„Auf keinem glücklichen Weg“

Andre Hahn über die Konfliktscheu des DOSB, mangelnde Akzente des Sportausschusses und die Rolle von Parteibüchern

Berlin, 28. November. Auf „keinem glücklichen Weg“ sieht Dr. André Hahn, Obmann der Linken im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, die Umsetzung der Spitzensportreform. Hahn sieht nicht nur die Rolle der unmittelbar Beteiligten aus dem Bundesinnenministerium (BMI) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kritisch, sondern auch die seines eigenen Gremiums.

Herr Hahn, am Wochenende ist Mitgliederversammlung des DOSB in Düsseldorf. Seit die Reform das Thema im deutschen Sport ist, beklagen auch Sportpolitiker nach wie vor mangelnde Transparenz und fehlenden Austausch mit Betroffenen und Beteiligten. Fühlen Sie sich von den beteiligten Parteien – Bundesinnenministerium und Deutscher Olympischer Sportbund – gut und ausreichend über den Umsetzungsprozess informiert?

Hahn: Leider nein. Vorhandene Konflikte und Streitigkeiten werden nach wie vor nicht offen ausgetragen. Wenn etwas herauskommt, geschieht das meist durch Indiskretionen. Im Sportausschuss erfahren wir nicht wirklich, wo die Probleme liegen, welche Sorgen oder Schwierigkeiten es gibt. Man hört und liest von Missstimmungen zwischen DOSB und der Sportabteilung im Bundesinnenministerium. Aber bei den offiziellen Sitzungen oder der DOSB-Mitgliederversammlung wird das weitestgehend unter der Decke gehalten.

Erinnern Sie sich nur an die Mitgliederversammlungen in Magdeburg und Koblenz – nach außen hin herrschte „Friede, Freude, Eierkuchen“-Stimmung. Vorher wurde Monate lang über massive Probleme und mangelnde Kommunikation anonym in den Medien geklagt, eine öffentliche und vor allem offene Diskussion dann aber nicht geführt. Das finde ich bedauerlich. Es wäre für den Sport und den DOSB sicher besser, wenn inhaltliche Konflikte und Konfliktlinien bei den handelnden Personen sichtbar würden. Dann könnte man auch anders damit umgehen.

Nach dem Motto: Mehr Demokratie wagen?

Hahn: Ja, warum denn nicht! Ich glaube schon, dass es für bestimmte Positionen im Sport durchaus mehrere geeignete KandidatInnen gibt. Eine Wahl besteht doch darin, dass man eine Auswahl hat. In Landessportbünden gab es schon konkurrierende Bewerbungen – das hat keinem geschadet. Beim DOSB hat man den Eindruck, er scheut Kontroversen – auch in Personalfragen – wie der Teufel das Weihwasser.

Konflikte, Probleme ansprechen und diskutieren, das ist doch wichtig, um auch breit getragene Lösungen finden zu können. Wenn ich in Sachsen vor Ort zum Beispiel in einem Olympiastützpunkt bin, dann höre ich von den Schwierigkeiten, was nicht gut läuft, was fehlt. Die Probleme gibt es doch. Da sind auch nicht immer BMI oder DOSB die Adressaten, sondern Länder oder Kommunen. Aber man muss da doch gemeinsam agieren, und nicht hinter verschlossenen Türen Entscheidungen treffen, die am Ende keiner aus Überzeugung mittragen will, weil seine Probleme in den Beschlüssen nicht vorkommen.

Die Gegenwehr hält sich ja auch in Grenzen, weil das womöglich auch schädliche Folgen hat. Die Nicht-Diskussionskultur im deutschen Sport ist doch systemimmanent: Kaum einer traut sich offen Kritik zu üben, weil er vom Fördersystem und dem Goodwill des DOSB abhängig ist. Die Macht ist nicht mit dem Fußvolk, sondern schlägt zurück.

