Schenderlein will standhaft bleiben / Ärger um Sportfördergesetz
Berlin, 14. März 2026. Das Sportfördergesetz sollte eigentlich schon seit Januar im parlamentarischen Verfahren sein. So jedenfalls war es der Wunsch der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein (CDU), als sie im Oktober 2025 den Entwurf vorstellte. Doch dann funkten Markus Söder und mal wieder der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) dazwischen, der schon nach der Vorstellung in Empörung ausbrach, dass die Autonomie des Sports mit diesem Gesetz – käme es so durch, wie es vorlag – dahin und der organisierte deutsche Sport dem Untergang geweiht sei.
Die Ministerin war gewarnt: Der Sport ist eine spezielle Klientel. Und sie stellte sich mit ihrem Team damals bei der Vorstellung des Gesetzes auf Gegenwind ein. „Uns allen ist sehr bewusst, dass Änderungen im Gesetzentwurf zu intensiven Diskussionen – auch im organisierten Sport – führen werden.“ Das ist nun passiert. Auch der nächste Termin für eine Vorlage des Gesetzentwurfs, Anfang März, wurde zunächst verschoben. Doch nun soll er in der letzen Märzwoche erneut im Kabinett vorgelegt werden.
Kernstück des Sportfördergesetzes ist eine Agentur, die unter anderem über die Verteilung der Fördermittel entscheiden soll. Nachdem nun im DOSB Überlegungen öffentlich wurden, die Agentur unter das Dach des DOSB zu stellen, reichte es der Ministerin offensichtlich. „Unser Ziel ist es, die Spitzensport-Agentur als zentrale Stelle mit sportfachlicher Expertise und unabhängig von Politik und organisiertem Sport aufzubauen. Es ist für uns daher keine Option, die Spitzensport-Agentur unter das Dach des DOSB zu stellen“, sagt Schenderlein in der FAZ am Freitag (13. März). „Echte Unabhängigkeit können wir unter dem Dach des DOSB als Dachorganisation der Zuwendungsempfänger nicht erreichen. Und im Übrigen können wir auch so nicht die notwendige demokratische Legitimationskette für die Vergabe von Steuermitteln gewährleisten.“ Sie bleibt bei ihrem Kurs.
Hinter den Kulissen geht es derzeit im Sport hoch her.
Dobrindt bremst
Als Christine Schenderlein ihr Amt übernahm, sahen viele eine Chance, dass da jemand mit unvoreingenommenem Blick und außerhalb sportlicher Klüngel den Spitzensport wieder auf Kurs bringt. Andere fürchteten dagegen, dass genau diese Unerfahrenheit mit dem System Sport ihr Schwachpunkt ist. Denn Sportfunktionäre und die Sportlobby wissen genau, was sie tun, wenn es um ihre Eigeninteressen und Machterhalt geht. Oder darum, der Politik noch mehr Finanzmittel aus dem Kreuz zu leiern – in diesen Disziplinen sind sie seit langem Meister.
Der Flurfunk berichtete, dass die Ministerin bei der Vorlage des Entwurfs im Kabinett von ihrem Kollegen Alexander Dobrindt (CSU) ausgebremst wurde. Er vertritt die Linie seines Parteichefs Markus Söder, der eine Vorherrschaft des organisierten Sports in der Agentur fordert. Auch hier gibt es Mutmaßungen, dass Eigeninteressen hinter der bayerischen Intervention am Berliner Kabinettstisch stecken.
Zu dem besagten Referentenentwurf für das „Gesetz zur Regelung des Spitzensports und weiterer Maßnahmen gesamtstaatlicher Bedeutung im Sport sowie zur Errichtung einer Spitzensportagentur“ hat der DOSB am 10. Dezember letzten Jahres zusammen mit einigen Landessportbünden und Spitzenverbänden eine Stellungnahme abgegeben.
Rawe schmeißt hin
Nun sind die Ministerin und die zuständige Abteilungsleiterin Babette Kibele, in Verhandlungen über die möglichen Veränderungen, wie sie in der DOSB-Stellungnahme gefordert wurden. Einiges soll bereits gelöst sein, anders nicht. Besonders befremdlich war die Meldung aus dem DOSB-Präsidium: „ Auch die Option einer Agentur unter dem Dach des DOSB wird aktuell geprüft.“ Und dazu gab nun die Ministerin am Freitag die passende Antwort.
Als er die DOSB-Meldung gelesen hat, ist offensichtlich auch dem Vorstandsvorsitzenden des Landessportbundes Niedersachsen, Reinhard Rawe, der Kragen geplatzt. Er arbeitet seit drei Jahren in der Arbeitsgruppe 4 zur Neuaufstellung des Spitzensports mit. In einem Schreiben an die Landessportbünde/Landessportverbände sowie den Vorstand Leistungssport im DOSB, Olaf Tabor, kündigt er seine sofortige Mitarbeit in der AG auf. „Der Arbeitsgruppe sind eindeutige Aufgaben zugewiesen worden. Auf der Grundlage eines Sportfördergesetzes sollte eine klare Rollenverteilung erarbeitet werden. Die Einrichtung einer unabhängigen Sportagentur war von Beginn an eine Grundlage für die weitere Arbeit. Die Eigenverantwortlichkeit und Eigenständigkeit der Sportagentur findet sich von Beginn an in allen Arbeitsgruppen wieder“, so Rawe.
