Deutschland auf dem Weg zur Sportnation? Fragen an die sportpolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, Bettina Lugk
Berlin,10. Juli. Sportpolitisch ist in den letzten Tagen ziemlich viel passiert – national wie international. Das Sportfördergesetz hat eine weitere Hürde genommen: Der Bundestag verabschiedete es am Freitag nach langem und beschwerlichen Anlauf. Die Sportwelt spricht von einem historischen Schritt, einem Paradigmenwechsel. Das „Aus“ der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die daraus resultierende Ablösung des Bundestrainers Julian Nagelsmann durch vermutlich Jürgen Klopp, das Rote-Karten-Desaster, ausgelöst durch ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino mit noch nicht übersehbaren Folgen sowie die Zulassung des Russischen Nationalen Olympischen Komitees durch das Internationale Olympische Komitee haben u.a. Sportpolitiker und Öffentlichkeit beschäftigt.
Bettina Lugk (Foto), sportpolitische Sprecherin der SPD im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, und ihre KollegInnen können sich über Arbeitsmangel nicht beschweren. Mit ihr sprach sportspitze nicht nur über das neue Sportfördergesetz, wo es noch einige Änderungen gab, sondern auch darüber, was ein Sportfördergesetz nun verbessern könnte, wenn denn alle mitziehen würden. Außer den Linken stimmten im Sportausschuss und Bundestag alle Parteien dem vorgelegten Entwurf zu. Letzte Hürde ist dann am 25. September der Bundesrat.
Frau Lugk, die Autonomie des Sports war auch bei der Entstehung des Sportfördergesetzes immer wiederkehrendes ein Thema. Der DOSB hat immer wieder darauf verwiesen. Sie haben zuletzt in der Anhörung zum Gesetz am 25. Juni die Frage nochmal gestellt, ob Sport und Politik unterschiedliche Auslegungen des Begriffes Autonomie haben. Eine mehr als berechtigte Frage, wie jetzt das Theater um den US-Kicker Fetarin Balogun gezeigt hat, der wegen eines Fouls vom Platz flog, worauf sich der Präsident der Vereinigten Staaten bemüßigt fühlte, bei FIFA-Präsident Infantino erfolgreich zu intervenieren. Die CDU hat nun in den Entwurf in § 1 den Halbsatz hineinverhandelt, der lautet: „Der Bund fördert … und achtet dabei die verfassungsrechtlich verankerte Autonomie des Sports.“ Man fragt sich: War das nötig?
Lugk: Diese Rote Karte ist genau ein Beispiel dafür, worauf meine Frage in der Anhörung zielte. Politik soll und darf sich nicht in Regelwerke, Mannschaftsaufstellungen oder andere sportfachliche Fragen und Abläufe einmischen. Aber Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, um Athleten und Athletinnen zu schützen. Denken Sie an das Antidopinggesetz, wo ja auch die Frage präsent war: Wer kontrolliert eigentlich was? Das ist nun auch vergleichbar mit dem Safe Sport Code. Das heißt: Wer eine Förderung durch den Bund will, der muss sich an diese Rahmenbedingungen halten.
Wenn ein Präsident in ein Regelwerk eingreift und damit eventuell auch noch den Wettbewerb verzerrt, geht das gar nicht. Die Autonomie des Sports betrifft Mannschaftsaufstellungen, Trainerentscheidungen oder das Nominieren. Da darf Politik definitiv nicht mitreden. Wenn es um Good Governance oder Safe Sport in unseren Sportverbänden geht, steht für mich fest: Wer öffentliche Gelder erhalten möchte, muss sich darum kümmern.
