DOSB-Führung: Bezahltes Ehrenamt?

Mitgliederversammlung: Beschlussvorlage mit einschneidenden Folgen

Berlin, 20.November. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat für den 2. Dezember zur Mitgliederversammlung nach Frankfurt am Main eingeladen. Eine umfangreiche Tagesordnung erwartet die Delegierten mal wieder: Themen-Schwerpunkte sind, wie zu erwarten, die angepeilte Olympiabewerbung, die neu in Arbeit befindliche Leistungssportreform und der Sportentwicklungsplan. In den zahlreichen Anlagen und Vorlagen, die vermutlich durchgewunken werden sollen, stolpert man allerdings unter dem Tagesordnungspunkt 16 über einen Antrag zur Satzungsänderung, der bei genauem Hinsehen nicht nur Stirnrunzeln auslöst, sondern für den ehrenamtlich organisierten Sport in Deutschland einschneidende Folgen haben könnte.

In der Republik wird das hohe Lied des Ehrenamts gesungen – zu Recht. Man kann die Menschen, deren Engagement eine Art Kitt ist, das die auseinander bröckelnde Gesellschaft noch zusammenhält, gar nicht genug loben. Im Sport wie in vielen anderen Bereichen finden sich immer weniger Menschen, die ein Ehrenamt übernehmen wollen: Es herrscht mehr Frust als Lust, weil Engagement als selbstverständlich betrachtet wird, Aufgaben und Anforderungen wachsen, die neben Beruf und Familie noch zu stemmen sind. Und man dafür dann auch noch kritisiert und beschimpft, ja manchmal sogar tätlich angegriffen wird.

Geld mitbringen

Dennoch, es gibt sie nach wie vor: Menschen, die sich gerne in den Dienst der Allgemeinheit stellen, beruflichen Stress und Nachteile in Kauf  nehmen, ihre Freizeit, ihren Urlaub opfern, um im Vorstand oder als Trainer und Übungsleiter im Verein zu arbeiten – weil ihnen das Miteinander wichtig ist.

Viele bringen selbst noch Geld mit, wenn es darum geht, Feste oder Fahrten zu organisieren, die nicht oder nur teilweise aus dem Vereinsbudget zu bezahlen sind.

Der organisierte deutsche Sport wäre ohne Ehrenamt undenkbar. Ohne Vereinsbasis und deren Arbeit wäre dieses Land ärmer und sozial noch kälter.

Dass man die Ehrenamtler wertschätzen und ihnen das auch zeigen sollte, darüber ist man sich einig – und es gibt eine Reihe von Anerkennungsaktionen durch Politik oder Verbände. Finanzielle Belohnungen gehören selten dazu – dann wäre es ja auch kein Ehrenamt mehr.

Satzung geändert

Der DOSB hat 2014 seine Satzung geändert, um das ehrenamtliche Präsidium zu entlasten. Das Präsidium sollte demnach die strategische und sportpolitische Führungsebene sein, die fünf Sportdirektoren (heute Vorstände) unter der Leitung des Generaldirektors (heute Vorstandssprecher) sollten als geschäftsführender hauptamtlicher Vorstand aufgewertet werden und das operative Geschäft verantworten. Der damalige Pressesprecher Christian Klaue erklärte die Änderung damals so: „Ein Ehrenamt kann man heute nicht mehr zwischen 16 und 18.30 Uhr in einer Organisation führen“. Und Ex-Präsident Alfons Hörmann hatte außerdem noch eine juristische Begründung parat: So werden Präsidiumsmitglieder aus der finanziellen Haftung entlassen.

So weit, so gut. Dass es mit der Rollenver- und Aufgabenaufteilung damals nicht geklappt hat, lag wohl in erster Linie an den agierenden Personen. Im neuen Präsidium, so scheint es, funktioniert es mit der Zuordnung besser.

Um so überraschender nun der vorliegende Beschlussvorschlag, über den die Mitgliederversammlung am 2. Dezember entscheiden soll:

Die Mitgliederversammlung beschließt die Ergänzung des § 5 Abs.(4) der Satzung um den Zusatz:
Es können angemessene pauschale Aufwandsentschädigungen für Mitglieder des Präsidiums gezahlt werden. Die Mitgliederversammlung beschließt über die Einsetzung einer Ad-hoc-Kommission. Diese Ad-hoc-Kommission legt die Höhe der Aufwandsentschädigung fest. Die Ad-hoc-Kommission soll sich aus fachkundigen Personen zusammensetzen, die von den Mitgliedsorganisationen vorgeschlagen werden.“

Aufwand für den DOSB

Als Begründung ist zu lesen: „Mit dieser Regelung soll es ermöglicht werden, dass Präsidiumsmitglieder im angemessenen Rahmen für entgangene berufliche Erträge entschädigt werden. Die Angemessenheit bezieht sich dabei auf den Aufwand für den DOSB.“

Da ergeben sich nun doch einige Fragen, die offensichtlich die Landessportbünde und die olympischen Verbände bei ihren letzten Treffen hatten, als der Vorschlag vorgelegt wurde. Vor allem die Art und Weise erregt wohl den einen oder anderen Verbandsvertreter. „Da wird ein kleines Schneebrett losgetreten, das als Lawine das Ehrenamt begraben könnte“, sagt einer.

