US-Kandidat zeigt olympische Lustlosigkeit

Bostoner wollen keine Spiele – Intransparentes USOC blamiert sich

Berlin, 3. April. Da gilt nun Boston unter Experten eigentlich schon als der Sieger der Kür zur Olympiastadt für die Spiele 2024 – und nun das: Nicht nur die Bostoner, sondern der gesamte Bundesstaat Massachusetts wollen die Spiele überhaupt nicht. „Warum“, so diktierten Befragte der Journalistin Juliet Macur von der New York Times, die der Anti-Stimmung vor Ort auf den Grund gehen wollte, aktuell in den Block, „sollen wir die Spiele wollen?“

Die Bostoner sind überzeugt, dass das Geld statt für das Sportspektakel besser für Schulen und Sozialprogramme ausgegeben werden sollte. Mit Großprojekten und Kosteneinhaltung haben sie schon so ihre Erfahrung gemacht. Zum Beispiel mit dem Highway Big Dig, der zu einem finanziellen Fass ohne Boden wurde. Warum sollte das bei den Spielen anders werden? Außerdem befürchten viele von ihnen, dass es noch schlimmeres Verkehrschaos gibt, als man ohnehin schon hat, wenn massenhaft Olympiatouristen in die Ostküstenstadt einfallen. Das wollen die Bostonians eher nicht, die ihre Ruhe schätzen.

Und das mit dem Imagezuwachs durch olympischen Glanz beantworten die Bostoner schon fast arrogant: Wieso sollte sich eine Weltklassestadt wie Boston durch Spiele noch profilieren? „Wir sind zufrieden, so wie es ist“, sagen Befragte.

Intransparentes USOC

Bürger und Medien fragen sich nun, was sich das USOC – das Olympische Komitee der USA – bei der Kür Bostons wohl gedacht hat. Auch ihm wird wie dem DOSB beim Auswahl-Prozedere Intransparenz vorgeworfen. Niemand konnte so richtig nachvollziehen, warum in der letzten Runde mit San Francisco, Washington und Los Angeles ausgerechnet Boston das Rennen machte. Über den Entscheidungsprozess gibt es kaum Auskunft, nur so viel sagt USOC-Sprecher Patrick Sandusky. Und er sagt eigentlich nichts: „Ich kann nicht die Umfrageergebnisse in den Städten bekannt geben, die zu der Entscheidung führten, aber die Entscheidung, die das Board im Januar getroffen hat, fiel mehrheitlich.“

Zustimmung sinkt

Jedenfalls muss dann die Umfrage zu einem Zeitpunkt stattgefunden haben, als viele Bostoner noch enthusiastisch waren. Oder das alles nicht so ernst nahmen. Denn, so zeigen die jetzigen Umfragen – die neueste hat ein Bostoner Radiosender in Auftrag gegeben -, dass sich die Olympialaune in der Abwärtsspirale bewegt. Waren es am Anfang noch rund 51 Prozent, die Olympia gut fanden, sank die Begeisterung erst auf 44 Prozent und jetzt auf 36 Prozent – und das nicht nur in Boston, sondern im gesamten Bundesstaat Massachusetts.

Nein danke USOC“, sagen die Bostoner also, die sich derzeit auch einen Kopf machen, was nach dem wiederholt strengen Winter alles an Reparaturkosten auf ihre Kommune zukommen wird. Und das US-amerikanische Olympische Komitee steht nun blamiert da, schoss ein Eigentor, warum auch immer.

Sie halten erst mal an ihrer Entscheidung fest

Was nun? Noch mal alles zurück auf Start, eine neue Stadt suchen? Vorschläge und Häme gibt es nicht nur in den Medien zur Genüge. Tulsa zum Beispiel, ein Scherz natürlich, denn: „Käme nur in Frage, wenn das IOC auch Oklahoma auf der Karte findet.“ Oder Dallas. Die Texaner, so heißt es, wären sicher tolle Gastgeber, die für spektakuläre Spiele sorgen würden, auch wenn sie schlechte Berater haben und die Kosten enorme Dimensionen annehmen dürften.

Aber man hätte wirklich einen Ersatz, den in den USA eigentlich auch die Öffentlichkeit favorisiert hatte: Los Angeles, schon zwei Mal Gastgeber und von 80 Prozent seiner Bevölkerung unterstützt. „Die Enttäuschung im Januar war groß“, gibt Barry Sanders zu, der Vorsitzende des südkalifornischen Kandidatenkomitees. Verstanden haben er und seine Kollegen die Entscheidung des USOC nicht, aber Sauersein ist nicht angesagt, ebenso wenig wie Schadenfreude angesichts der jüngsten Entwicklung.

Zeitpunkt wichtig

So ist das Komitee jetzt in genau dem Dilemma, das der DOSB mit der Wahl Hamburgs vor Berlin zu vermeiden sucht: das Risiko, dass die Bürger den Funktionären einen Strich durch die Rechnung machen. Das USOC muss Ende dieses Jahres seinen Kandidaten dem IOC präsentieren, aber erst ein Jahr später entscheiden die Bürger von Massachusetts, ob sie die Spiele auch wollen. Vorerst will das USOC aber an seiner Wahl festhalten.

Peter Vidmar, ehemaliger Goldmedaillengewinner im Turnen und Mitglied des Bewerbungskomitees vom Los Angeles, ist da typisch kalifornisch optimistisch. „Auch in L.A. hatten 1984 Leute Angst vor einem Verkehrskollaps, oder davor, dass zuviel Geld rausgeworfen wird. Keines der Probleme traf ein, wir machten Gewinn. Aber wir hatten schon vorher die Leute überzeugt. Und die Bostoner müssen überzeugt werden – schnellstens.“ Viele sind der Meinung, das sei zu spät – der Bostoner Zug sei abgefahren. Das USOC hat Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt. Also nichts Neues, wenn es um Sport-Funktionsträger geht.

Ob die Bostoner Misere für die Hamburger jetzt schon Anlass ist, sich größere Chancen auszurechnen? Schließlich müssen auch sie noch die Hürde „Volksbefragung“ überstehen, die nun irgendwann im Oktober oder November genommen werden muss.

Und da ist noch das viele Geld des US-Senders NBC (7,65 Milliarden Dollar für die Übertragungsrechte 2021 bis 2032), mit denen er sich beim IOC eingekauft hat. Die Bostoner olympische Tea-Party ist also noch nicht ganz abgesagt – auch wenn sie vielleicht doch anderswo stattfindet. Die US-Boys und -Girls sind hinter den Kulissen auf jeden Fall mit von der Partie, sei es bei Programmgestaltung oder Übertragungszeiten oder Austragungsort. Auch wenn das IOC da sicher wieder etwas anderes erzählen wird.

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