Hahn: Aber so kommt man doch auf Dauer nicht weiter. Es ist jedes Mal eine vertane Chance für den Sport, wenn man nicht gemeinsam an Lösungen arbeitet. Eigentlich müssten doch alle daran interessiert sein, eine gesellschaftliche Diskussion in Gang zu bringen, um vorwärts zu kommen.

Ich verstehe die DOSB-Linie nicht. Man möchte überhaupt nicht mit Schwierigkeiten erkennbar sein, die es objektiv aber gibt. Das muss doch von den Verantwortlichen laut und deutlich angesprochen werden. Und dabei kann es nicht allein nur um vermeintlich fehlendes Geld gehen, das immer wieder eingefordert wird.

Das scheint man ja auch gar nicht zu brauchen, wenn man die Antrags-Lethargie für die Mehrmittel sieht, die man für 2018 beim Bund beantragt hat, und die man dann nur schleppend oder gar nicht abruft?

Hahn: Zunächst versuche ich das mal zu verstehen: Natürlich hat sich durch die späte Regierungsbildung und die dadurch bedingte verspätete Haushaltsentscheidung in allen Bereichen auch der Mittel-Abruf etwas verzögert. Aber Sportverbände haben doch mittlerweile nahezu alle Hauptamtliche, die wissen, wie es geht. Die müssten doch neben ihren Konzepten, für die sie das Geld haben wollen, auch ihre Anträge auf Fördermittel eigentlich fertig vorbereitet haben. Insofern ist es dann doch schwer nachvollziehbar, dass so ein großer Millionen-Betrag angeblich wegen zu viel Bürokratie nicht abgerufen wird. Wer übernimmt denn die Verantwortung im Sport oder auch in der Politik, wenn nicht abgerufene Mittel womöglich verfallen? Und auch hier stellt sich die Frage der Transparenz und Kommunikation innerhalb des Sports.

Herr Hahn, Sie sitzen im Sportausschuss. Beobachter haben verstärkt den Eindruck, dass das Gremium seinen Aufgaben nicht gerecht wird – weder als Gutachter in sportpolitischen und sportfachlichen Fragen noch als Kontrolleur und auch Begleiter dieser Spitzensportreform, in die ja sehr, sehr viel Steuergeld gesteckt wird.

Hahn: Ja, mich ärgert besonders, dass der Sportausschuss wieder einmal kaum eigene Akzente im Haushalt für 2019 zu setzen vermochte. Wozu ist denn dieser Ausschuss da? In der letzten Wahlperiode haben wir mehrere Gesetzesvorhaben debattiert – etwa das Anti-Doping-Gesetz oder das Gesetz gegen Spielmanipulation. Und wir haben auch versucht, die Hintergründe über das vermutlich gekaufte „Sommermärchen“ der Fußball-WM 2006 aufzuklären. Jetzt sind im Rahmen der Leistungssportreform natürlich der Haushalt und die Verwendung der Mittel zentrale Punkte unserer Ausschussarbeit. Da wurden gerade auch von meiner Fraktion etliche Anträge gestellt, um mehr Geld für die TrainerInnen bereit zu stellen, die AthletInnen-Förderung zu verbessern und die Mittel für den Paralympischen Sport oder die Sportstättensanierung deutlich aufzustocken. All diese Anträge sind von den Koalitionären abgelehnt worden.

Überhaupt war das Beratungsverfahren unterirdisch: Wir hatten bis zur Schlussabstimmung im Ausschuss keine aktuellen Zahlen nach dem verspäteten Regierungsstart vorliegen. Ich habe die Bundesregierung mehrfach gebeten, uns auf den neuesten Stand zu bringen. Es passierte nichts. Dennoch hat die Sportausschuss-Mehrheit beschlossen, den Haushältern zu empfehlen, dem Sportetat zuzustimmen, ohne die konkreten Zahlen zu kennen. Ich halte das für völlig unverantwortlich!

In der Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses sind dann doch noch Aufstockungen für den Sport eingestellt worden, die von der Koalition im Fachausschuss noch abgelehnt worden waren. Was mich ja einerseits froh macht…

Und andererseits?