Angemessener Aufwand

Die Formulierungen in der Vorlage irritieren viele: Was bedeutet überhaupt „angemessen“? Welche Kriterien werden da zugrunde gelegt? Wer soll in so einer Kommission sitzen? Der Satz „die Angemessenheit bezieht sich auf den Aufwand für den DOSB“, fordert zu Gegenfragen heraus: Was hat ein Präsident bzw. ein Präsidiumsmitglied jetzt mehr zu tun als vorher? Und wieso soll man für entgangene berufliche Erträge entschädigt werden?

Zugegeben, es mögen sich in Krisenzeiten mehr Termine ergeben, aber wozu hat man ein Hauptamt, Vorstände, Referenten, Abteilungsleiter? Vielleicht sollte man zunächst mal überdenken, ob immer mehr Gremien und Meetings nötig sind, die Zeit kosten, wenig effizient sind. Ob man überall dabei sitzen muss, um damit seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Ob es manchmal nicht besser wäre, eine/n hauptamtlichen, sachkundigen VertreterIn in eine Diskussion zu schicken, als sich wortreich aber ahnungslos zu blamieren – bevor man nach finanzieller Entschädigung ruft, die man manchmal eher den Zuhörern als Schmerzensgeld zubilligen müsste.

Bisher, so jedenfalls wurde immer bestätigt, wurden Reisekosten, Hotelübernachtungen, Essen vom DOSB als Aufwandsentschädigung übernommen. Und es gibt auch für Sitzungen in DOSB Diensten Geld. Was ja auch in Ordnung ist. Und auch Sponsoren laden gerne DOSB-Granden ein. In dieser Beziehung ist das DOSB-Ehrenamt sicher kein Draufzahlgeschäft. Und das Netzwerken bei Terminen mit Politik und Wirtschaft wissen manche auch für berufliche Dinge zu nutzen.

Ehrenamts-Bastion

Bisher war der DOSB eine Ehrenamts-Bastion, nahm sich kein Beispiel am DFB oder internationalen Verbänden, die sich mit horrenden Gehältern belohnen, die oft als „Aufwandspauschalen“ getarnt sind. Nun scheint die Burgmauer an oberster Stelle eingerissen zu werden. Natürlich kann man grundsätzlich drüber diskutieren, ob der organisierte deutsche Sport mit seinen derzeitigen ehrenamtlichen Strukturen eine Zukunft hat. Wer die gesellschaftliche Entwicklung gerade in Bezug auf ehrenamtliches Engagement beobachtet, der sieht da eher schwarz.

Mit dieser Beschlussvorlage zeigt sich der DOSB aber wieder einmal sehr unsensibel: In Zeiten, in denen er immer wieder mit Geldforderungen an den Bund, also den Steuerzahler, Schlagzeilen macht, sich womöglich auf teuere aussichtslose Olympiabewerbungs-Abenteuer einlassen will, die wieder der/die BürgerIn bezahlen muss – in solchen Zeiten kommt es an der Basis sicher nicht gut an, wenn die oberste Führungstruppe nun für ihr Ehrenamt bezahlt werden will – denn nichts anderes ist es. Und im Zusammenhang mit der Erhöhung der Mitgliedsbeiträge (der wesentlichen Grundlage in der Finanzierung des DOSB), die zum 1. Januar 2025 beschlossen werden soll, macht sich so ein Ansinnen auch nicht besonders gut. Und da wäre dann auch noch: Das Präsidium wurde unter den geltenden Voraussetzungen gewählt. Über neue Rahmenbedingungen kann man bei den nächsten Wahlen nachdenken.

Kaskadenartig

Wird der Beschluss umgesetzt, dann wird diese Satzungsänderung kaskadenartig Spitzenverbände, Landesverbände und am Ende Vereine erreichen, die ihre Satzungen anpassen werden- schließlich ist der DOSB immer eine Art Vorbild. Risiken und Nebenwirkungen sind jedenfalls nicht einzuschätzen – aber ein ehrenamtliches DOSB-Präsidium mit „Gehalt“ wird nicht folgenlos für den organisierten deutschen Sport bleiben.