LSB-Präsident Härtel über den angekündigten Sportminister/ Rollenakzeptanz im DOSB und das Olympia-Wirrwarr
Berlin, 25. März. Um es mit dem ersten Bundeskanzler der Republik, Konrad Adenauer, zu sagen: Die Lage war noch nie so ernst. Die Welt verliert Balance und Ordnung. Wir Europäer und Deutsche müssen uns nun mit den Folgen herumschlagen, die vor allem Schulden und Sondervermögen heißen. Und was wir alle noch spüren werden, wenn die neue Regierung dann am Ruder ist und unter Sparzwang handeln muss.
Unter diesen Vorgaben bleibt auch der Sport nicht verschont, der schon lange seine eigenen Probleme nicht im Griff hat. Nun ist ein Staatsminister oder eine Staatsministerin für Sport im Kanzleramt geplant. Ob er oder sie kommt, was mit der neuen Position für Erwartungen verknüpft sind, wie sich der DOSB aufstellen und seine Aufgaben priorisieren muss, und warum eine Olympiabewerbung trotz Sparzwängen immer noch aufrechterhalten wird, darüber sprach sportspitze.de mit dem Berliner Landessportbundpräsidenten Thomas Härtel.
Herr Härtel, ein Sportminister oder eine Sportministerin als Wunderheiler? Glauben Sie wirklich, dass so ein Amt den deutschen Sport auf Spur bringt, dass die Zusammenarbeit zwischen Politik und Sport besser wird? Welche Kompetenzen und Aufgaben sollen mit dem neuen Amt verbunden sein? Oder ist es einfach ein Posten, um Parteifreude als Grüß-Gott-August oder -Auguste unterzubringen?
Härtel: Natürlich darf das auf keinen Fall eine Frühstücksdirektor-Position sein. Das sollte eine herausragende Koordinierungsstelle werden, wo die Sport-Belange auch aus den einzelnen Ministerien zusammenlaufen. Das heißt, dass Sport immer ressortübergreifend mitgedacht und miteinbezogen wird. Etwa, wenn es um Gesetzesvorhaben geht. Da kann ein Staatsminister die KollegInnen in den Ministerien darauf hinweisen: Moment, den Sport habt ihr da gar nicht berücksichtigt, wie es beispielsweise beim Präventionsgesetz und zuletzt beim Gesunden-Herz-Gesetz passiert ist. Da kann interveniert werden. Und natürlich unterstreicht diese Position auch die besondere Bedeutung des Sports für diese Gesellschaft.
Prinzipiell ginge ich da mit, wenn es denn so funktionieren würde. Aber nach weniger Bürokratie und schnellen Entscheidungsprozessen hört sich das nicht an. Und es kommt doch vor allem auf die Person an, die das Amt übernimmt. Wo ist die zu finden: Integer, mit natürlicher Autorität, sachorientiert, kenntnisreich, politisch versiert und über den Sport-Tellerrand schauend.
Härtel: Es muss eine Persönlichkeit sein, die Erfahrung über den Leistungssport und die Sportverwaltung hinaus mit sich bringt. Es wäre nicht gut, wenn man beruflich nur den Sport im Blick gehabt hätte. Ich weiß, in der Politik läuft das bei der Besetzungscouch immer etwas anders – da gibt es parteigesteuerte Kriterien. Eine Person wie Volker Bouffier – 30 Jahre jünger – wäre die Idealbesetzung…
… da hätten Sie ja auch als jüngere Ausgabe mit ihm als Doppelspitze agieren können…
Härtel: Von Doppelspitzen halte ich nichts.
Okay, einen Volker Bouffier in jünger sehe ich jetzt nicht bei den potentiellen Kandidaten, die so genannt werden.
Härtel: An Spekulationen über die Namen, die da so durch den Raum schwirren,will ich mich nicht beteiligen.
Eigentlich reden wir ja nun schon wieder über den zweiten oder dritten Schritt: Posten vor Inhalten und Strukturen. Die von Ihnen schon oft geforderte „Nationale Sport- und Bewegungsstrategie“, die da lautet: Welches Ziel haben wir und wie kommen wir da hin?, haben DOSB und Politik immer noch nicht hinbekommen.
Härtel: Es gab ja schon kleine Pflänzchen, die in diese Richtung gingen, aber leider ließen die politischen Bedingungen und die Art, wie der DOSB in der Sache aufgestellt war, kein gedeihliches Wachstum zu. Mit dem Sportentwicklungsplan waren Ansätze da, aber ressortübergreifende Zusammenarbeit und Abstimmung funktionierten nicht. Es fehlten verbindliche Absprachen sowie der sportpolitische Druck auf andere Ministerien über das BMI hinaus. Es wurde nicht deutlich, worum es eigentlich geht.