Dem DOSB entgegnet er auf die Ankündigung: „Ich stelle für mich fest, dass diese neue Option sich weder in der genannten DOSB-Stellungnahme zum Referentenentwurf wiederfindet noch mit den eingesetzten Arbeitsgruppen abgestimmt wurde. Darüber hinaus ist festzustellen, dass unmandatiert einzelne Landessportvertreter mit Spitzenverbänden ebenfalls über andere Organisationsmodelle verhandeln.“
Weiter heißt es in dem Schreiben: „Eine Steuerungsgruppe verliert ihre Daseinsberechtigung, wenn Prozesse bewusst an ihr vorbei gelenkt und organisiert werden.“
APO mit Weiß und Ammon
Gemeint ist da wohl die Runde – so eine Art außerparlamentarische Opposition, die sich nach dem Parlamentarischen Abend in Berlin vor kurzem gefunden haben soll. Unter ihnen Olaf Tabor, der Basketball-Präsident Ingo Weiß und der Präsident des Bayerischen Landessportbundes, Jörg Ammon, übrigens ein Schulfreund von Söder. Die letzteren waren im September 2021 als Koordinatoren für den Neuanfang während des DOSB-Skandals rund um Präsident Alfons Hörmann eingesetzt. „Wir müssen den DOSB nicht völlig in Asche legen, sondern wollen neue Leitplanken, eine Art Handreichung erarbeiten. Es gibt eine klare Satzung, in der die Rollen klar definiert sind,“ sagte Ammon damals, der dem DOSB bisher immer kritisch gegenüberstand. Nun soll er, so wird kolportiert, Ambitionen auf ein Amt im DOSB-Präsidium haben, das dieses Jahr im Dezember neu gewählt wird.
Ingo Weiß, der nun fast schon zum Inventar des Sports gehört, entpuppte sich immer wieder als Strippenzieher im Sport. Und mischt auch jetzt wieder mit. In einer Mail, die auch DOSB-Vorstandsvorsitzenden Otto Fricke, seinen Präsidenten Thomas Weikert, die Ruder- sowie Leichtathletik-Präsidenten Moritz Petri und Jochen Schweitzer in „Cc“ hat, fasst der Präsident der Snowborder, Michael Hölz, die wichtigen Punkte zusammen, die in der APO-Runde besprochen wurden. Im Vorfeld des Treffens der Spitzenverbände in Potsdam Ende März sollten doch „divergierende Meinungen, die es meiner Kenntnis nach bei Meetings der Sportbünde in Düsseldorf….gab,eingefangen‘ werden.“
Weiter schreibt er, man wolle bei der „sportpolitischen Empfehlung“ bleiben, „dass auch der organisierte Leistungssport (DOSB und Spitzenverbände) die Einführung und Umsetzung des Leistungssport-Fördergesetzes und der Agentur“ unterstützen.“
So weit, so gut. Auch, dass man „als DOSB Leistungssport und Spitzensportverbände verstanden habe, dass es Änderungen/Transformationen geben muss, um das Weltstandsniveau und die gemeinsame Zielsetzung handlungsorientiert zu erreichen.“ Es wird gleiche Augenhöhe zwischen Sport und Politik eingefordert. „Dies ist ein gegenseitiges Vertrauensprinzip in einem positiven Team-Ansatz – der Sport ist somit keine politische ‚Verhandlungsmasse‘ zwischen Partei-Interessen.“
Schlechten Ruf untermauert
Wer bitte soll da wem noch vertrauen? Mit solchen Aktionen wie Extra-Runden und sich nicht an zugestimmten Grundlagen zu halten, untermauern Sportfunktionäre weiter ihren schlechten Ruf. Denn auch das ist eine Forderung der gemailten Weiß-Zusammenfassung: „Da sich in der geplanten Agentur alles auf den Vorstand konzentrieren wird, brauchen die Spitzenverbände und der DOSB ein Mitwirkungsrecht im Stiftungsrat als dem höchsten und entscheiden Gremium insbesondere in Personalfragen, der nun auf neun Personen zu erweitern ist.“ Vorgesehen waren bisher fünf Mitglieder.
Meine Herren Funktionäre, wäre es nicht wichtiger, Expertise von AthletInnen und TrainerInnen sowie Wissenschaft zu hören als die von FunktionärInnen? Man sollte seine Rolle nicht überhöhen. Für die Ministerin jedenfalls sind AthletInnen und TrainerInnen die wichtigsten Gruppen, um die es gehen sollte.
