Worum geht es bei der Kabinettsumbildung eigentlich?

Überraschende Ablösung von Sportministerin Schenderlein wirft viele Fragen auf

Berlin, 27. Juli. Die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, muss gehen. Bundeskanzler Friedrich Merz bestätigte ihre Ablösung und ihren Wechsel als Staatssekretärin ins Gesundheitsministerium bei der Pressekonferenz am Montag im Konrad Adenauer-Haus, wo er weitere Umbesetzungen bekanntgab, aber die Nachfolge im Sportministerium offen ließ. Angesprochen auf den Namen der Ex-Nationalspielerin und jetzigen UEFA-Direktorin Frauenfußball Nadine Keßler, die in der Berliner Journalistenblase schon als „Neue“ verkauft wurde, sagte Merz, er werde die Nachfolge zu einem späteren Zeitpunkt präsentieren.

So überraschend wie sie ernannt wurde, so überraschend wurde sie nun abgelöst: Sportministerin Christiane Schenderlein. Gründe, warum sie gehen muss, sind öffentlich bisher nicht bekannt. Jedenfalls hat sie die Aufträge erfüllt, die im Koalitionsvertrag standen: Einen Paradigmenwechsel mit dem neuen Sportfördergesetz eingeleitet, das Safe Sport Zentrum gegründet und die Olympiabewerbung unterstützt.

Und jetzt die Ablösung: Am Donnerstag, so hieß es, teilte ihr der Bundeskanzler telefonisch mit, dass sie gehen müsse. Auch die Abteilung sei informiert worden. Anfragen an die Sportabteilung am Donnerstag im Kanzleramt, ob es stimme, dass die Ministerin abgelöst wird,  blieben unbeantwortet. Nun gab Friedrich Merz selbst die Antwort.

Für die 44-jährige Sächsin, die als Quereinsteigerin das neu eingerichtete Sportressort im Bundeskanzleramt übernahm, kam die Ablösung offensichtlich überraschend, zumindest lassen Aussagen aus ihrem Umfeld diese Schlussfolgerungen zu. Außerdem, so hieß es, wollte Merz den „öffentlichkeitswirksamen Spitzenposten“ mit einer bekannten Sportlerin besetzen. Schon allein das löste Kopfschütteln aus – nicht nur bei CDU-Politikern aus Ostdeutschland.

Nachfolge ungeklärt

Während nun der Kanzler neuerlich am Montag über die Kabinettsumbildung sprach, kam ein Statement von Schenderlein an, in dem sie schrieb: „Der Bundeskanzler hat entschieden … Ich respektiere diesen Wunsch und freue mich gleichzeitig auf die neue Aufgabe.“

Verwundert über die Ablösung zeigte sich der Vorstandsvorsitzende Leistungssport  im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), Otto Fricke, auf Linkdin, der sich bei Christine Schenderlein für die gute und angenehme Zusammenarbeit trotz aller Meinungsverschiedenheiten bedankte. Auch Athleten Deutschland sagte der Ministerin  in einer Pressemitteilung danke  „für die konstruktive Zusammenarbeit und ihren entschlossenen Einsatz für zentrale und sportpolitische Vorhaben. Mit der Verabschiedung des Sportfördergesetzes, der Gründung des Zentrums für Safe Sport und der zusätzlichen Unterstützung für Trainer und Trainerinnen hat sie wichtige Vorhaben des Koalitionsvertrages konsequent vorangetrieben. Für die Anliegen der Athletinnen und Athleten hatte sie stets ein offenes Ohr.“

Christiane Schenderlein hatte eine Mammutaufgabe vor sich, als sie vor 14 Monaten antrat. Nicht nur, dass sie sich einarbeiten musste in ein Themenfeld mit vielen Tretminen, sondern es wurden von ihr auch Lösungen erwartet, an denen die Vorgänger – die Bundesinnenminister, die für Sport zuständig waren – alle gescheitert waren. Zuletzt die SPD-Politikerin Nancy Faser, die zwar noch ein Sportfördergesetz in Auftrag gab, aber nicht nur wegen des Auseinanderbrechens der Koalition an dieser Aufgabe scheiterte. Auch sie lernte das Beharrungsvermögen deutscher Sportfunktionäre kennen.

Nach vielen Diskussionen mit dem  DOSB,  der sich  im politischen Diskurs in den letzten Jahren nicht unbedingt als konstruktiver Problemlöser hervortat, sondern sich vor allem durch stete, nicht selten überzogene Forderungen wie eine Raupe Nimmersatt, die aber nie zum Schmetterling wurde, aufführte, wurde dann doch noch kurz vor der Sommerpause das Sportfördergesetz mit Unterstützung auch der Oppositionsparteien von Grünen und AfD verabschiedet.

Gesetz als Trendwende?

Am Ende stand ein Gesetz, in dem die Ministerin eine Reihe von Kompromissen eingehen musste, das aber nicht so schlecht ist, wie manche es machen möchten. Findet man die richtige Besetzung für das Kernstück des Gesetzes, die Agentur, könnte es doch zum Erfolg werden und die Trendwende einleiten. Aber wollen das wirklich alle? Vor allem, wenn sie dafür Macht abgeben müssen?