Der DOSB ist ein Interessenvertreter der unter seinem Dach organisierten Mitgliedsverbände. Er muss sich für bessere Trainerbezahlung einsetzen, dafür sorgen, dass genügend ÜbungsleiterInnen da sind, das Ehrenamt gefördert wird, ausreichend wie sanierte Sportstätten vorhanden sind. Sowie verlässliche Rahmenbedingung etwa für den Spitzensport geschaffen werden.
Aber es geht doch um mehr: Will der Sport zukunftsfähig sein, dann muss er die Botschaft aussenden: Uns geht es auch um Klima, Gesundheit, Bildung, Stadtplanung, das soziale Miteinander und Stärkung demokratischer Entscheidungsprozesse. Und wir wollen gesundheitsfördernde und nachhaltige Sport- und Bewegungsräume für alle.
Im DOSB haben die Führungsverantwortlichen für diese Themen in den letzten Jahren wenig Interesse gezeigt. Es gibt ja DOSB-Abteilungen, die da fleißig daran arbeiten. Die Spitze beschäftigt sich hauptsächlich und mehr schlecht als gut mit Spitzensport und Olympia. Wäre es nicht endlich Zeit, mal wieder eine Kampagne zu starten mit dem Motto „Wir bringen dieses Land in jeder Hinsicht in Bewegung.“ Da käme man vielleicht auch der Sport-Nation Deutschland ein kleines Stückchen näher.
Härtel: Eine Kampagne ist immer gut. Und es gibt ja hierzu einige. Die ReStar- Kampagne „Dein Verein – Sport nur besser“ nach Corona ist ein gelungenes Beispiel. Wir brauchen Aktivitäten, die nachhaltig Gestaltungsbereiche wie frühkindliche Bildung in Kindertagesstätten, die Schulen, Hochschulen oder Ausbildung, und auch Gesundheit, Soziales oder etwa Stadtentwicklung immer mit in den Blick nehmen. Da muss sich auch beim DOSB endlich was ändern, wenn er mit der Breite der Politik auf Augenhöhe sein möchte. Die DOSB-Spitze – ehrenamtliches Präsidium und hauptamtlicher Vorstand – muss das auch in ihren Zuständigkeitsbereichen sichtbar machen: zusammenführen was zusammengehört.
Ein Beispiel aus der Praxis: „Berlin hat Talent“. Der Deutsche Motorik-Test, der in den dritten Klassen durchgeführt wird, gibt über die körperliche Geschicklichkeit und die Bewegungsfähigkeit und damit auch über den gesundheitlichen Zustand von Grundschulkinder Auskunft. Jungen und Mädchen, die Sportarten begabt sind, werden zu Talentiaden/ Talentgruppen eingeladen, um sie entsprechend zu fördern. Aber „Berlin hat Talent“ heißt auch: Diejenigen mit Auffälligkeiten oder Einschränkungen, sei es Übergewicht oder mit einem Handicap, haben auch Talent, das es zu fördern gibt. Für sie werden auch entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Das ist ein Bildungsprozess, wo Schule und Sport gemeinsam Verantwortung tragen. Hier können im Bereich Gesundheitsvorsorge wichtige Weichenstellungen für die Kinder vorgenommen werden. Da kann der Sport mehr pro-aktiv werden und seine Kompetenz einbringen.
Kompetenz ist ein gutes Stichwort: Der DOSB vermittelt oft den Eindruck, dass man vor allem kompetent ist, wenn es darum geht, Geld zu fordern, Probleme auszusitzen und darauf zu warten, das andere sie für ihn lösen. Man hätte aber Wissen und Kompetenz, macht nur nichts daraus.
Härtel: Man muss den Sport nicht jeden Tag neu erfinden. Oder Beratungsagenturen damit beschäftigen, sich etwas auszudenken, was oft nicht besonders originell ist und unbedingt Sinn macht. Im und rund um den Sport gibt es viele sportwissenschaftliche Erkenntnisse, auch gesellschaftspolitisch. Aus diesem Fundus muss man schöpfen und die Erkenntnisse und Ergebnisse kreativ nutzen, um erfolgreich in die Spur zu kommen. Da sind wir alle gefordert, auch der DOSB, um durchsetzungsstärker auf den vielfältigen Ebenen zu werden.
Ja, aber wer soll das übernehmen? Das Präsidium, das völlig apolitisch agiert? Wo ist das Gespür für Themen?
Härtel: Auf Dauer gesehen reicht es nicht, ein Hauptstadtbüro in Berlin zu haben, das sich um politische Belange kümmern soll. Es braucht im DOSB einen Vorstand für politische Kommunikation, der nicht nur für den gesamten Vorstand und das Präsidium die Zusammenarbeit mit dem Staatsminister/ Staatsministerin – wenn er /sie denn kommt – sondern auch mit den andern Ministerien koordiniert.