Entlarvend deshalb: Was man so von Mitwirkung, Mitbestimmung, Teilhabe hält, wird in einer weiteren Forderung der Runde von Hölz so zusammengefasst deutlich: „Diese Mitwirkung sollte zwischen Politik, DOSB und Spitzenverbänden fair im Sinne eines Stakeholder-Modells ausgehandelt werden, somit z.B. Beteiligung der ARGE Wintersport (wg/Spezifika), Sommersport, Teamsport und DOSB – also ohne weitere Akteure wie z.B. Athleten Deutschland und ohne die Stiftung Deutsche Sporthilfe.“ Die Krönung der Ausführungen: „Es geht um die Verantwortung im Leistungssport und Voraussetzungen für dessen Ergebnisse/Erfolge und auch um die Vermeidung von Doppelstrukturen.“
Schönreden und Ausreden
Es verstärkt sich mal wieder der Eindruck, der DOSB und einige aus den Mitgliedsorganisationen, selbsternannte Macher, hätten nichts verstanden. Und diesen Eindruck zerstört auch nicht die vom DOSB selbst in Auftrag gegebene Umfrage, wie zufrieden die Befragten mit der Leistung von Team Deutschland bei den Olympischen Winterspielen in Mailand waren. Im Schönreden und Ausreden sowie mit Schuldzuweisungen – es sind immer die anderen – ist der DOSB unschlagbarerer Weltmeister!
Wenn es um Pöstchen und Machterhalt geht, dann wird getrickst und aus dem selbst verfassten Märchenbuch der Klientel vorgelesen. Wer sich mit Menschen, die sich im Sport auskennen, in diesen Tagen unterhält, der erlebt Frust, Resignation und auch Wut. Man fragt sich: Was hat sich nach dem Chaos der Hörmann-Ära eigentlich geändert?
Ureigene Probleme sind immer noch ungelöst, wie etwa eine Neustrukturierung im Stützpunktbereich. Man kann über den hausgemachten Problemberg gar nicht hinüberschauen, geschweige denn ihn überblicken.
Der entscheidende Unterschied
Nun also ist da eine Staatsministerin, die etwas ändern will. „Die Agentur könnte der entscheidende Unterschied sein, wenn es eine klare Rollenzuschreibung gäbe. Die Unabhängigkeit muss gewährleistet sein. Und es muss auch gelten: Wer bezahlt, der ist bei Entscheidungen die letzte Instanz“, sagt einer, der nicht nur den deutschen Sport aus dem Effeff kennt.
Warum also läuft hier alles so anders als etwa in den erfolgreichen skandinavischen Ländern, oder Italien und Frankreich? Nein, es liegt nicht allein am Föderalismus. Der macht zwar vieles schwerer, aber nicht unlösbar. Experten erklären es so: Es reden zu viele mit, und jeder sieht nur seine Interessen.
Entscheidern fehlt es an Wissen
Es fehle im deutschen Sport bei den Entscheidern – also den meist ehrenamtlichen Funktionären – an Sachverstand und Wissen. „Viele von den Verantwortlichen können vielleicht gut repräsentieren, aber es fehlt an sachlichem Wissen und Informationen- aber sie entscheiden“, sagt ein Fachmann, von denen es im deutschen Sport einige gibt, die aber leider nicht an den entscheidenden Stellen sitzen.
Und Kooperation funktioniere nicht, weil jeder Bereich so vor sich hinarbeite. Man agiert immer noch zu wenig zusammen, anstatt sich auszutauschen, zu ergänzen, zu evaluieren. Erfolg fordert Leistungsbereitschaft nicht nur von AthletInnen, sondern von allen Beteiligten – auch von Funktionären.
Der Abstieg begann vor 20 Jahren
Manche, und es werden immer mehr, sehen den Beginn allen Übels und des Abstiegs des deutschen Sport vor 20 Jahren bei der Fusion des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und dem Deutschen Sportbund (DSB) zum DOSB. Kräfte bündeln und mit einer Stimme sprechen sowie finanzielle Engpässe beim DSB waren Gründe für das Zusammengehen. Die Rollen – NOK für den Olympischen Sport, DOSB eher für den Breitensport – waren, wenn auch nicht immer, klar aufgeteilt.
Für die Anforderungen des modernen Spitzensports war diese Zusammenlegung – wie damals auch Kritiker ahnten – keine zukunftsorientierte Ausrichtung. Das verkrustete Sportsystem wurde nicht aufgebrochen, sondern noch eher verknoteter, verklüngelter. Und von wegen mit einer Stimme -die Kakophonie nahm weiter zu.
Insofern wäre Christine Schenderlein eine Art Systemsprenger(in) im positivsten Sinn, wenn es ihr gelingen sollte, im deutschen Spitzensport mit dem Gesetz und der unabhängigen Agentur den in der Koalitionsvereinbarung versprochenen Paradigmenwechsel einzuleiten und den deutschen Spitzensport in eine neue Ära zu führen.