Ohne Frieden ist alles nichts…

Berlin, 28. Februar. Zum ersten Mal seit über 20 Jahren war ich wieder bei einer Friedensdemo auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Seit ich morgens beim Aufstehen am 24. Februar die Nachricht vom Angriff der russischen Armee auf die Ukraine gehört habe, befinde ich mich in einem Alptraum: Wut, Unruhe und Angst treiben mich um. Es tauchen Erinnerungen aus meiner Kindheit auf, als meine Eltern mit Freunden am Küchentisch heftig diskutierten: Die Kubakrise, der Mauerbau, der Einmarsch der Russen in die damalige Tschechoslowakei – Luftlinie knapp 10 Kilometer von meinem Heimatort… Aufregung, Ängste, den Satz: „Die werden doch keinen dritten Weltkrieg anfangen“, habe ich deutlich im Ohr.

Ich habe in meiner Sportjournalistinnen-Tätigkeit viele Menschen aus Russland und der Ukraine kennen gelernt, liebenswerte, fröhliche Menschen, die auch nach dem Zerfall der Sowjetunion freundschaftlich verbunden waren und – vermutlich – auch noch sind.

Nun also stellt der russische Präsident nicht nur die Weltgemeinschaft auf eine harte Probe, sondern auch gewachsene menschliche Beziehungen und macht aus Freunden Feinde, die gar keine Feinde sein wollen.


Die ukrainische Flagge auf dem Lublin-Hügel in Kiew 2011. © CC BY-SA 4.0

Vor wenigen Wochen traten AthletInnen aus aller Welt bei den Olympischen Spielen an – und trotz Covid-19 und der besonderen Menschenrechtslage in China war es eine Begegnung unter jungen Menschen, die vermutlich alle dasselbe wollen: Überall auf der Welt in Frieden und Freiheit leben zu können. Auch der Olympische Friede ist gebrochen.

Die internationalen und nationalen Sportverbände reagieren teilweise wie gewohnt lasch, teils überraschend deutlich. Schalke 04 trennt sich von seinem seit langem umstrittenen Sponsor Gazprom, die FIFA agierte  wieder halbherzig und ihr Chef und Putin-Freund Infantino lavierte. Doch nun haben sich FIFA und UEFA entschlossen, Russland für alle Wettberbe zu suspendieren. Das gilt sowohl für die National- wie Vereinsmannschaften. und somit sind die Russen auch nicht bei der WM in Katar. Andere Weltverbände sagen Wettbewerbe ab. AthletInnen solidarisieren sich, spenden Siegprämien. Der Deutsche Boxverband nimmt ukrainische Boxer nach einem Turnier mit nach Deutschland und bringt sie hier erst einmal unter. Reicht das?

Athleten Deutschland reicht es nicht. Sie fordern den Ausschluss russischer und belarussischer Verbände, den einseitigen Abbruch aller finanziellen Beziehungen, den Ausschluss aller Funktionäre aus dem internationalen Verbandssystem und auch einen Ausschluss der AthletInnen aus den Wettbewerben, solange der Krieg dauert. Einen Ausschluss Russlands und von Belarus aus der Sportfamilie fordert nun auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Außerdem soll ein Hilfsfond von 100 000 Euro für ukrainische SportlerInnen eingerichtet werden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) schloss sich am Montagnachmittag der Forderung an, russische und belarussische SportlerInnen von internationalen Wettbewerben auszuschließen.

Sport, so heißt es immer, kann Brücken bauen – eventuell, wenn sich denn die führenden Funktionäre entsprechend positionieren und endlich Haltung zeigen, in Momenten wie diesen, wo es darauf ankommt.

Man sollte die Rolle des Sports nicht überhöhen, aber: „Sport kann Hoffnung wecken, wo vorher nur Verzweiflung war“, sagte der Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela. Hoffnungsträger in diesem Krieg neben dem jungen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi sind unter anderen zwei weltbekannte Sportler: Die Box-Brüder Wladimir und Witali Klitschko, deren Vater schon im Einsatz für die Ukraine starb. Sie wollen ihre Heimat, Freiheit und Demokratie verteidigen. Zusammen mit vielen jungen Männern, Vätern, Brüdern und Großvätern. Der ehemalige russische Präsident Michail Gorbatschow sagte: „An den Frieden denken heißt, an die Kinder denken.“ Das tun auch die Klitschkos.

Hoffen wir mit den Menschen in der Ukraine – und mit den Menschen in Russland, dass der Mann im Kreml und seine Berater zur Besinnung kommen. „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“, sagte der Mann, der mit seiner Ostpolitik so viel Hoffnung auf ein Miteinander der Völker in Ost und West nach einem lange andauernden Kalten Krieg setzte: Willy Brandt.