Jetzt möchte ich nicht weiter Öl ins Feuer gießen: Aber die Politikfähigkeit des deutschen Sports muss man ja angesichts der gescheiterten Reformversuche und der ständigen Kakophonie im Dachverband und seinen Mitgliedsorganisationen sehr anzweifeln. Vor allem, weil die Rollenverteilung – wer ist für was zuständig? – immer noch nicht, vor allem nicht vom ehrenamtlichen Präsidium, verinnerlicht wurde. Was soll da ein weiterer Vorstand ändern?
Härtel: Das Rollenverständnis sowohl des Präsidiums als auch des Vorstands ist nicht erkennbar. Ein Vorstand muss so selbstbewusst und anerkannt sein, dass er klare Entscheidungsvorlagen in das Präsidium einbringen kann. Es kann nicht so laufen, dass – auch wenn man eine Tagesordung hat – aus der Sitzung heraus dann irgendwelche Beschlüsse gefasst werden…
…. die dann meistens allen wieder auf die Füße fallen, weil sie nicht gut oder gar nicht vorbereitet waren.
Härtel: Die Rollenakzeptanz funktioniert sicher nicht auf Knopfdruck, dass muss sich entwickeln. Die handelnden Personen in Haupt- und Ehrenamt müssen ihre Aufgaben und Rollen annehmen, um mit den Mitgliedsverbänden dann auch vernünftig arbeiten zu können. Entscheidungen – etwa über eine Olympiabewerbung – nur spontan oder aus dem Bauch heraus zu treffen – das kann nicht gut gehen. Man muss seine Rolle annehmen, dem anderen aber auch seine Rolle zugestehen, auf dessen Vertrauen und Kompetenz setzen. Und Kritik zulassen, ebenso wie Fehler einräumen.
Wenn die neue Bundesregierung steht: Was sind denn die Hauptaufgaben, die der Sport nun angehen muss?
Härtel: Es gibt aus meiner Sicht drei Punkte, um die wir uns kümmern müssen: Das Sportfördergesetz muss neu aufgelegt werden. Dann geht es um die Bundesmilliarde für Sportstätten und Bädersanierung – da wird von einem Bedarf, je nach Berechnung und Einbeziehung von Schulsportstätten – von 12 bis 30 Milliarden ausgegangen. Das Sondervermögen wird umkämpft sein.
Und dann geht es natürlich um Olympische und Paralympische Spiele.
Die Begeisterung für eine Olympiabewerbung hält sich in Grenzen. Angesichts der Weltlage fragen sich viele, ob Olympia nun wirklich sein muss. Aus Gesprächen entnehme ich viel Frust, vor allem dort, wo wegen Sparmaßnahmen Projekte und Jobs schon gestrichen wurden. Und den Vorwurf, dass da mit zweierlei Maß gemessen werde. Was sagen Sie denen?
Härtel: Einsparungen entkommt keiner. Wir haben im Gespräch mit der Senatsverwaltung geklärt, wo wir aus unserer Sicht einsparen können.
Eine Evalution ist unumgänglich. Das gilt auch beispielsweise für ein Sportfördergesetzes und bestimmte Fördermaßnahmen. Da muss man dann wirklich auch Konsequenzen ziehen. Natürlich zeigt sich am Ende, ob etwas funktioniert hat, auch in Medaillen. Wenn nicht, muss man Entscheidungen treffen, etwa ob man die Förderung mehrfach erfolgloser Sportarten dann eben reduzieren oder einstellen muss. Das ist Aufgabe und Verantwortung des Sports, der das gegenüber der Politik auch vertreten muss, und nicht die Entscheidung – und dann auch den eventuellen Ärger – auf andere abwälzt.
Aber das hat doch bisher überhaupt nicht funktioniert. Erinnern Sie sich doch an die Reformversuche von 2016: Da ist man genau daran gescheitert: Streit um die Clustereinteilung von Sportarten, Potentialförderung, Reduzierung von Kaderzahlen und Stützpunkten und und und… Es scheiterte an mangelnder Reformbereitschaft der Sportverbände, die mindestens den Status quo beibehalten wollten. Hat sich da etwas verändert? Es gilt doch immer noch das Gießkannenprinzip. Woher nehmen Sie ihre Zuversicht, dass das nun anders wird?
Härtel: Eine Gießkanne ist dazu da, dass man das Blütenmeer immer frisch hält und nicht verwelken läßt, wenn Kakteen dazwischen sind, muss ich dann schon gezielter mit Spezialdünger vorgehen. Nur passgenaues Vorgehen verspricht auf Dauer Erfolg.