Aber Infantino hat ja dieses Spiel mitgespielt. Da müssen sich doch dann auch SportfunktionärInnen fragen lassen, wie weit sie gehen, warum sie Werte, die der Spitzensport und Fußball angeblich noch haben, über Bord werfen, sich in fast ekelhafter Weise den Politikern anbiedern, weil sie sich was erhoffen: Macht, Geld, Image? Da müssen doch Verantwortliche im Sport aktiv werden, und sagen: So einen Präsidenten wollen wir nicht – der zerstört den letzten Rest von Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Der DFB war da eher zurückhaltend. Wir haben grade vor der eigenen Tür auch wieder ein Beispiel, wie Funktionäre ihre Autonomie und Befugnisse sehr eigenwillig auslegen – siehe Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttack-Gesellschaft (DESG). Und auch vom Deutschen Olympischen Sportbund ( DOSB) würde man mehr erwarten, wenn der ganze Sport durch einen Verband in Misskredit gerät.
Lugk: Im Fall der DESG geht es ja darum: Bekommt man einen Kaderstatus nur dann, wenn man alles mitmacht, was der Verband sagt und tut? Oder geht es um sportliche Leistungen? Was sich in dem Verband nun seit geraumer Zeit abspielt, sorgt bei den Athleten und Athletinnen für große Verunsicherung – das ist klar. Sie haben sich kein rechtliches oder sportliches Fehlverhalten zu Schulden kommen lassen, sondern sich im Vorfeld der Olympischen Spiele in Mailand über die Trainings- und Rahmenbedingungen öffentlich geäußert. Das zu beklagen ist legitim – nicht zuletzt, weil es ja um die persönliche Zukunft der Athleten und Athletinnen geht.
Diese Beispiele zeigen ja mehr als deutlich, dass ein Safe Sport Code dringend nötig ist.
Lugk: Wir haben in den Gesetzentwurf aufgenommen, dass die gute Verbandsführung ein Kriterium und ein Ziel für finanzielle Förderung des Bundes ist. Auch das aktuelle Beispiel motivierte uns, weil wir ja sehen, dass es da einen dringenden Regelungsbedarf gibt. Eigentlich sollte man ja von einer professionellen Verbandsführung erwarten, dass sie im Sinne von Good Governance handelt.
Professionelle Verbandsführung ist ein gutes Stichwort. Man könnte meinen, dass die Zeit der Gutsherrenart in den Verbandsspitzen vorbei ist, aber Beispiele der letzten Jahre und der Gegenwart zeigen: Dem ist nicht so. Um nicht missverstanden zu werden: Viele Verbände sind inhaltlich modern und personell-führungstechnisch gut aufgestellt, aber manche eben nicht. Die Kritik von AthletInnen und TrainerInnen kommt ja nicht von ungefähr, wiederholt sich wellenartig immer wieder ebenso wie die Vorkommnisse. Braucht man einen Funktionärs-Eignungstest?
Lugk: Es werden ja immer wieder Parallelen gezogen zwischen Athleten –Verband und Arbeitnehmer – Arbeitgeber. Der Vergleich hakt aber an der Stelle, dass ich als Sportler in einem Verband organisiert bin, der meine Sportart vertritt. Als ArbeitnehmerIn kann ich den Betrieb wechseln, wenn ich mit Betriebsklima oder Chef nicht klar komme. Beim Sport geht das nicht so einfach: Das Machtgefälle zwischen Verbandführung oder TrainerInnen zur AthletIn ist dann eben auch anders als in der freien Wirtschaft. Die innerverbandlichen Mitbestimmungsprozesse sind sehr wichtig: Da sind die Mitglieder im Sport gefragt, wen sie als Verantwortliche in die Führungsgremien der Sportverbände wählen. Was ich vorher schon zum Thema Autonomie sagte – die Politik kann nur die Rahmenbedingungen schaffen, die die Aktiven und auch TrainerInnen schützen und unterstützen.