Hahn: Es kann doch nicht sein, dass am Ende der Haushaltsausschuss entscheidet, was im Sportbereich relevant ist. Wir überlassen beim Etat für 2018 den Finanzleuten, ob wir eine unabhängige Athletenvertretung wollen und wie man diese ausstattet, und für 2019 die Entscheidung, ob der Bund Entsendkosten für deutsche SportlerInnen zur den European Games nach Minsk übernimmt. Das sind originär sportpolitische Fragen und keine haushalterischen. Ich finde es feige, das auf die Haushälter abzuschieben, weil sich die Koalitionäre im Sportausschuss nicht einig sind. Das führt letztlich dazu, dass die Akzeptanz des Sportausschusses noch weiter abnimmt.

Wir müssen endlich anfangen mitzugestalten. Beispiel: Wir reden seit Jahren über die Duale Karriere von Spitzensportlern. Wir könnten doch endlich damit anfangen, im Dialog mit den AthletInnen eigene Modelle zu entwickeln und die Bundesregierung mit der Umsetzung zu beauftragen. Wir müssen als Sportausschuss doch vorgeben, wofür wir Steuermittel einsetzen wollen. Doch das passiert leider nicht.

Also das heißt: Der Sportausschuss müsste da auch Schwerpunkte setzen?

Hahn: Ich freue mich ja, wenn die Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf ausgetragen wird. Dafür stehen jetzt in den nächsten Jahren über 17 Millionen Euro zur Verfügung. Eine enorme Summe, über die im Sportausschuss nie gesprochen wurde. Von daher stellt sich schon die Frage, ob das viele Geld, das dort investiert wird, eventuell nur deshalb fließt, weil die Veranstaltung in Bayern stattfindet, dessen ehemaliger Ministerpräsident Seehofer jetzt auch Bundessportminister ist, weil es einen bayerischen Staatssekretär im Innenministerium gibt, und weil beide das gleiche Parteibuch haben wie der DOSB-Präsident. Wo ist ein nachvollziehbares Konzept, wofür man diese Summe braucht? Und wie sieht das mit der Gleichbehandlung aus? Die Verantwortlichen für die Bewerbung um die Special Olympics haben ihre Pläne im Sportausschuss transparent vorgestellt. Man kann doch nicht einfach auf Zuruf Millionenbeträge in den Haushalt einstellen.

Zum Qualitätsmanagement, wozu dann auch der sinnvolle Einsatz von Finanzmitteln gehört, so heißt es jetzt offiziell, soll nun PotAS beitragen. Wie ist denn da mittlerweile Ihre Einschätzung?

Hahn: Also uns wurden ja kürzlich die Ergebnisse für die Wintersportarten vorgestellt. Die ergaben den „sensationellen“ Befund, dass wir im Rennrodeln und Bob Weltspitze sind. Für diese Erkenntnis hätte ich nun wahrlich kein Potenzialanalysesystem gebraucht; das kann ich jedes Wochenende im Fernsehen verfolgen. Ich habe immer noch erhebliche Zweifel, ob PotAS uns wirklich weiter bringt. Da ist vieles nicht zu Ende gedacht. Durch die Wahl bestimmter Attribute gibt es ein merkwürdiges Ranking, wo dann beispielsweise eine unbestritten erfolgreiche Sportart wie Biathlon in das zweite Cluster fällt, und womöglich weniger Zuschüsse erhält, was ich absurd finde. Wenn Leistungsträger wie Laura Dahlmeier z.B. wegen einer Verletzung längere Zeit ausfallen, bei der in der Prognose mit vier oder fünf Medaillen die Sportart gerechnet wurde, dann wird die gesamte Sportart abgestraft. Nachwuchstalente, die in der zweiten Reihe auch international schon Erfolge in einer Disziplin haben, finden bei PotAS gar nicht statt. Was sagt mir das alles über mögliche Potenziale? Da stehen bei mir viele Fragezeichen. Hier habe ich Diskussionsbedarf.

Wie ist denn nun aus Ihrer Sicht der Stand der Reformbemühungen? Geht alles weiter wie gehabt?