Und wenn man gezielt fördert, dann muss man auch kontrollieren und evaluieren: Haben wir wirklich das so optimal umgesetzt wie es sein sollte? Hat die Zusammenarbeit funktioniert? Werden Stützpunkte genutzt oder ist der eine oder andere überflüssig geworden? Muss tatsächlich noch eine Schanze oder Bobbahn her? Der Sport muss Transparenz herstellen, klar und deutlich belegen können, wofür er Steuergeld ausgibt oder ausgegeben hat.
Der Sport ist hier selbst in der Verantwortung und wird glaubwürdiger, wenn er für echte Transparenz sorgt. Er muss die Bereitschaft zeigen, dass er auch mal hinter die Kulissen schaut und schauen lässt, offen benennt, was gut und weniger gut gelaufen ist oder läuft. Es kann nicht immer nur der Hilferuf nach oben und nach mehr Geld sein, Effizienz muss auch so durchdekliniert sein, dass man sich nicht selbst dauernd unter Rechtfertigungs – und Erklärungsdruck bringt.
Apropos Erklärungsdruck. Da fällt einem die Olympiabewerbung ein. Böse Zungen behaupten ja, dass der DOSB mit seinem Verhalten ein Verhinderer statt ein Macher für Olympische und Paralympische Spiele ist. Jetzt gibt es wieder die nationale Konkurrenz. What happend?
Härtel: Also Hamburg wird wohl mit Kiel an den Start gehen, wenn die Koalition steht. München Plus läuft. Auch NRW ist nach wie vor dabei. Und Berlin als Hauptausrichter mit Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen als regionalen Partnern.
Wie sieht es denn mit der versprochenen Bürgerbeteiligung aus. Die Berliner Sportsenatorin will die wohl nicht.
Härtel: Das IOC und der DOSB fordern nicht, dass ein Referendum notwendig ist. Wir als Sport sind aber doch kein Gegner eines Referendums. Wir sind überzeugt, dass wir gute Argumente für Spiele haben. Unsere Stadt braucht Visionen und eine Bewerbung würde viele Prozesse in anderen gesellschaftlich relevanten Bereichen beschleunigen. Daher gibt es bei uns Überlegungen z.B. eine Volksinitiative zustarten.. Darüber könnten wir mit 20 000 Unterschriften einen Antrag ans Berliner Abgeordnetenhaus für eine Bewerbung einbringen. Wir wollen die Berliner und Berlinerinnen mobilisieren, die Berliner Wirtschaft mit ins Boot holen und kritische Stimmen überzeugen.
Soweit, so gut. Aber was passiert denn beim DOSB?
Härtel: Erstmal das Positive: In dieser Woche wird es einen Workshop geben, um über das weitere Prozedere zu sprechen. Und um die Spiele-Vision zu verdichten. Das hätte man ja wohl schon viel früher erledigen müssen. Danach sollen im April noch mal die politischen VertreterInnen der potentiellen Bewerber eingeladen werden. Mit welchem Ziel, offenbart sich für mich derzeit nicht.
Es war beim DOSB und auch in der Politik die ganze Zeit von einer nationalen Bewerbung die Rede. Dann plötzlich sorgte der DOSB durch eine klare kommunikative Fehleinschätzung für Verwirrung, weil angeblich das One-Village-Prinzip nicht mehr Bestandteil der Bewerbung sein musste, was aber nicht stimmte. Da wurde wohl auch die Sicht der AthletInnen nicht so in den Fokus genommen. Im Ergebnis der ganzen Debatten haben wir jetzt wieder eine Konkurrenzsituation geschaffen, die wir so vermeiden wollten.
Das kennen wir ja schon.
Härtel: Der DOSB will in seiner Präsidiumssitzung im September entscheiden, mit wem er dann weiter in den IOC-Dialogprozess gehen will. Mit zwei oder gar drei Bewerbern? Was heißt das dann? Wenn sich der DOSB zum Beispiel für München entscheidet und das dort angekündigte Bürgerreferendum ergibt ein „Nein“, was dann? Das ist doch so nicht zielführend. Dann soll endgültig auf der Mitgliederversammlung im Dezember 2026 entschieden werden. Auf der Mitgliederversammlung, auf der auch ein neues Präsidium gewählt werden soll.
Was geben wir international für ein Bild ab? Wir werden doch zur Lachnummer. Den Wettbewerb gewinnt man nicht mit unendlichen Diskussionen, man punktet doch nur mit klaren Ansagen wie man mit den neuen Forderungen des IOC nachhaltige und transparente, wirtschaftlich vernünftig finanzierte Spiele hinbekommt.