ergänzt Tabor.
Riesige Erwartungshaltung
Die Erwartungshaltung an die neue Agentur und die Umsetzung des Sportfördergesetzes sind riesig. „Das ist wie mit Klopp als Bundestrainer – der soll alles von jetzt auf gleich wieder in Ordnung bringen, was andere haben schleifen lassen. Das wird nicht einfach. Und ob es im olympischen Sport gelingen wird, hängt von den Personen ab, die als Vorstände gesucht werden. Sie müssen stark sein, und sich nicht reinquatschen lassen“ sagen diejenigen, die wissen, was auf die neuen Spitzensport-Verantwortlichen zukommen wird.
Da kommt dann jede Hilfe recht – PotAS als Seismograph ist da schon mal ein wichtiger unabhängiger Supporter.