Großen Ärger gab es ja als der Gesetzentwurf vorgelegt wurde, um die Besetzung der Spitzensportagentur, überhaupt um die Plätze im Stiftungsrat und Sportfachbeirat. Der DOSB forderte Pari-Pari bei den Plätzen im Stiftungsrat, Verhandlungen auf Augenhöhe. Aus fünf Mitgliedern sind nun zehn geworden. Am Besetzungskarussell wurde, so scheint es, am meisten rumgebastelt. In Österreich, das ja unter anderen als Vorbild für die neue Sportagentur gilt, bemängelt die Rechnungshof-Präsidentin Margit Kraker, dass man immer noch nicht das Problem Zuwendungsgeber und Zuwendungsempfänger geregelt hat. Sie empfiehlt für die Zuwendungsempfänger nur eine „beratende“ Funktion.
Lugk: Es werden fünf Mitglieder vom Bund entsandt, wobei zwei Mitglieder der Bundesregierung und drei Mitglieder aus dem Deutschen Bundestages, dem Haushaltsgesetzgeber, entstammen. Für den Deutschen Bundestag wird jeweils ein Mitglied des Haushaltsausschusses, des Ausschusses für Sport und Ehrenamt und der Verteidigung vorgesehen . Ein Mitglied stellt das Bundeskanzleramt und ein Mitglied das Bundesfinanzministerium. Vier Mitglieder, davon ein Mitglied der DOSB- Athletenkommission, bekommt der Dachverband, und die Sportministerkonferenz der Länder hat auch einen Platz. Der Sportfachbeirat soll aus zehn bis 15 Mitgliedern bestehen. Das Vetorecht bei Entscheidungen, das der DOSB gefordert hatte, ist vom Tisch. Bei Stimmengleichheit zählt die Stimme des Kanzleramtes doppelt.
Es kommt natürlich nun auch darauf an, welche Fachleute in die Gremien geschickt werden – es nützt ja nichts, wenn dann wieder die da sitzen, die nicht einmal ihre Aufgaben von 2016 erledigt haben.
Bei der Anhörung wurde an den Fragen und der Auswahl der Sachverständigen deutlich, die ja überwiegend nur Lobbyisten waren, dass mittlerweile mit und im Sport sehr viel Parteipolitik gemacht wird. Die Nähe zwischen Parteipolitiker und Sportfunktionär ist mehr als irritierend. Zumal Parteipolitiker, so scheint es, nun eher auch als Sportlobbyisten denn als Parlamentarier auftreten. Täuscht der Eindruck, dass da in den letzten Jahren Distanz kaum noch vorhanden ist?
Lugk: Es hat sich in den vergangenen Monaten der Eindruck aufgedrängt, dass die aktuellen sportpolitischen Themen miteinander vermengt werden: Das Sportfördergesetz, das Kandidatenrennen um die deutschen Olympiabewerbung und die DOSB-Mitgliederversammlung im Dezember, auf der auch Personalwahlen anstehen. Bei allen drei Themen sind PolitikerInnen genauso unterwegs wie die Sportfunktionäre zahlreicher Verbände – und dies mit sehr unterschiedlichen oder an überraschenden Stellen gleichen Interessenslagen. Große Mitgliederversammlungen und Parteitagen ist eines in Sport und Politik gemeinsam: Man muss Stimmen und Unterstützer für die eigenen Vorhaben und Positionen sammeln. Und da mischen im Moment sehr viele mit, so dass es auch eine hohe Nähe von Sportfunktionären und sportpolitischen Entscheidungsträgern gibt.
Staatsministerin Christiane Schenderlein wollte das Gesetz vor der Sommerpause durchhaben – auch, um nicht in die Olympiakür zu geraten. Ist nicht ganz gelungen, denn der Bundesrat muss noch zustimmen. Sind Sie denn im Großen und Ganzen mit dem Ergebnis zufrieden?
Lugk: Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt und hätte mir auch manchen Punkt noch deutlicher in der Formulierung vorstellen können. Mit meinem Büroteam haben wir aber Bilanz gezogen und festgestellt: Wir haben etwas erreicht. In einer Koalition muss man Kompromisse eingehen – auch wenn man selbst manches gern anders gehabt hätte. Jetzt ist erst einmal auf dem Weg, wir müssen die Umsetzung weiter begleiten und auch kontrollieren. Und nicht glauben, das war es dann. Im Gesetz haben wir Evaluierungen fest vereinbart, denn wir wissen von der Spitzensportreform 2017, dass die Beharrungskräfte auch im Sport manchmal sehr ausgeprägt sind.