Hahn: Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass man sich gegen Veränderungen sträubt, und dagegen, dass Altbekanntes und vermeintlich Bewährtes in Frage gestellt wird. Aber wenn der deutsche Sport und der DOSB international mithalten wollen, dann wird es ohne spürbare Korrekturen nicht gehen. Von daher war der Reform-Ansatz: „Wir prüfen mal, was wir an Strukturen haben“, nicht verkehrt. Aber es ist schon eigenartig, dass jetzt Herr Seehofer einfach ohne nähere Prüfung anweist, dass alle Stützpunkte erstmal bleiben. So geht das nicht. Das widerspricht doch dem eigentlichen Reformgedanken und vor allem auch dem propagierten eigenen Anspruch einer tiefgründigen Analyse, die man ja angeblich mit der Leistungssportreform haben wollte. Bei den Stützpunkten hat man die eigene, zwischen DOSB und BMI vereinbarte Vorgabe einkassiert, die bestehenden Standorte zu reduzieren. Ob es besonders klug war, sich zuvor gemeinsam auf Zahlen festzulegen, sei dahingestellt. Eine quantitative Veränderung sagt ja noch lange nichts über die Qualität aus.

Aber die Kritik war ja von Anfang an da – und man hat es offensichtlich wieder verbockt.

Hahn: Kann man so sehen. Wenn ich Sachsen als Beispiel nehme, wo ich mich gut auskenne: Da haben wir künftig ein Schild Olympiastützpunkt: Der wird vermutlich seinen Sitz in Leipzig haben – aus naheliegenden Gründen, etwa weil das IAT oder die Sportfakultät an der Uni dort ist. Aber es wird in Dresden und Chemnitz weiter Außenstellen geben. Man hat dann ein neues Dach, eine/n LeiterIn, aber die Frage ist doch: Was ändert sich wirklich?

Also sehen Sie das Projekt Reform als gescheitert?

Hahn: Für ein abschließendes Urteil ist es zu früh; noch sind wir ja in der Umsetzungsphase. Ich sehe die Reformbestrebungen und deren Realisierung insgesamt aber auf keinem glücklichen Weg. Das heißt nicht, dass vielleicht doch an der einen oder anderen Stelle etwas Positives kommen könnte. Aber insgesamt läuft das aus der Spur. Was mich wirklich überrascht hat, waren die klaren Aussagen der AthletenvertreterInnen auch im Sportausschuss, und meine Gespräche mit Sportlerinnen und Sportlern haben das bestätigt: Sie waren in jedweder Hinsicht von Anfang an bei dieser Reform draußen vor der Tür. Bei der Reform sollte es ja eigentlich um die AthletInnen und TrainerInnen gehen, um ihre Probleme und eine Verbesserung von Trainings-, Arbeits- und Alltagsbedingungen. Und da sollte man vor allem die Sicht der Betroffenen bei Entscheidungsprozessen einholen. Es ist ja keine Reform für die Funktionäre.

Obwohl Reform des Funktionärswesens im Sport, das hätte was.

Hahn: Da sind wir wieder bei der Autonomie des Sports, dem ja niemand vorschreiben sollte, von wem er sich führen lassen will. Wir müssen als Sportpolitiker allerdings dafür sorgen, wenn wir Spitzensport weiter haben wollen und Mittel dafür zur Verfügung stellen sollen, dass die dann auch zielgerichtet und sinnvoll verwendet werden. Und es gäbe unter gesellschaftspolitischen Aspekten im und mit dem Sport noch viel mehr zu besprechen, z.B. die Entwicklungen im Breiten- und Schulsport oder auch die unzureichende Schwimmfähigkeit vieler Kinder.

Aber das will ja offensichtlich niemand. Was also erwartet uns dann in Düsseldorf?

Hahn: Vermutlich leider eine Veranstaltung mit Wohlfühlcharakter ohne erkennbares Problembewusstsein. Und damit wieder die vertane Chance einer öffentlichen Debatte über den Stellenwert des Sports in unserer Gesellschaft.