Genau das ist der Punkt: Es ging bei den Auseinandersetzungen zwischen Sport und Politik – also DOSB und Sportministerium – wieder und vor allem um personelle Besetzungen und damit Machtfragen. Wer hat die Lufthoheit, wer darf wie und wo die Sportmillionen verteilen, kann der Zuwendungsempfänger Sport weiter darüber bestimmen? Der DOSB ist der Meinung: Ja, er darf das. Aber nicht nur der Bundesrechnungshof und manche Abgeordnete hatten da eine andere Sicht. Auch die Ministerin hatte einen anderen Blickwinkel: „Wir sind dem Steuerzahler verantwortlich, wo und wie Steuergeld eingesetzt wird“ war ein Credo.

Interpretation mal wieder

Zu Beginn der Amtszeit hatten manche Wortführer im deutschen Sport geglaubt, mit der „Neuen“ werde man schon klar kommen, ihr zeigen, wo es lang geht. Aber die zeigte sich sehr widerspenstig. Sie meinte den Paradigmenwechsel im deutschen Sport offensichtlich ernst, der DOSB hatte wie in vielen anderen Dingen eine eigene Interpretation dieses Begriffes. „Ich war stets von dem Ziel geleitet, die Bedingungen der Ehrenamtlichen und unserer Sportlerinnen und Sportler zu verbessern. Ich blicke mit Stolz und Freude auf das Erreichte zurück“, so die Ministerin.

Das kann man ihr abnehmen. Sie wollte  nicht alles mitmachen, was Lobbyisten forderten – vor allem die alten, aber auch manche junge weiße Männer aus Sport und Politik, deren Kreise sie offensichtlich störte. Und die andere Vorstellungen und Interessen haben als die Ministerin. Vor allem rund um die Olympiabewerbung soll es immer wieder Knatsch gegeben haben – mit einem besonderen Troublemaker: CSU-Chef Markus Söder. Schenderlein wollte sich in der Vergangenheit nicht dazu äußern. Aber, dass die Olympiabewerbung nicht unbedingt im Hintergrund bei allen für große Heiterkeit sorgt(e), wird niemand bestreiten. Es gibt auch Protagonisten unter den Sportpolitikern, die sich als verkannte ministrable Experten sehen und gerne auf der Hinterbühne für Störfeuer sorg(t)en.

Ostdeutsche sauer

Die Ablösung der Sympathieträgerin aus dem sächsischen Weißenfels sorgt in den ostdeutschen Bundesländern, in deren Sportorganisationen, aber vor allem in den ostdeutschen CDU-Verbänden für massiven Unmut. Nicht nur Ostdeutsche sind der Meinung, dass der Bundeskanzler mit dieser Personalie, auch wenn er sie nun mit einem Staatssekretär-Posten abgemildert hat, vor allem auch zu diesem Zeitpunkt ein Eigentor geschossen hat. „Wer weiß, welchen Stellenwert Sport und Spitzensport noch immer in Ostdeutschland haben, der sollte eine ostdeutsche Ministerin, die gute Arbeit geleistet hat, nicht einfach abziehen“, sagt ein CDU-Mitglied. Und man fragt sich auch, welchen Stellenwert der Sport und das neu eingerichtete Amt in diesem Kabinett haben, wenn man es so beschädigt. Und wer den Kanzler auf diese Idee gebracht hat?!

Die Ablösung kommt in einem Moment, wo eigentlich nun alle Kräfte an einem Strang ziehen sollten: Am 26. September soll in Baden-Baden der deutsche Olympiakandidat gewählt werden – die Bundesregierung und vor allem auch die Ministerin hatten sich – trotz des nicht unumstrittenen Bewerbungsprozesses – für eine Kandidatur stark gemacht und auch finanzielle Mittel dafür zugesichert.

Taktische Spiele

Auch die DOSB-Mitgliederversammlung im Dezember mit Präsidiums-Neuwahlen wird richtungsweisend sein, wo und wie der deutsche Sport sich aufstellen wird und will. Da gibt es, so wird kolportiert, ebenso taktische Spiele, um KandidatInnen in Stellung zu bringen, die etwa südliche Olympiaträume nicht nur im DOSB-Präsidium, sondern auch im Stiftungsrat der neuen Agentur unterstützen sollen.

„Ich wünsche meiner Nachfolge für die bevorstehenden Aufgaben alles erdenklich Gute und viel Erfolg“, schrieb Christiane Schenderlein. Bei allem, was nun so über die Berliner Polit- Theaterbühne geht, ist der Wunsch wohl mehr als angebracht. Und potentielle Nachfolge-KandidatInnen sollten sich keine Illusionen machen, dass es darum geht, nur den Spitzen-Sport in Deutschland wieder in die Erfolgsspur zu bringen.

Es geht um Macht. Und eigene Interessen.