Wird Deutschland mit Hilfe des Sportgesetzes dann vielleicht doch eine Sportnation? Und wieder eine Fußball-Nation?
Lugk: Wir haben überzeugte Fans, aber eine richtige Sportnation, wo Sport eine Rolle im täglichen Leben spielt, haben wir tatsächlich nicht. Ich meine damit: Verabredet man sich zum Sport – was über Wandern oder Radeln hinausgeht, wie zugänglich sind Sportstätten, wie selbstverständlich ist es, dass jedes Kind – nicht nur in wasserreichen Gegenden – Schwimmen lernt? Das ist ja nicht nur eine Frage der Bewegung, sondern auch der Sicherheit. Schulsport ist ein grundsätzliches Thema, auch da die Frage: Wer unterrichtet den, wie motiviert man die Kinder und die Jugendlichen, wie einfach ist es, sich davor zu drücken? Wie bezieht man Ältere ein…?
Wir fühlen uns in dem Fan-Sein und dem gemeinsamen Erlebnis, beim Sport zuzuschauen, sehr wohl, aber tatsächlich leben wir Sport nicht wirklich. Da fehlt vieles, was eine Sportnation ausmacht, etwa wie wir unsere Athleten und Athletinnen schätzen. Oder wie wir mit Trainern, Schiedsrichtern oder Kampfrichtern umgehen.
Da kommt dann auch noch dazu, welches Selbstverständnis wir Deutsche im Umgang mit staatlichen Symbolen wie Fahne und Hymne haben. Sicher man kann auf viel Tamtam und Pathos verzichten, aber Aussagen wie die des Grünen-Jugend-Bundesvorstandes Luis Bobga, der nach der Niederlage der DFB-Elf nicht nur einen Zusammenhang zwischen dem „Aus“ und häuslicher Gewalt herstellt, sondern auch forderte: „So, jetzt hängt euere Scheiß-Deutschland-Flagge wieder ab“, ist kontraproduktiv. Überlassen wir lieber der AfD, wie mal wieder auf dem Parteitag zu sehen, Schwarz-Rot-Gold? Andere Nationen haben da ein sehr positives und unverkrampftes Verhältnis.
Lugk: Vorweg: Die Diskussion um unsere Nationalfahne im Zusammenhang mit der Fußball-WM hat mich stark irritiert. Wenn man die Nation und alle hoheitlichen Symbole in Frage stellt, dann müsste man auch Nationalmannschaften und den Wettbewerb zwischen Nationen in Frage stellen. Im Sport geht es um Fair Play, um ein Messen in einem friedlichen Wettbewerb von Athletinnen und Athleten verschiedener Nationen und das gemeinsame Fan-Erlebnis. Dies gilt aus meiner Sicht für Sportveranstaltungen vor Ort bis hin zu internationalen Wettbewerben und Turnieren.
Es ist schon sehr bedenklich, wenn wir den Rechten die Fahne überlassen – das ist unser aller Fahne, die weht oben auf dem Reichstag. Wir sollten uns an 2006 erinnern, an die WM in Deutschland – da hatten wir einen natürlichen Umgang mit der deutschen Fahne – da hatte sich so ein Wir-Gefühl, auch Zusammenhalt und so etwas wie zufriedener und glücklich-weltoffener Gastgeber entwickelt.
Und jetzt solche ideologischen Diskussionen sind völlig daneben und überhaupt nicht hilfreich. Wir haben Erfolge, wir können trotz aller Unkenrufe auf unser Land stolz sein. Kritiker vor allem aus der Politik sollten sich da zurückhalten und sich überlegen, was sie damit bewirken.